Vor kurzem meinte meine Tochter, dieses eine Thema – das mir mittlerweile inhaltlich, wie so häufig leider schon wieder entfallen ist – würde sie jetzt aber mal ordentlich „Rage Baiten“. Sie war in großer Aufruhr und das war wohl der neueste Begriff der Jugend, wenn einem eine Sache ziemlich sauer aufstößt. Mich hat noch nie eine Sache „geragebaitet“. Wenn man „Geragebaitet“ überhaupt so schreibt. Ich kannte den Begriff des „Rage Bait“ bis dato nämlich überhaupt nicht. Mir schwillt der Kamm, mir reißt die Hutschnur, ich habe einen dicken Hals, nur bislang keinen „Rage Bait“ mit irgendwas. Ich lerne jeden Tag dazu. Danke Hanni.
Ich fragte einen Kollegen, dessen Kindern etwas älter sind. Es war der, der mir bereits mit der Tracksuit-Marke „Cusbclo“ weiterhalf. Jaja, er kenne den Begriff aus dem Amerikanischen, parierte er sofort. Ohne nachdenken zu müssen. Aha. Dort ist wohl der „Rage Bait“ eine gängige Kiste und der Kollege ist eindeutig näher am Zeitgeist, als ich das noch bin. Verdammt. Jetzt ist er allerdings auch hier bei mir angekommen. Seit ich um die Bedeutung von „Rage Baiten“ weiß, fällt mir die Bezeichnung immer wieder vor die Füße. Ein „Rage Bait“ hier, ein „Rage Bait“ da. Es liegt also eindeutig an mir. Ich kann mich nicht mehr rausreden. Ich bin wohl raus aus der Nummer. Machen wir uns nichts vor. Da hilft auch „Diggi“ oder „Bro“ nicht weiter.
In dieser Reihe geht es in regelmäßigen Abständen um die Begriffe der nachfolgenden Generation. Ein „hart klar“ war der Einstieg, „Cringe“ folgte mit sicherem Tritt. Angekommen im Teenager-Modus überschlagen sich die Ereignisse. Jugendsprech sagte man dazu einmal – glaube ich mich zumindest zu erinnern. Jugendsprech ist ein Begriff, den wiederum meine Tochter niemals verwenden würde. Ähnlich wie die Bezeichnung „Krude“. Ich meinte einmal kürzlich, das sei jetzt aber ganz schön krude, worauf Hanni mich verständnis-, ja fast fassungslos anschaute. Ich erkläre ihr, dass mein „krude“ so etwas wie ihr „Cringe“ ist. Nur anders. Wenngleich „Cringe“ mittlerweile nicht mehr häufig im Einsatz ist. Nichts ist so vergänglich wie der Jugendsprech, eben noch „cringe“, ist jetzt plötzlich alles „lowkey“. Na ja. Also so ähnlich und doch ganz anders. Egal. Yolo, Diggi!
Ich vermute, ich bringe das Thema der eigenen Jugendsprache so regelmäßig aufs Tablett, weil ich den Nachwuchs schlichtweg und einfach beneide. Um dieses reiche Füllhorn der Begrifflichkeiten. Denke ich an unsere Zeit, da kommt mir nur der Begriff „Geil“ in den Sinn. Und wenn man etwas besonders gut fand, dann war es eben „affengeil“ oder „saugeil“. Zwei gute Freundinnen von uns verwenden das Superlativ „Saugeil“ ohne mit der Wimper zu zucken immer noch, wenn sie etwas außer der Reihe und extraklasse finden. Saugeil! Was mich außerordentlich freut. Keines meiner Kinder ruft übrigens noch „Geil“ im Alltag, wenn etwas bemerkenswert Positives Einzug hält. „Saugeil“ schon mal gar nicht.
Wir riefen aber dauernd und immer „Geil“. Denn vieles war in unserer Generation schlichtweg geil. Das war sogar so geil, dass selbst die Engländer auf den Begriff aufmerksam wurden und ihm einen eigenen Song widmeten. Mit reichlich Ironie. Aber egal. „Ich bin geil. Du bist geil. Affen-, affengeil“. Da fällt mir ein: Ich muss dringend schauen, ob ich im Keller meine Bruce- & Bongo-Single finde. „Geil“ ist im Übrigen eine rein deutsche Erfindung. Aus einer Zeit, in der wir Deutsche noch Erfinder und nicht nur Nörgler waren. Geil war so etwas wie die deutsche Antwort auf Cool. Bis dato hatten wir nämlich nur „Cool“ als Alternative, Das wir bevorzugt nutzten, wenn wir ganz amerikanisch fühlen wollten. Dazu kauften wir noch ein Paar Levis Jeans im einzigen Jeans-Laden der Stadt, der das Modell im Sortiment hatte. Herrlich. Das waren Zeiten. Geil, Cool und ein Paar Levis-Jeans 501.
Jetzt gibt es in Hannis Welt Bershka, Stradivarius, Cusbclo, permanentes Chill mal, Rage Bait, Lowkey und zur Belohnung ein Frozen Joghurt mit drei Toppings. Extra-Crunchy-Peanut, Cranberries und was weiß ich. Oder eine Acai-Bowl für 10 Euro. Kannte ich vorher auch noch nicht. Aber lieber Himmel, was soll der Geiz. Schmeckt doch saugeil. Und überhaupt: You only live once, mein Freund. Oder besser: Yolo Diggi! Lieber eine gechillte Acai-Bowl als ein ordentlicher Rage Bait!
Bruno und ich hören: Black Flag „Damaged“ (SST)
