Beim Besuch des Christian Schad Museums und der Kunsthalle Jesuitenkirche kann man sich ab sofort von einem Museumsroboter begleiten lassen. Der Kleine kann nicht nur durch Ausstellungen führen und Informationen vermitteln, sondern ist ein wesentlicher Baustein für die interaktiven Museumsbesuche der Zukunft.
Auf den Museumsroboter wurde Johannes Honeck, Leiter des Christian Schad Museums und der Kunsthalle Jesuitenkirche, durch die Aschaffenburger Künstlerin Kati Blumenstein aufmerksam, die den Kontakt zu Paul Goeke und René Baral vom Schwarzwälder Start-up Robolutions herstellte. Die beiden Entwickler haben im Rahmen eines Pilotprojekts ihre Roboter bereits in Museen in Mannheim und Pforzheim sowie zahlreichen Stadtbibliotheken in den Einsatz gebracht und konnten auch in Aschaffenburg von ihren digitalen Begleitern überzeugen.
Ein FRIZZ-Gespräch über die ersten Tage des neuen besonderen Kollegen in Aschaffenburg, das Publikumsfeedback und den Museumsbesuch der Zukunft mit Johannes Honeck sowie den „Robolutionären“ Paul Goeke und René Baral.
FRIZZ Das Magazin: Wann und warum kam euch die Idee, einen Museumsroboter zu entwickeln?
Robolutions (R): Die Idee ist 2022 aus der Praxis heraus entstanden, nachdem wir bereits in einem anderen Start-up mit semihumanoiden Robotern gearbeitet und aktiv neue Einsatzfelder gesucht haben. Museen stehen vor Herausforderungen durch begrenztes Personal bei gleichzeitig steigenden Anforderungen an Besuchererlebnis und Service. Unser Ansatz war deshalb, Technologie so einzusetzen, dass sie echten Mehrwert schafft. Und der Moment, als der erste Roboter tatsächlich nach sechs Monaten Entwicklung eigenständig Besucher durch ein Museum begleitet hat, war für uns ein echter Meilenstein, auch weil wir gesehen haben, dass die Technologie nicht nur funktioniert, sondern auch begeistert.
René Baral, Johannes Honeck, Paul Goeke
Johannes, ab wann war klar, dass so ein Kollege auch nach Aschaffenburg kommen muss?
Johannes (J): Nicht direkt nach der ersten Sekunde, weil bei mir anfangs neben der Neugierde auch ein wenig Skepsis da war. Aber ich habe sehr schnell das Potenzial entdeckt, das drinsteckt. Denn gerade bei unseren zwei Häusern, die zwar inhaltlich stark sind, aber bei manchen Menschen vielleicht nicht automatisch auf der ersten Freizeitliste stehen, kann so ein Roboter eine Schwelle abbauen. Für mich war zudem entscheidend, dass der Roboter nicht als Gag funktioniert, sondern als Erweiterung unserer Vermittlung. Aber ganz ehrlich, der Kleine ist auch einfach knuffig und wenn er so tapsig vor einem hin und her fährt, schmunzelt man doch auch ein wenig.
Was genau kann der Roboter und welche Aufgaben übernimmt er?
R: Als sozialer Roboter kann er Besucher begrüßen, durch Ausstellungen führen, allgemeine Infos geben und bei der Orientierung im Haus helfen. Und er ergänzt das Angebot des Museums um interaktive Formate, wie zum Beispiel Rätseltouren durch die Ausstellung. Besonders ist dabei, dass er als Persönlichkeit auftritt, die nicht nur Infos einfach runterrattert, sondern einen eigenen Charme entwickelt. Uns ist zudem sehr wichtig, dass der Roboter kein Ersatz für Museumspädagogik oder -personal sein soll, sondern eine Ergänzung, die einer breiteren Masse den Zugang zu den Inhalten des Museums erleichtert.
J: Er weckt nicht nur Neugier und bringt Menschen ins Gespräch, sondern signalisiert auch klar, dass Museen keine verstaubten Orte, sondern lebendige Räume sind, die sich mit Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen.
Kann ein Museumsroboter auch ein Werbemittel sein, Interesse bei Menschen zu wecken, bei denen das CSM oder die Kunsthalle nicht ganz oben auf der To-do-Liste stehen?
J: Ja, ganz eindeutig. Und ich würde sogar sagen, dass genau darin ein wesentlicher Reiz liegt. Ein Museumsroboter erzeugt zunächst natürlich Aufmerksamkeit. Er hat eine starke visuelle Präsenz, Menschen bleiben stehen, schauen hin, machen Fotos, erzählen anderen davon. Das ist ein Effekt, den klassische Museumsvermittlung in dieser Form oft nicht von selbst erzeugt. Aber es geht noch tiefer. Der Roboter verändert die Wahrnehmung des Hauses, in dem er steht. Er sendet die Botschaft aus, dass hier etwas in Bewegung ist und dass wir bereit sind, neue Wege zu gehen. Denn in einer Zeit, in der kulturelle Institutionen um Aufmerksamkeit konkurrieren, muss man nüchtern sagen, dass gute Inhalte allein nicht immer reichen. Wenn ein Roboter dazu beiträgt, Menschen überhaupt erst in Kontakt mit dem Museum zu bringen, dann hat er seinen Werbeeffekt erfüllt. Wichtig ist nur, dass danach auch Substanz folgt. Der Roboter ist der Türöffner, aber die eigentliche Überzeugungsarbeit leisten weiterhin Kunst, Sammlung, Ausstellung und Atmosphäre.
Robolution
Wie nehmen Besucher den Roboter auf, wie ist das bisherige Feedback?
J: Das Feedback ist bislang vor allem von Neugier, Sympathie und einer gewissen Überraschung geprägt. Viele Menschen reagieren zunächst spielerisch, gehen auf den Roboter zu, probieren aus, wie er reagiert und wollen wissen, was er kann. Und wir merken, dass der Roboter unterschiedliche Zielgruppen unterschiedlich anspricht. Kinder reagieren oft ganz unmittelbar, offen und ohne Berührungsängste. Erwachsene sind anfangs manchmal zurückhaltender, aber dann schnell fasziniert, gerade weil sie so etwas in einem Museum nicht unbedingt erwarten.
Paul Goeke (P): Das deckt sich mit unseren Erfahrungen aus den anderen Museen, in denen unsere Roboter im Einsatz sind. Viele Besucher sind sehr neugierig, offen und oft erstaunlich emotional. Einige treten sofort in Interaktion mit ihm, und für die Einrichtungen ist er nicht nur ein toller Eyecatcher, sondern ein echtes Werkzeug für konstant qualitative Vermittlung. Aschaffenburg ist für uns ein schönes Beispiel dafür, wie sich so ein Robotereinsatz einfach und publikumsnah umsetzen lässt.
Wie oft am Tag muss der neue Kollege ran und hat er schon einen Namen?
J: Wir beginnen ja gerade erst mit den Tests, also sammeln wir auch gerade noch Zahlen. Wir sehen den Roboter aber nicht als Dauerattraktion, die ununterbrochen laufen muss, sondern als gezielt eingesetztes Vermittlungsinstrument. Daher sind uns die bloßen Einsatzzahlen eigentlich gar nicht so wichtig, sondern viel mehr, dass jeder Einsatz sinnvoll eingebettet ist und dem Besuch einen echten Mehrwert gibt. Zum Namen haben wir intern bereits erste Vorschläge gesammelt und werden diese in Kürze über Social Media zur Abstimmung stellen, denn ich finde es charmant, wenn so eine Namensfindung gemeinsam mit dem Publikum geschieht. Und das passt auch gut zu unseren Museen, die Beteiligung ernst nehmen wollen.
Wo seht ihr noch Potenzial und wie wird sich eurer Vision nach ein Museumsbesuch der Zukunft über die Roboter hinaus gestalten?
J: Das eigentliche Potenzial liegt für mich nicht im Roboter allein, sondern in einem veränderten Verständnis von Museum. Der Museumsbesuch der Zukunft wird individueller, dialogischer und durchlässiger sein und stärker auf unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen und Vorwissen reagieren. Manche wollen eine knappe Einführung, andere eine vertiefte kunsthistorische Einordnung, wieder andere vielleicht eine spielerische oder emotionale Annäherung. Technik kann helfen, diese verschiedenen Ebenen parallel anzubieten, ohne dass das Museum dabei seine inhaltliche Tiefe verliert.
P: Das sehen wir ganz genauso. Museen werden zukünftig unserer Meinung nach stärker auf unterschiedliche Interessen, Wissensstände und Zeitbudgets eingehen. Nicht jeder möchte eine Ausstellung auf dieselbe Weise erleben und hier ist Technologie der Schlüssel, um Angebote individueller zu machen.
Robolution
J: Stimmt, in der Verbindung von analogem und digitalem Erlebnis steckt großes Potenzial. Der Museumsraum bleibt ein realer, körperlicher Ort, denn gerade die unmittelbare Begegnung mit dem Original ist unersetzlich. Aber um dieses Erlebnis herum können sich neue Ebenen legen, wie intelligente Begleitung, mehrsprachige Vermittlung, interaktive Dialoge, inklusive Zugänge, individuelle Routen oder ortsbezogene Zusatzinformationen. Nicht, um das Kunstwerk zu überdecken, sondern um unterschiedliche Zugänge zu ermöglichen.
P: Aus diesem Grund ist die Immersion auch so ein großes Thema. In einigen Museen sind Besucher inzwischen längst nicht mehr nur Betrachter, sie werden vielmehr Teil der Ausstellung, indem sie mit Exponaten interagieren und vielleicht sogar Spuren hinterlassen dürfen. Und wenn Technologie gut eingesetzt ist, drängt sie sich dabei nicht in den Vordergrund.
J: Das ist für mich auch ein sehr entscheidender Punkt, dass das Museum der Zukunft nicht nur technischer, sondern auch zugänglicher wird. Technik ist nur dann sinnvoll, wenn sie Nähe schafft, nicht Distanz. Wenn sie ermutigt, Fragen zu stellen und wenn sie Orientierung gibt, ohne zu bevormunden. Denn kein Roboter ersetzt die Aura eines Ortes, die Qualität einer Ausstellung oder das Gespräch mit echten Menschen. Aber er kann Teil eines Museums sein, das sich als offenes, lernendes System versteht. Genau darin sehe ich die Chance: Der Museumsbesuch der Zukunft wird nicht weniger menschlich, sondern im besten Fall menschlicher, weil er mehr Menschen auf mehr Wegen erreicht.
