Durch die Psychologie wissen wir, dass jede Vater-Tochter-Beziehung prägend für die Entwicklung der eigenen Tochter ist und sich langfristig auf das Selbstwertgefühl von Mädchen, ihre psychische Gesundheit sowie ihre sozialen Fähigkeiten auswirkt. Eine enge und unterstützende Beziehung kann zu höherem Selbstwert, besserer Stressbewältigung und mehr Stabilität im Erwachsenenalter führen. Umgekehrt können negative Erfahrungen zu Unsicherheiten und Schwierigkeiten in (Liebes-)Beziehungen enden; dazu zählt das Konzept des „negativen Vaterkomplexes“. Schon immer hat sich das Kino mit dieser spannenden Thematik befasst.
Man denke da an aktuelle Verfilmungen wie Maren Ades „Toni Erdman“ (2016), in der ein pensionierter Musiklehrer seine karrieregeplagte Tochter in Rumänien besucht und es zu allerlei skurrilen, gleichzeitig aber auch allerhand emotionalen Begegnungen kommt. Wahnsinnig schön ist das gehypte britische Indie-Debüt „Aftersun“ (2022) von Charlotte Wells mit everybodys Darling Paul Mescal in der Hauptrolle. Darin erinnert sich eine junge Erwachsene, wie sie als elfjähriges Mädchen die Sommerferien mit ihrem jungen Vater an einem türkischen Badeort verbrachte und dieser immer abweisender und seltsamer wurde. Unvergessen sicher auch „Väter & Töchter“ (2015). Das packende US-Drama erzählt das Leben des Schriftstellers Jake und seiner Tochter Katie im Abstand von 25 Jahren. Nach dem Tod seiner Frau und einem darauffolgenden Nervenzusammenbruch kämpft sich Jake, gespielt von Russel Crowe, als alleinerziehender Vater durchs Leben.
Ganz anders macht es der norwegische Regisseur Joachim Trier, der mit „The worst Person in the World“ (2021) vor einigen Jahren einen absoluten Kultfilm der Generation Y mit all ihren Sehnsüchten, Träumen und Illusionen auf die Leinwand brachte. Seitdem erwarten alle Fans des europäischen Kinos seinen Nachfolgefilm „Sentimental Value“. Wieder mit dabei: Die großartige Renate Reinsve in der Hauptrolle, eine der besten Schauspielerinnen ihrer Altersklasse. In einem tragikomischen Porträt geht es um die verzwickte Beziehung zwischen Nora (Renate Reinsve) und ihrem Vater Gustav (Stellan Skarsgård). Diese traut ihren Augen nicht, als ihr Vater zur Beerdigung ihrer Mutter kommt. Schließlich hat der Filmregisseur seine Familie vor Jahren verlassen. Verachtung, Verzweiflung, unausgesprochene Tatsachen stehen im Raum. Umso größer ist die Überraschung, als dieser ihr die Hauptrolle in seinem neuen Film anbietet. Das emotionale Chaos ist vorprogrammiert. Gleich in der ersten Sequenz etabliert Regisseur Trier einen weiteren Hauptdarsteller, das Haus der Familie. In einer rasanten Montagesequenz wird die Geschichte dieses Zuhauses erzählt, von Freud und Leid berichtet, das die Wände gehört haben, davon, was sich bei Partys auf den Dielen abgespielt hat. In einem intensiven Schauspiel-Duell sind es allen voran die beiden Hauptdarsteller, die überzeugen und aus einem raffinierten Familiendrama ein sehr gelungenes Melodram über ein komplexes Tochter-Vater-Verhältnis werden lassen. Der Film feierte im Mai 2025 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes seine Weltpremiere und wurde dort mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. „Sentimental Value“ wird von Norwegen als Beitrag für die Oscarverleihung 2026 als „Bester Internationaler Film“ eingereicht. Wer Lust auf einen unkonventionellen Familienfilm über die Weihnachtstage hat, der ist mit diesem Arthouse-Juwel gut beraten.
