Rereading: „Der große Gatsby“
Ein Abgesang auf den amerikanischen Traum
Was wie eine schillernde Aufstiegsgeschichte beginnt, entpuppt sich letztlich als leise Demontage eines nationalen Mythos. Der amerikanische Traum, also die Idee, dass Herkunft überwindbar ist und Erfolg allein vom eigenen Willen abhängt, wird in „Der große Gatsby“ karikiert und gleichzeitig zertrümmert. Jay Gatsby ist gewissermaßen das perfekte Produkt dieses Traums: Er hat sich selbst erschaffen, seine Vergangenheit abgestreift und sich mit aller Konsequenz in eine Figur verwandelt, die Reichtum, Stil und gesellschaftliche Zugehörigkeit verkörpert. Doch genau darin liegt die Tragik dieser Geschichte, denn Gatsbys Identität ist eine fragile Konstruktion, die ständig aufrechterhalten werden muss, durch Luxus, durch Maskerade. Die Welt, in die er unbedingt gehören will, bleibt ihm dabei strukturell verschlossen. Figuren wie Tom und Daisy Buchanan stehen für einen alten „Reichtum“, der sich nicht erarbeiten lässt, verteidigt durch Privilegien und Arroganz. Am Ende bleibt von Gatsbys Traum nichts übrig, außer einer einsamen Villa, einem Swimmingpool und der Erkenntnis, dass ein Leben, das auf Illusionen gebaut ist, zwangsläufig zerbrechen muss.
F. Scott Fitzgerald (1896–1940) war ein amerikanischer Schriftsteller und scharfer Beobachter seiner Zeit, der wie kaum ein anderer den Glanz und die Brüchigkeit der „Roaring Twenties“ einfing. Geboren in St. Paul, Minnesota, wird er nach abgebrochenem Studium und Militärdienst mit seinem Debütroman „Diesseits vom Paradies“ schlagartig berühmt und heiratet schon kurze später Zelda Sayre (später Fitzgerald), mit der er gemeinsam zum Symbol einer exzessiven, glamourösen Epoche wird. Werke wie „Der große Gatsby“ oder „Zärtlich ist die Nacht“ erzählen von Reichtum, Sehnsucht und dem Scheitern am eigenen Traum; oft elegant, oft melancholisch gebrochen. Doch hinter dem literarischen Erfolg stehen Krisen: Alkohol, finanzielle Probleme und Zeldas psychische Erkrankung prägen sein Leben. Als Fitzgerald 1940 früh stirbt, ist er weitgehend vergessen, erst deutlich später wird er zur ikonischen Stimme einer Epoche, deren Versprechen ebenso verführerisch wie vergänglich ist.
Die „Roaring Twenties“ im Roman
1925 veröffentlicht, gilt „Der große Gatsby“ heute als einer der zentralen Romane der amerikanischen Moderne und als schillerndes wie schonungsloses Porträt der „Roaring Twenties“. Auf den ersten Blick wird eine klassische Aufstiegsgeschichte erzählt: Der aus einfachen Verhältnissen stammende James Gatz erfindet sich als Millionär Jay Gatsby neu und richtet in seiner Villa auf Long Island rauschende Feste aus, um seine verlorene Liebe Daisy zurückzugewinnen. Doch unter der glitzernden Oberfläche entfaltet sich eine tief melancholische Erzählung über Sehnsucht, Illusion und soziale Masken. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Nick Carraway, einem Beobachter zwischen den Welten, der die Leere hinter Reichtum und Status sichtbar macht. Gatsbys Traum scheint sich kurz zu erfüllen; und scheitert doch an einer Gesellschaft, die von Oberflächlichkeit und Zynismus geprägt ist. So wird der Roman Liebesgeschichte und Abgesang zugleich.
Gatsby, Trump und das Bild von den USA heute
Fitzgeralds Amerika der 1920er wirkt auf den ersten Blick weit entfernt; Champagner, Jazz, dekadente Partys. Und doch fühlt sich vieles daran seltsam vertraut an. Denn die Mechanismen, die „Der große Gatsby“ beschreibt, haben sich nicht aufgelöst. Die Idee, dass Erfolg vor allem eine Frage der Inszenierung ist, prägt heute ganze Lebenswelten von Social Media bis Politik. Wer sichtbar ist, gewinnt. Wer die bessere Geschichte über sich erzählt, setzt sich durch. In dieser Logik erscheint jemand wie Donald Trump fast wie eine überzeichnete Gatsby-Figur der Gegenwart: ein Mann, der Reichtum, Status und Macht nicht nur besitzt, sondern vor allem performt. Auch hier geht es um Narrative: vom Selfmade-Millionär, vom Aufstieg, von der Rückkehr zu einer vermeintlich „großen“ Vergangenheit. Was „Der große Gatsby“ deshalb so aktuell macht, ist weniger seine Handlung als seine Diagnose: Eine Gesellschaft, die sich über laute Sichtbarkeiten definiert, läuft Gefahr, den Unterschied zwischen Sein und Schein zu verlieren. Und genau dort, im schmalen Grat zwischen Realität und Inszenierung, bewegt sich auch das heutige Bild der USA. Oder anders gesagt: Gatsby ist nie wirklich verschwunden. Er hat nur seine Bühne gewechselt.
„Sommers Weltliteratur to go“:
Für ein literarisches Vorglühen vor der Inszenierung im Stadttheater eignet sich das entsprechende „Gatsby“-Video von „Sommers Weltliteratur to go“, der mit seinem Playmobil-Ensemble Fitzgeralds Roman zum Leben erweckt.
www.sommers-weltliteratur.de/videos/der-grosse-gatsby-von-f-scott-fitzgerald
„Der große Gatsby“
Mi., 20. & Do., 21.5., je 19.30 Uhr | Stadttheater Aschaffenburg
www.stadttheater-aschaffenburg.de
Mit der Frage zur Aktualisierung von Literaturklassikern beschäftigt sich auch eine Studiengruppe an der Goethe-Universität Frankfurt, der der Autor dieser Reihe angehört.
