Der Titel klingt erstmal wie ein ironischer Schulterzucker – „alles ganz normal hier“ – aber genau diese Haltung zerlegt die Biografie über den britischen Aktivisten John Davidson mit einer erstaunlich bissigen Energie. Der Film ist eine der seltenen mutigen Kinoerfahrungen, in denen einer Minderheit Gehör verschafft wird. Denn John Davidson „leidet“ seit seiner Kindheit unter dem Tourette-Syndrom. Heute ist Davidson als bekannter Botschafter seiner Erkrankung im Vereinten Königreich bekannt. Er hält Vorträge und Workshops und organisiert seit Jahren ein Tourette-Camp für betroffene Kinder und Jugendliche. 2019 wurde er für sein Engagement mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet.
Es ist simpel, Menschen mit Tourette-Erkrankung, einer neuropsychiatrischen Störung, zu brüskieren. Zu kurios ist das Krankheitsbild, welches mit ersten Gesichts-Tics beginnen kann (Augenzucken, Verkrampfen, Zischen, Pfeifen) und sich bis zu unkontrollierten Ausrufen wie Schimpfworten bemerkbar macht. In deutschen Verfilmungen zum Thema, wie beispielsweise „Lammbock“ (2001), „Vinvent will Meer“ (2010) oder „Ein Tick anders“ (2011) diente die Störung als nette Comedy-Einlage. Der britische Regisseur Kirk Jones wählt für sein Biopic einen erwachseneren Ansatz und nimmt die Erkrankung ernst. Im Mittelpunkt steht ein Charakter, der zwischen Anpassung und Selbstfindung schwankt – eingebettet in einen Alltag, der vertraut wirkt, aber unterschwellig Druck erzeugt. Protagonist der Geschichte ist John Davidson, der 1971 in der schottischen Stadt Galashiels zur Welt kam und als Teenager erste Tics entwickelte, die damals noch nicht als Symptome des Tourette-Syndroms bekannt waren. Thematisch kreist in der Verfilmung über die Lebensgeschichte von Davidson alles um die Frage, was „normal“ eigentlich bedeutet – und wer darüber überhaupt entscheidet. Dabei vermeidet der Film einfache, plumpe Antworten und lässt viel Raum für eigene Interpretation. Gerade diese Zurückhaltung macht ihn wirkungsvoll. Als Teil eines Trends im europäischen Kino fokussiert sich Verflucht normal weniger auf Handlung als auf emotionale Erfahrung und akribische, soziale Beobachtung. Das Ergebnis ist ein nachdenkliches, ehrliches Werk, das lange im Kopf bleibt. Kirk feiert mit seiner Tragikomödie das Gefühl, verstanden und ohne Vorbehalt in eine Gemeinschaft integriert zu werden
Übrigens: Was haben Leonardo DiCaprio, Timothée Chalamet, Ethan Hawke und Michael B. Jordan gemeinsam? Die Top-Hollywood-Stars wurden beim BAFTA, dem britischen Oscar-Pendant, vom 33-jährigen Newcomer Robert Aramayo in den Schatten gestellt, der als „Bester Hauptdarsteller“ auf dem Siegertreppchen stand. Allein seine beeindruckende Performance lohnt den Kinobesuch!
