ReReading: Woyzeck von Georg Büchner
Büchners Bestiarium
„Wer Georg Büchner liest, trifft auf Tiere.“ So formuliert es Roland Borgards, Literaturprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt in seinem neuen Buch „Büchners Tiere“, das im Mai erscheint. Ein solches „Bestiarium“, das sich im Œuvre des deutschen Schriftstellers findet, zeugt von manch animalischer Kuriosität: Im „Woyzeck“ gibt es neben Igeln, Hasen, Pferden oder Affen auch solche, die irritieren – wie das astronomische Pferd oder Süßwasserpolypen. Doch was suchen eben diese im „Woyzeck“ und welche Funktion haben sie? Roland Borgards meint, dass sich in ihnen die drei Bereiche Wissenschaft, Ästhetik und Politik kreuzen und sie damit als solche Mischwesen zu lesen sind. Doch inmitten dieser überwältigenden Tierwelt … worum geht es im „Woyzeck“ eigentlich?
Woyzeck – ein gedemütigter und missbrauchter Held
Georg Büchner erzählt im „Woyzeck“ die Geschichte eines mittellosen Soldaten, der am untersten Rand der Gesellschaft lebt. Um seine Geliebte Marie und das gemeinsame uneheliche Kind zu ernähren, ist Woyzeck gezwungen, seinen geringen Sold durch zusätzliche Arbeiten aufzubessern. Dabei gerät er in völlige Abhängigkeit von seinen Vorgesetzten: Der Hauptmann demütigt ihn moralisch, der Doktor missbraucht ihn als medizinisches Versuchsobjekt und setzt ihn auf eine gesundheitsschädliche Erbsendiät. Die ständige Armut, soziale Ausgrenzung und körperliche Überforderung destabilisieren ihn zunehmend. Er leidet unter Wahnvorstellungen und inneren Stimmen, die seine Wahrnehmung der Realität verzerren. Gleichzeitig entfremdet sich Marie von ihm und beginnt ein Verhältnis mit dem gesellschaftlich überlegenen Tambourmajor. Als Woyzeck von diesem Betrug erfährt und ihn bestätigt sieht, verliert er seinen letzten Halt. Getrieben von Eifersucht, innerem Zwang und sozialer Perspektivlosigkeit tötet Woyzeck Marie außerhalb der Stadt mit einem Messer. Nach dem Versuch, die Tat zu vertuschen, bleibt er allein zurück.
Zur komplizierten Überlieferungslage
Da Büchner 1837 früh starb, blieb der „Woyzeck“ ein Fragment. Überliefert sind vier Handschriften mit unterschiedlich angeordneten und teils abweichenden Szenen, weshalb es bis heute keine verbindliche Fassung gibt. Welche Szenenfolge oder Ende der Autor vorgesehen hatte, bleibt unklar. „Woyzeck“ ist somit ein offenes Drama ohne geschlossene Handlung, sondern beinhaltet vielmehr kurze, lose verbundene Szenen.
Wer ist eigentlich Georg Büchner?
Georg Büchner (1813–1837) war ein deutscher Schriftsteller, Naturwissenschaftler und politischer Revolutionär. In Dramen wie „Woyzeck“ oder „Dantons Tod“ richtete er den Blick konsequent auf die Unterdrückten, die Ausgebeuteten und die Verlierer sozialer Ordnung und stellte damit die gesellschaftliche Realität schonungslos dar. Obwohl er nur 23 Jahre alt wurde, veränderte er das deutsche Drama nachhaltig und gilt als Vorläufer literarischer Strömungen wie etwa dem Naturalismus. Neben seiner literarischen Tätigkeit engagierte er sich aktiv im Vormärz und kritisierte die restaurativen Machtverhältnisse seiner Zeit scharf.
Süßwasserpolypen, Hydra, Veretillen und Cristatellen
Wie bereits erwähnt, wird Woyzeck vom Doktor zu Experimenten gezwungen, muss ihm kuriose Tiere bringen, Urinproben abliefern und sich grotesken Diagnosen unterziehen. In einer Szene steigert sich diese Entwürdigung ins Absurde, wenn der Doktor eine ganze Menagerie mikroskopischer Wesen aufruft: „Hat er mir Frösch gefangen? Hat er Laich? Kein|en|e Süßwasserpolypen, keine Hyd[r]a, Veretillen, Cristatellen?“ Die Tiernamen klingen weniger wie Bezeichnungen, sondern eher wie Beschwörungen, halb Naturwissenschaft, halb Zauberspruch. Alle Bestien in Büchners „Woyzeck“ kriechen durch den Text bzw. vegetieren in ihm.
Bestialische Pathologie
Woyzeck wird zum Körper, der vermessen, diszipliniert und verwertet wird, bis er zerbricht. Wissenschaft, Moral und soziale Ordnung greifen wie Raubtiere ineinander und zerlegen Woyzeck in Funktionen, Daten, Symptome. Sein Wahnsinn bedingt sich dadurch, dass die Welt ihn ausnutzt, ver- und entwertet. Was bei Büchner Experiment heißt, heißt heute Optimierung, die Gewalt aber bleibt dieselbe.
Büchners Bestiarium
„Sommers Weltliteratur to go“
Für ein literarisches Vorglühen vor der Inszenierung im Stadttheater eignet sich das entsprechende Woyzeck-Video von
„Sommers Weltliteratur to go“, der mit seinem Playmobil-Ensemble Büchners Drama zum Leben erweckt.
www.sommers-weltliteratur.de/videos/woyzeck-by-georg-buechner
„Büchners Tiere“
Wer von Tieren bei Büchner noch nicht genug hat, wird im Buch von Roland Borgards „Büchners Tiere“
(Wallstein, erscheint im Mai 2026) fündig.
www.wallstein-verlag.de/9783835360990-buechners-tiere.html
Mit der Frage zur Aktualisierung von Literaturklassikern beschäftigt sich auch eine Studiengruppe an der Goethe-Universität Frankfurt, der der Autor dieser Reihe angehört.
