ReReading: Der Sturm
Magie, Macht und die große Illusion
William Shakespeare ist eines der wohl interessantesten literarischen Phänomene der Gegenwartskultur. Nicht vielen Autoren ist es gelungen, sich dem breiten Publikum derart ins Gedächtnis zu schreiben. Erst kürzlich hat die amerikanische Popsängerin Taylor Swift in ihrem Song „The Fate of Ophelia“ die wohl bekannteste Frauenfigur aus dem Shakespeareschen Œuvre popästhetisch verarbeitet. Der Dramaturg expandiert in alle Lebensbereiche und wird zum Kult, wodurch die kuriosesten Aktualisierungen entstehen, wie beispielsweise das 1958 ausgestrahlte Baseball-Game zweier kanadischer Comedien „A Shakespearean Baseball Game. A Comedy of Errors, Hits and Runs“, bei dem Sportler und Trainer in Shakespeares Versen über Sieg und Niederlage sprechen. Das Echo des englischen Literaten ist enorm und grenzenlos – seine Themen: universell und doch zutiefst menschlich. Grund genug also, Shakespeare immer wieder auf die Bühne zu bringen. So auch „Der Sturm“.
Wer ist eigentlich William Shakespeare?
William Shakespeare (vermutlich 1564–1616) war ein englischer Dramatiker, der bis heute als Popstar der Weltliteratur gilt. Seine Stücke erzählen von Liebe und Eifersucht, Macht und Gewalt, Identität, Begehren und Verrat. Ob „Romeo und Julia“, „Hamlet“ oder „Macbeth“: Shakespeares Figuren scheitern, zweifeln und begehren auf eine Weise, die erstaunlich modern wirkt. Geschrieben für die Bühnen seiner Zeit, werden die Texte bis heute weltweit gespielt, neu interpretiert und immer wieder aktualisiert.
Zwischen Märchenidylle und Rachefeldzug
Entstanden um 1610/11, inspiriert von realen Berichten über Schiffbrüche und ferne Inseln, ist „Der Sturm“ zugleich Shakespeares Abschied vom Theater als auch Reflexion über die illusionäre Macht von Kunst selbst. Auf den ersten Blick wirkt die Handlung fast wie ein Märchen: Ein entmachteter Herzog entfesselt mithilfe von Magie einen Sturm, lockt seine Feinde auf eine abgelegene Insel, will sich rächen – und ganz nebenbei die Zukunft seiner Tochter sichern. Doch unter dieser scheinbar klaren Oberfläche entfaltet sich ein vielschichtiges Spiel über Macht, Kontrolle und Vergebung.
Prospero, einst Herzog von Mailand, lebt nach der Intrige seines Bruders im Exil auf einer Insel. Gemeinsam mit dem Luftgeist Ariel erzaubert er einen Schiffbruch, der seinen Bruder, den König von Neapel und dessen Sohn Ferdinand genau dorthin spült, wo Prospero sie haben will. Alles, was folgt, ist Inszenierung: Täuschungen, Prüfungen, Verwirrspiele. Prospero lenkt die Handlung wie ein Autor auf der Bühne – weshalb er oft als Shakespeares Alter Ego gelesen wird. Die Insel ist dabei kein idyllischer Rückzugsort, sondern ein Raum der Projektionen. Hier begegnen sich Kolonialfantasien, Angst vor dem Fremden und Fragen nach Unterwerfung und Freiheit, besonders in der Figur des Caliban. Nichts ist eindeutig gut oder böse, alles bleibt ambivalent.
Die Macht der Inszenierung
Shakespeare spielt mit Macht, Magie und der verschwimmenden Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit. Prospero inszeniert seine Insel wie ein Experiment, steuert Menschen und Ereignisse nach Belieben – und lässt nachempfinden, wie nah Kontrolle an Illusion liegt. Am Ende zeigt sich: Macht ist nicht, wer beherrscht, sondern wer Illusion so biegen kann, dass sie zur Realität wird.
Shakespearesche Illusion in den Medien von heute
„Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind; und unser kleines Leben ist von Schlaf umgeben.“ In einer Welt voller Inszenierungen, Narrativen und künstlicher Wirklichkeiten trifft Shakespeare einen Nerv der Zeit. Inmitten aller Fake News und der Ausdehnung von Wirklichkeiten muss man fragen, wie frei wir als Menschen überhaupt noch sind. Hat nicht die mediale Landschaft der Illusionen und Realitätsverzerrungen schon längst Einzug gehalten in unser innerstes Bewusstsein, wenn wir täglich unsere Smartphones öffnen und auf Facebook, Instagram, TikTok oder X von Möchtegern-Experten „Wahrheiten“ vorgeplaudert bekommen, die wir unhinterfragt akzeptieren? Wie aufgeklärt sind wir noch in einer Zeit, in der kritisches Denken wichtiger wird denn je? Die Verstrickungen des menschlichen Denkens mit der Welt der Algorithmen schimmert in unsere Rationalität – wir werden getäuscht, belogen und betrogen. Die Illusion, die uns mit all unseren Apps umgibt, ist schon längst zur Realität geworden.
„Sturm“ im Stadttheater Aschaffenburg
Fr., 6.2., 19.30 Uhr
www.stadttheater-aschaffenburg.de
Mit der Frage zur Aktualisierung von Literaturklassikern beschäftigt sich auch eine Studiengruppe an der Goethe-Uni Frankfurt, der der Autor dieser Reihe angehört.
www.fzhg.org/studiengruppen/standard-titel-2
„Sommers Weltliteratur to go“
Für ein literarisches Vorglühen vor der Inszenierung im Stadttheater eignet sich das entsprechende „Andorra“-Video von „Sommers Weltliteratur to go“, der mit seinem Playmobil-Ensemble Frischs Roman zum Leben erweckt.
www.sommers-weltliteratur.de/videos/der-sturm-von-william-shakespeare
