Die Sommerbühnen haben sich im Handumdrehen zu viel mehr entwickelt als einer weiteren Open-Air-Reihe im Veranstaltungskalender der Stadt. Auf dem Campus der TH entsteht im August und September erneut ein wunderbarer Kulturort, der unterschiedlichste Menschen zusammenbringt: Studierende, Familien, Theaterliebhaber, Musikfans und Neugierige. Umrandet von Hörsälen und zwischen altem, Schatten spendendem Baumbestand auf dem grünen Campus zeigt sich Aschaffenburg von seiner urbanen, kreativen und vor allem entspannten Seite.
Dass die Sommerbühnen mittlerweile eine solche Strahlkraft entwickeln, liegt auch an den großartigen Kooperationen hinter dem Gesamtprojekt. Das Kulturamt Aschaffenburg arbeitet hier mit etablierten Partnern wie dem Colos-Saal Aschaffenburg, Heavy Grounds e. V., dem Freundeskreis für Kultur e.V., Sound of Liberation und dem Kollektiv Hannebambel zusammen. Das Programm, das dadurch entsteht, ist überaus divers, verbindet unterschiedlichste Genres und geht damit weit über klassische Festivalformate hinaus. Diese Mischung ist kein Selbstzweck, sondern prägt den Charakter dieser Reihe: niedrigschwellig im Zugang, offen in der Form, aber klar in der künstlerischen Qualität.
Auch im Bereich Bühne und Schauspiel zeigt sich diese Vielfalt eindrucksvoll: Literatur, Musiktheater, Improshows und Familienstücke machen große Stoffe zugänglich, ohne dabei an künstlerischem Anspruch zu verlieren. Es ist ein Programm, das bewusst mit Erwartungen spielt und genau darin seine Stärke entfaltet.
© Wolfgang Runkel
Carmen à trois
Schon der Auftakt mit „Carmen à trois“ (14.8.) am Eröffnungsabend der Sommerbühnen verspricht musikalisches Theater voller Tempo und Humor. Sabine Fischmann und Michael Quast nehmen sich Bizets Opernklassiker vor und zerlegen „Carmen“ lustvoll in ihre Einzelteile. Was zunächst wie eine respektlose Parodie wirken könnte, entpuppt sich als präzise durchkomponiertes Spiel mit Musikgeschichte, Rollenbildern und theatralen Konventionen. Gleichzeitig bleibt die Faszination für die Originalmusik spürbar, die immer wieder durchscheint und dem Abend seine emotionale Tiefe gibt.
Ganz anders, aber nicht weniger lebendig, präsentieren sich die „Improschnuppen“ (15.8.) vom ZapzarAB Improtheater mit Szenen direkt aus dem Augenblick heraus; spontan, überraschend und jedes Mal erfrischend neu. Hier gibt es keinen fertigen Text, keine Wiederholung, keinen doppelten Boden. Alles entsteht aus Zuruf, Situation und Reaktion. Dass dabei komische Übertreibung und leise Momente nebeneinanderstehen, gehört zum Prinzip dieser Spielform; und macht jeden Auftritt zu einer einmaligen Momentaufnahme.
Einer der emotionalen Höhepunkte dürfte zudem „Rio Reiser: Der Traum ist aus, aber …“ (27.8.) sein. Schauspieler und Musiker Peter Schneider nähert sich mit seiner Band dem legendären Rio Reiser an und versucht, alle Ambivalenzen dieser widersprüchlichen Künstlerfigur – Melancholie, politische Wucht, Utopie – auf die Bühne zu bringen. Es geht um musikalische Verdichtung: Songs, Texte und Erzählungen begleiten diese Show und verbinden sich.
Auch Literatur erhält ihren Platz: Mit „Es SCHILLERt über den Campus“ (3.9.) ziehen durch Katrin Penz Balladen und mehr – umrahmt mit dem Cello – von Friedrich Schiller unter freiem Himmel ein. Klassische Sprache trifft hier auf eine Spielweise, die bewusst mit Distanz bricht. Die Texte werden nicht historisch ausgestellt, sondern in einen performativen Rahmen gesetzt, der ihre Dynamik freilegt. So entstehen Momente, in denen der vermeintlich ferne Klassiker überraschend gegenwärtig wirkt – auf keinen Fall als Pflichtstoff, sondern als Theatermaterial mit Reibungspotenzial.
© Philipp Plum
Don Quixote
Die Schauspiel-Komödie mit Musik „Don Quijote“ (11.9.) beschließt den sommerlichen Theaterreigen. Nur zwei Vollblutschauspieler verwandeln die Bühne in eine Welt voller Abenteuer, Poesie und Humor. Deutschlandweit gefeiert, bringt das Neue Globe Theater Potsdam diese Ode an die Fantasie und die Musik nach Aschaffenburg.
Familienproduktionen wie „An der Arche um Acht“ (4.9.) oder „Momo“ (6.9.) erweitern das Programm um fantasievolles Picknickdecken-Theater für jüngere Besucher. Auch hier zeigt sich die kuratorische Idee der Sommerbühnen deutlich: Es geht nicht um ein Nebenprogramm für Kinder, sondern um eigenständige Produktionen mit klarer ästhetischer Haltung. „Momo“ etwa entfaltet seine Wirkung über Zeitfragen, Beschleunigung und das Verhältnis von Mensch und Alltag, Themen also, die weit über das junge Publikum hinausreichen – und obendrein ein Kinderbuchklassiker für alle Generationen ab den 1970ern. „An der Arche um Acht“ wiederum arbeitet mit pointiertem Humor und existenziellen Fragen in verdichteter Form, ohne an Leichtigkeit zu verlieren.
Dass all dies auf dem Campus der TH stattfindet, ist dabei weit mehr als eine praktische Lösung. Der grüne, zentral gelegene Hochschulcampus hat sich als idealer Ort für Freiluftkultur erwiesen, denn er liegt zentral, ist gut erreichbar und zugleich mit einer wunderbaren Atmosphäre zwischen urbanem Raum und sommerlicher Leichtigkeit gestaltet. Die Nähe von Bühne, Publikum und Umgebung erzeugt eine besondere Intensität: keine klassische Distanz zwischen „drinnen“ und „draußen“, sondern ein fließender Übergang, der das Festivalgefühl entscheidend prägt.
Und wenn über dem Campus die Sonne untergeht, zwischen den Bäumen applaudiert wird und irgendwo noch ein letzter Song oder Pointenrest durch die warme Abendluft zieht, merkt man schnell: Genau so fühlt sich Sommer in Aschaffenburg an.
