ReReading: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Rilkes Weltwahrnehmungen: Sehen lernen
Sehen: Das ist bei Rainer Maria Rilke kein bloßer Sinnesakt, sondern eine existenzielle Übung, ein tastendes Sich-Aussetzen gegenüber einer Welt, die sich nicht mehr ordnen lässt, sondern nur noch in Splittern erscheint. Wer sieht, bleibt nicht unberührt: Die Dinge treten näher, sie drängen sich ein, lagern sich im Inneren ab, bis sie dort ein Eigenleben führen. In diesem Sinne ist das Sehen bei Malte immer schon ein Erleiden, ja ein Erfasstwerden von Wirklichkeit, die sich nicht bannen lässt. Wenn es gleich zu Beginn heißt: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier“, dann ist das keine beiläufige Beobachtung, sondern das Resultat eines intensiven Blicks, der nicht mehr abstrahiert, sondern wörtlich nimmt: Leben erscheint als ein Prozess des Sterbens, sichtbar, unausweichlich, in die Körper und Straßen eingeschrieben. Der 28-jährige dänische Adelsspross Malte lebt in Paris. Krankheit, Armut und Tod sind stets Wegbegleiter durch die französische Hauptstadt. Ihm erscheint ebendiese als Moloch der „Fortgeworfenen“ und Hort der „Nichtgesichter“. Paris ist eine einsame Stadt, gesichtslos, formlos, und dennoch von inneren und äußeren Zwängen stets spannungs- und affektbeladen. In lose miteinander verbundene Abschnitte hält Malte seine Beobachtungen fest: Straßenszenen, Bibliothekslektüren, Erinnerungen an die Kindheit auf dem Familiensitz, reflexive Sequenzen über historische Gestalten, Könige und Päpste. Doch immer sind es die Einsamkeit und der sich dramatisch-seicht spürbare kommende Tod der Mitmenschen, die Malte beschäftigen. Die Überlagerung von Jetzt und Damals brechen unvermittelt in die Pariser Gegenwart ein und bestimmen Erleben und Erinnerung. Maltes Ich ist ambivalent, er lässt Nähe zu, und grenzt sich dann wieder ab: Er sieht und spürt, genau das will er vermitteln. Wie lebt man also in einer Welt, die von Verfall und getriebener Enge geprägt ist? Die Verdichtung von Dasein über das Medium der Sprache ist das, was den Roman seine Form gibt.
Rilkes Synästhesien: Paris sehen, riechen und hören
Die Stadt fällt ein, nicht nacheinander, sondern zugleich: Sehen, Riechen, Hören verschmelzen zu einem Atem. „Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen“. Kaum ausgesprochen, mischt sich der Geruch hinzu: „Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer.“ Alles drängt und alles klebt sich wie ein Atem unter die Haut. Und über all dem das Geräusch: „Dass ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. […] Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. […] Das sind Geräusche. Aber es giebt hier etwas, was furchtbarer ist: die Stille.“ Lärm und Stille, Gestank und Gestalten, alles fällt zugleich ein, überlagert sich, schreibt sich ein. Sehen, Hören, Riechen: Nichts bleibt auf Distanz. Die Stadt wird Körper, Wahrnehmung wird Prüfung, ob man noch da ist, ob man noch lebt.
Rilke geht unter die Haut
Dass Rainer Maria Rilke (1875–1926) nicht im Bücherregal bleibt, zeigt sich auch jenseits der Literatur: Lady Gaga ließ sich Verse von ihm tätowieren, als müssten sie buchstäblich in ihren Körper eingeritzt werden, während Jimin sie für ein Musikvideo auf die eigene Haut malte, als Bild, als Geste, als Fortsetzung eines Sehens, das nicht beim Lesen endet. Rilke geht unter die Haut, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Mit ihm verbindet man in der deutschsprachigen Literatur die Moderne. Geboren in Prag, wurde er zunächst militärisch erzogen, fühlte sich jedoch früh der Sensibilität literarischer Texte hingezogen. Er war stets ein Reisender in einer sich ständig wandelnden Welt; er wollte „sehen lernen“, und so zog es ihn unter anderem nach Russland, Italien und Frankreich, wo er die Stimmungen seiner Zeit nachspüren wollte. Trotz andauernder Schaffenskrise und Selbstzweifel bietet Rilke ein umfangreiches Œuvre an; weltberühmt sind seine Verse aus den „Duineser Elegien“ oder den „Sonetten an Orpheus“. Dabei sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass Rilke auch die anderen beiden literarischen Gattungen vertritt: Als Romancier machte er sich mit den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, seinem einzigen Roman, einen Namen, und auch sein dramatisches Werk zeugt von der Vielfalt seines schriftstellerischen Könnens. Rilkes Kreise sind immer existenziell: Ihm geht es um den Tod, Kunst, Einsamkeit – und um die Möglichkeit, schier unsagbare emotionale Schwingungen in Sprache fassbar zu machen: „Die Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache.“
„Sommers Weltliteratur to go“
Für eine literarische Visualisierung eignet sich das entsprechende „Malte“-Video von „Sommers Weltliteratur to go“, der mit seinem Playmobil-Ensemble Rilkes Roman zum Leben erweckt.
Wer von Rilke noch nicht genug bekommt, sollte unbedingt die Ausstellung „Rilkes Welten“ im Marbacher Literaturarchiv besuchen.
www.dla-marbach.de/museen/literaturmuseum-der-moderne/wechselausstellungen/rilkes-welten
Mit der Frage zur Aktualisierung von Literaturklassikern beschäftigt sich auch eine Studiengruppe an der Goethe-Universität Frankfurt, der der Autor dieser Reihe angehört.
