Bertolt Brecht lässt in seinem epischen Drama „Leben des Galilei“ keinen Zweifel: Wahrheit ist kein harmloses Wort. Sie kann unbequem werden, gefährlich sogar; spätestens dann, wenn sie den Interessen derer in die Quere kommt, die lieber eine andere Geschichte erzählen.
Das Stadttheater Aschaffenburg macht daraus den roten Faden seiner Spielzeit 2026/27 unter dem Motto „Was ist Wahrheit?“ und setzt damit auf ein Thema, das längst aus philosophischen Seminaren und Gerichtssälen auf die Titelseiten der internationalen Presse gewandert ist. Alternative Fakten, Fake News, politische Erzählungen: Was gestern noch schlicht und klar als Lüge galt, bekommt heute einen neuen Anzug und marschiert geschickt als Meinung getarnt durch die Öffentlichkeit. Dabei ist die Kunst der Verdrehung keineswegs eine Erfindung des digitalen Zeitalters. Literatur kennt Zensur, Propaganda und ideologische Vereinnahmung seit Jahrhunderten. Werke werden verboten, umgedeutet, politisch aufgeladen. Selbst die großen Klassiker sind keine unberührbaren Denkmäler: Sie können zu Spiegeln werden oder eben zu Fahnen, unter denen ganz andere Interessen marschieren.
„Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ Bertolt Brecht
Denn Sprache bildet Wirklichkeit nicht bloß ab. Sie kann sie ausleuchten, verdunkeln, verschieben. Ein einziges Wort verändert mitunter den Blick auf einen ganzen Sachverhalt. Wer erzählt, entscheidet mit darüber, was sichtbar wird und was im Schatten bleibt. Genau hier wird das Theater interessant: Auf der Bühne wird Wahrheit nicht einfach verkündet. Sie tritt auf, widerspricht sich, wechselt die Gestalt und lässt das Publikum mitunter ratlos zurück.
In „Prima Facie“ (20.10.) etwa begegnen sich zwei Seiten desselben Rechtssystems. Tessa Ensler ist eine brillante Strafverteidigerin, die gelernt hat, Aussagen auseinanderzunehmen und Zweifel zu säen. Als sie selbst zur Klägerin wird, gerät das sichere Gerüst ihrer bisherigen Überzeugungen ins Wanken. Was gestern juristische Strategie war, bekommt plötzlich eine andere Schwerkraft.
Dass man Wahrheit auch vortrefflich verheddern kann, zeigt die italienische Commedia dell’arte „Diener zweier Herren“ (28.11.). In der Aktualisierung des Theaters Potsdam wird aus Goldonis Truffaldino der Gastarbeiter Kemal, der in Pforzheim gleich zwei Herren zu Diensten sein will. Zwei Jobs, zwei Auftraggeber, zwei Geschichten. Wer zwei Herren gefallen will, muss eben seine eigene Wahrheit schon ziemlich geschickt jonglieren.
Noch unheimlicher wird’s in „Ellen Babić“ (30./31.1.). Eine Anschuldigung reicht, und eine Beziehung, die auf vermeintlich festen Gewissheiten ruht, bekommt Risse. Was ist geschehen? Wem ist zu glauben? Und wie viel Wahrheit steckt in einer Erinnerung, wenn jeder Beteiligte seine eigene Version besitzt? Der Satz „Wirklich passiert ist nur das, worauf sich alle einigen“ klingt nach einer ziemlich düsteren Warnung.
Auch die Komödie „Die Wahrheit“ (4.2.) nimmt es mit ebendieser nicht allzu genau. Vincent hat eine Affäre, behauptet aber, er lüge nicht. Er verschweige lediglich die Wahrheit. Ein kleiner sprachlicher Kniff und aus einer Lüge wird eine elegante Auslassung. Vielleicht beginnt Selbstbetrug genau dort: Nicht mit der großen Unwahrheit, sondern mit dem Satz, den man sich selbst so lange zurechtlegt, bis er bequem sitzt.
Mit „Storm“ (13.3.) verlässt das Thema die Welt des gesprochenen Worts. Das Tanztheater über die Klimakrise macht eine Realität körperlich spürbar, die sich politisch erstaunlich leicht wegdiskutieren lässt. Wo Zahlen, Modelle und wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verhandlungssache erklärt werden, kann Kunst etwas anderes leisten: Sie gibt der abstrakten Krise einen Körper, einen Rhythmus, einen Ort.
„Was ist Wahrheit?“ ist also viel mehr als ein schnell gewähltes Spielzeitmotto. Es ist eine Einladung zum Misstrauen oder in anderen Worten: zum kritischen (Nach-)Denken.
www.stadttheater-aschaffenburg.de
TsT-Produktionen:
- Di., 20.10.: Prima Facie
- Sa., 28.11.: Diener zweier Herren
- So., 13.12.: Die Feuerzangenbowle
- Sa., 30. & So., 31.1.: Ellen Babić
- Do., 4.2.: Die Wahrheit
- Sa., 13.3.: Storm
- Mi., 7.4.: Draußen vor der Tür
