ReReading: „Momo“
Nachhaltige Aufmerksamkeit
Michael Ende erzählt mit „Momo“ die Geschichte eines außergewöhnlichen Mädchens, das mit einer seltenen Fähigkeit ausgestattet ist: Sie kann anderen Menschen aufmerksam zuhören. Gerade weil sie sich Zeit nimmt und ihrem Gegenüber unvoreingenommen begegnet, hilft sie den Menschen, ihre Sorgen zu verstehen und Lösungen für ihre Probleme zu finden. Doch dieses friedliche Zusammenleben gerät aus dem Gleichgewicht, als die geheimnisvollen grauen Herren auftauchen. Sie überzeugen die Menschen davon, möglichst viel Zeit einzusparen und jeden Augenblick effizient zu nutzen. Nach und nach bestimmen Hektik, Leistungsdruck und Zeitmangel den Alltag. Freundschaften, Gespräche und gemeinsame Erlebnisse verlieren an Bedeutung, weil alles dem Gedanken der Produktivität untergeordnet wird. Als eine der wenigen erkennt Momo, dass die vermeintlich gesparte Zeit den Menschen in Wahrheit gestohlen wird. Gemeinsam mit Meister Hora und der Schildkröte Kassiopeia nimmt sie den Kampf gegen die grauen Herren auf und versucht, den Menschen ihre Lebenszeit zurückzugeben. Damit zeigt sie uns Lesern heute, dass Zeit weit mehr ist als eine messbare Größe und erst dann ihren Wert gewinnt, wenn sie mit Menschen, die wir lieben, geteilt wird. Aufmerksames und nachhaltiges Zuhören ist eben keine Zeitverschwendung.
Wer ist eigentlich Michael Ende?
Michael Ende (1929–1995) war ein deutscher Schriftsteller und zählt zu den bedeutendsten Autoren der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur des 20. Jahrhunderts. Geboren in Garmisch-Partenkirchen als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende, wuchs er in einer Zeit auf, die von den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs geprägt war. Nach einer Schauspielausbildung wandte er sich dem Schreiben zu und gelangte mit Werken wie „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ zu internationalem Ruhm. Seine Romane verbinden märchenhafte und fantastische Welten mit philosophischen Fragen nach Zeit, Fantasie, Freiheit und Menschlichkeit. Dabei richtet sich Endes Kritik häufig gegen eine von Leistungsdenken, Materialismus und Rationalisierung geprägte Gesellschaft, ohne dabei den Zauber des Erzählens aus den Augen zu verlieren. Für ihn eröffnet vor allem menschliche Fantasie neue Perspektiven auf die Wirklichkeit und den Menschen selbst.
Heute sind wir die grauen Herren
„Ich habe keine Zeit.“ Wohl kaum ein Satz beschreibt unsere Gegenwart treffender. Zwischen Terminen, Benachrichtigungen und dem ständigen Anspruch, produktiv zu sein, wird Zeit zunehmend zu einer (kapitalistischen) Ressource, die möglichst effizient genutzt werden soll. Heute sind wir eben wie die grauen Herren aus „Momo“, denn wir leben in einer Realität, in der Geschwindigkeit und Effizienz über Begegnung und Aufmerksamkeit gestellt wird. Und es sieht düster aus, denn durch die rasanten Fortschritte der Künstlichen Intelligenz wollen wir immer schneller und effizienter werden, um Zeit zu „gewinnen“. Vielmehr verlieren wir sie dabei jedoch, zumindest aber ihre Wertigkeit. Wenn wir das Nachdenken, das genaue und aufmerksame Lesen und das geduldige Zuhören immer häufiger an technische Systeme auslagern, verwirken wir fundamentale Kompetenzen in einer Zeit, in der kritisches Denken umso wichtiger ist denn je. Wir sollten deshalb auf Momo hören, denn sie erinnert uns daran, dass Zeit erst dort ihren Sinn gewinnt, wo Menschen sich wirklich aufeinander einlassen. Sich-Zeit-Nehmen, fast ein Gegenentwurf zum Zeitgeist, sollte eben nicht verlernt werden.
Campus-Sommerbühne: Momo als Picknickdecken-Theater
So., 6.9., 11 & 15 Uhr; Figurentheater; Katharina Witerzens Straßentheater
www.kulturamt-aschaffenburg.de/momo
www.katharina-witerzens.de/produktionen/momo
Sommers Weltliteratur to go
Für ein sommerliches Lesepäuschen im Schatten eignet sich das entsprechende und kurzweilige „Momo“-Video von „Sommers Weltliteratur to go“, der mit seinem Playmobil-Ensemble Endes Roman zum Leben erweckt.
www.sommers-weltliteratur.de/videos/momo-von-michael-ende
Mit der Frage zur Aktualisierung von Literaturklassikern beschäftigt sich auch eine Studiengruppe an der Goethe-Universität Frankfurt, der der Autor dieser Reihe angehört.
