Rereading: „Ronja Räubertochter“
Warum Kinder mutiger sind als Erwachsene
„Ronja Räubertochter“ ist weniger eine klassische Abenteuergeschichte als vielmehr eine Erzählung über Ablösung, Freiheit und das Erwachsenwerden in einer Welt alter Feindschaften und Konkurrenzbeziehungen. Im Zentrum steht Ronja, Tochter eines Räuberhauptmanns, die in einer abgelegenen Burg inmitten eines wilden, fast mythisch anmutenden Waldes aufwächst. Als Ronja Birk, den Sohn der verfeindeten Räuberbande, kennenlernt, entsteht zwischen ihr und Birk eine Freundschaft, die von den beiden Räuberbanden aufgrund eines alten Konflikts zunächst nicht toleriert wird. Ronja entscheidet sich infolgedessen, sich von der eigenen Bande zu lösen, um sich selbst treu zu bleiben und von den familiären Zwängen lösen zu können. Sie geht in den wilden, gefährlichen Wald, der gleichzeitig den Raum markiert, der dazu beiträgt, dass Ronja sich frei von den Zwängen der menschlichen Ordnung bewegen und entwickeln kann. Ronja lernt hier nicht nur Überleben, sondern auch Verantwortung jenseits familiärer Loyalität. Hinter der scheinbar märchen- und abenteuerhaft anmutenden Oberfläche entpuppt sich dementsprechend eine klare Absage an starre Feindbilder und (v)ererbte Machtstrukturen. Es geht eben darum, sich sein eigenes Bild zu machen, frei von Vorurteilen und Stereotypen. Und es geht vor allem darum, seine eigene Geschichte zu schreiben.
Wer ist eigentlich Astrid Lindgren?
Astrid Lindgren (1907–2002) war eine schwedische Schriftstellerin und eine der einflussreichsten Stimmen der modernen Kinder- und Jugendliteratur, deren Figuren weit über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus bis heute zum kulturellen Repertoire gehören. Geboren in Vimmerby auf dem schwedischen Land, prägen Kindheitserfahrungen zwischen bäuerlicher Freiheit und frühen Bruchlinien des Erwachsenwerdens ihr späteres Schreiben ebenso wie ihre Arbeit als junge Journalistin und Sekretärin, bevor sie als Autorin bei Rabén & Sjögren literarisch Fuß fasst. Mit Figuren wie Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder Ronja Räubertochter entwirft sie Gegenwelten in Form von kindlicher Autonomie. Ihre Helden und Heldinnen unterlaufen Autorität stets spielerisch, doch hinter der scheinbar leichten Erzählweise ist stets eine klare ethische Haltung erkennbar: Lindgren positioniert sich zeitlebens gegen Gewalt in der Erziehung, für Kinderrechte und gesellschaftliche Verantwortung. Als sie 2002 in Stockholm stirbt, hinterlässt sie ein Œuvre voller starker, selbstbewusster und widerstandsfähiger Figuren. Mit ihnen allen zeigt sich die Liebe Lindgrens zur Kindheit, die viele Erwachsene wohl verloren zu haben scheinen.
Mit Lindgren über Postkolonialismus nachdenken
„Aber werden die Leute denn nicht wahnsinnig wütend, wenn man ihnen ihre Sachen wegnimmt?“ Wem gehört eigentlich die Welt? In „Ronja Räubertochter“ wirkt diese Frage fast naiv. Und doch steckt darin etwas, das die ganze Räuberordnung, die Lindgren entwirft, ins Wanken bringt, nämlich: die Selbstverständlichkeit von Besitz. Die Mattis- und Borkarbande leben genau von dieser Selbstverständlichkeit. Was ihnen gehört, wird verteidigt. Was dem anderen gehört, ist legitim zu erobern.
Also: „Wem gehört das eigentlich?“ Ist dies längst nicht eine Frage, die den europäischen Kulturbetrieb im Kern seit langem schon trifft? Denn in der Debatte um die Restitution kolonialer Kulturgüter geht es genau darum: um Dinge, die unter asymmetrischen Machtverhältnissen entnommen wurden, also um die Frage, ob Besitz in solchen Fällen überhaupt je legitim werden kann. Die Welt der Räuber ist eben eine Welt, in der Aneignung normal ist. Überträgt man „Ronja Räubertochter“ ganz vorsichtig auf europäische Museen, fällt auf, dass es auch in den dortigen Kulturstätten um Besitz geht, der historisch entstanden ist und heute neu verhandelt werden sollte. Und plötzlich ist die Frage der Räuber keine Kindergeschichte mehr, sondern (kultur-)politische Gegenwart.
„Sommers Weltliteratur to go“
Für ein sommerliches Lesepäuschen im Schatten eignet sich das entsprechende „Ronja“-Video von „Sommers Weltliteratur to go“, der mit seinem Playmobil-Ensemble Lindgrens Buch inszeniert.
www.sommers-weltliteratur.de/videos/ronja-raeubertochter-von-astrid-lindgren
Mit der Frage zur Aktualisierung von Literaturklassikern beschäftigt sich auch eine Studiengruppe an der Goethe-Universität Frankfurt, der der Autor dieser Reihe angehört.
