Max Frisch: Andorra
Andorra und die Architektur der Angst
Max Frischs „Andorra“ gehört wohl zu einem jener Stücke, die man im Deutschunterricht lesen muss – und dann im Bücherregal möglichst schnell verschwinden lässt – oder gar schlimmeres. Eigentlich schade, denn der Text weist gerade den heutigen Lesern die immerwährende Aktualität auf und zeigt, wie notwendig es ist, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und kulturelle Vielfalt zu leben. Frisch jongliert in „Andorra“ nämlich mit Themen wie Fremdheit, Vorurteil und Schuld und trifft damit damals wie auch heute absolut den Nerv der Zeit. Was bleibt also von Max Frischs „Lehrstück ohne Lehre“, wenn man es 2026 wieder liest? Eine überraschend unangenehme Erkenntnis: Die Andorraner leben in und unter uns.
Wer ist eigentlich Max Frisch?
Max Frisch (1911–1991) war ein Schweizer Schriftsteller und Architekt. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Roman Homo faber (1957), der die Geschichte eines technokratischen Manns erzählt, der mit den Unvorhersehbarkeiten des Lebens konfrontiert wird. Frisch arbeitete zunächst als Architekt, bevor er sich ganz der Schriftstellerei widmete.
Andorra – Staat der Tatenlosigkeit
In „Andorra“ geht es um ein kleines, erfundenes Land, das an ein anderes fiktives Land der „Schwarzen“ grenzt. Die Andorraner sind kleinbürgerlich, stolz auf ihre Nation und festgefahren in ihren Stereotypen: Sie fürchten sich vor den „Schwarzen“, weil sie stärker sind – und hassen sie obendrein. Darüber hinaus verfolgt das Nachbarland Juden, womit die Andorraner allerdings nichts zu tun haben wollen.
Andri, die Hauptfigur, wird von seinem Vater als Jude ausgegeben, der das vermeintliche Kind einst von den „Schwarzen“ gerettet haben soll. In Wirklichkeit ist Andri kein Jude. Unter dieser Stigmatisierung leidet er, denn die Vorurteile seiner Mitmenschen belasten ihn und schwächen sein Selbstwertgefühl. Als seine leibliche Mutter aus dem Land der „Schwarzen“ in Andorra auftaucht, kann er die Wahrheit nicht akzeptieren, denn er „fühlt“ sich bereits als der Jude, zu dem ihn seine Mitmenschen gemacht haben. Dann fallen die „Schwarzen“ in Andorra ein, um die Juden zu holen. Andris Landsleute schauen tatenlos zu, wie er, der eigentlich kein Jude ist, während einer „Judenschau“ getötet wird.
Andorra als Modell
Frisch verarbeitet in seinem Stück die Situation der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Es zeigt sich, wie jedes beliebige Land durch Mechanismen der Angst, Vorurteile und Gleichgültigkeit zu einem tatenlosen Andorra werden kann – und damit all seine Ideale über Bord wirft: „Ich werde dieses Volk vor seinen Spiegel zwingen, sein Lachen wird ihm gefrieren.“ Wie fiktiv Andorra wirklich ist, muss jeder selbst entscheiden. Unbestritten bleibt, dass die Ausgrenzung anderer und die eigene Isolation ausschließlich dazu führt, Mauern statt Brücken zu bauen.
Andorra als literarische Warnung
In einer Zeit, in der die Angst vor der fremden Kultur wieder zunimmt und politische Akteure den Untergang einer westlichen Kulturgemeinschaft heraufbeschwören, erinnert Frisch daran, wie Hass und Hetze zum moralischen Verfall einer Gesellschaft führen: „Duckt euch. Geht heim. Ihr wißt von nichts. Ihr habt es nicht gesehen. Ekelt euch. Geht heim vor euren Spiegel und ekelt euch.“
„Andorra“ ist eine literarische Warnung, die aktuell bleibt, wie auch eine Aussage von Angela Merkel im Rahmen ihrer Flüchtlingspolitik 2015 deutlich werden lässt: „Wenn wir jetzt noch anfangen müssen, uns dafür zu entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Ein Land, das sich für (Mit)Menschlichkeit entschuldigen muss, ist am Ende des Tages zum Scheitern verurteilt. Doch wie viel Verantwortung sind wir bereit zu übernehmen, bevor wir selbst Teil der Mauern werden, die wir anderen entgegenstellen? „Ich weißle, ich weißle, auf daß wir ein weißes Andorra haben, ihr Mörder, ein schneeweißes Andorra, ich weißle euch alle – alle.“
„Andorra“ im Stadttheater Aschaffenburg
Mi., 28.1., 19.30 Uhr
www.stadttheater-aschaffenburg.de
Mit der Frage zur Aktualisierung von Literaturklassikern beschäftigt sich auch eine Studiengruppe an der Goethe-Uni Frankfurt, der der Autor dieser Reihe angehört.
www.fzhg.org/studiengruppen/standard-titel-2
„Sommers Weltliteratur to go“
Für ein literarisches Vorglühen vor der Inszenierung im Stadttheater eignet sich das entsprechende „Andorra“-Video von „Sommers Weltliteratur to go“, der mit seinem Playmobil-Ensemble Frischs Roman zum Leben erweckt.
