Als sich ENGST 2015 in Berlin formieren, ist der Weg eigentlich schon vorgezeichnet – nur nicht der, den die Branche für eine Punkrockband erwartet! Frontmann Matthias Engst hat gerade eine Castingshow gewonnen, inklusive sicherem Major-Deal.
Statt die Popkarriere anzunehmen, schmeißt er alles hin und gründet mit Freunden eine Band. Keine Industrieformel, kein glattgebügeltes Produkt – lieber Punkrock, der aus dem echten Leben kommt. Neben der Musik arbeitet Engst als Sozialarbeiter, leitet einen Jugendclub und zeigt sich in seinen Texten sozialkritisch, direkt und authentisch. Zehn Jahre später steht fest: ENGST sind nie die typische Szeneband gewesen – und vielleicht gerade deshalb relevant. Ihr Sound bewegt sich seit jeher irgendwo zwischen Punk, Rock und großen, eingängigen Refrains. Ein bisschen Straßenstaub, ein bisschen Stadiontauglichkeit. Songs, die genauso gut im verschwitzten Club funktionieren wie auf größeren Festivalbühnen. Genau dieser Spagat zwischen Kante und Melodie hat der Truppe früh den Ruf eingebracht, gleichzeitig zu roh und zu poppig zu sein. ENGST selbst sehen das entspannter: „Wir passen in keine Schublade, wir sind der ganze Schrank.“
Inhaltlich war die Stoßrichtung dagegen immer klar. Die Texte kreisen um das Aufwachsen in Berliner Problemvierteln, um Abstürze, Selbstzweifel und die Frage, wie man in einer ziemlich schiefen Welt Haltung bewahrt. Solidarität, Freundschaft und Widerstand gegen Rassismus oder soziale Kälte ziehen sich durch die Diskografie. Songs wie „Keinen Meter“ oder „Raketen ohne Spatzen“ positionieren sich deutlich gegen rechte Ideologien sowie gesellschaftliche Ignoranz und scheinen in aufgeheizten Zeiten wie diesen relevanter denn je. Musikalisch hat sich der Vierer seit dem Debütalbum „Flächenbrand“ (2018) stetig weiterentwickelt. Mit „Schöne neue Welt“ (2020) gelang erstmals der Sprung in die deutschen Albumcharts, während „Irgendwas ist immer“ (2023) die Mischung aus persönlicher Selbstreflexion und gesellschaftlicher Beobachtung weiter ausbaute. Zwischen Songs über gescheiterte Beziehungen, Älterwerden und Gewalt auf der Straße blitzt immer wieder dieser typische ENGST-Ton durch: wütend, aber nicht zynisch – eher trotzig hoffnungsvoll. Stillstehen ist für die Berliner ohnehin keine Option. 2025 meldeten sich die Herren mit der Single „Denker & Dichter“ zurück – einem Stück, das den politischen Rechtsruck und gesellschaftliche Spaltung direkt adressiert. Für ENGST ist Musik längst auch eine Form von Gegenrede: Kunst soll Haltung zeigen, gerade wenn der Ton im öffentlichen Diskurs rauer wird.
Passend dazu feiern sie ihr zehnjähriges Bestehen nicht mit Nostalgie, sondern auf der Straße – beziehungsweise auf Tour. Mit einer großen Jubiläumstour geht es durch Clubs von Karlsruhe bis Berlin. Der Kreis schließt sich dort, wo alles begann: Vor Menschen, die lieber mitsingen, als nur zuzuhören. Vielleicht liegt genau darin ihr Erfolgsgeheimnis. Sie wollten nie die lauteste Punkband sein, nie die radikalste, nie die coolste. Stattdessen sind sie eine Band, die versucht, ehrlich zu bleiben – zwischen Pop-Hook und Pogokreis. Zehn Jahre später wirkt das fast wie ein kleines Wunder im hiesigen deutschen Rockbetrieb.
