In meinen über 50 Lebensjahren trug und trage ich nur in ganz bestimmten Alltagssituationen und ausschließlich unter spezifischen Rahmenbedingungen eine Jogginghose. Zuhause am Samstag, inhäusig, nicht bei Gartenarbeit, früher beim Schulsport, heute beim Erwachsenensport. In der Regel sonntags, wenn ich nur abhängen möchte. Was die Kinder eh so gut wie nie zulassen. Muss ich aus Achtung vor mir selbst in diesem Zusammenhang erwähnen. Also die permanente Penetranz der Kinder und die wenigen Zeitfenster zum „Hang-Loose“.
Was aber nichts mit dem Thema zu tun hat, deshalb zurück zur Jogginghose. Die ich manchmal vielleicht trage, wenn ich sehr müde bin, Hanni aber irgendwo spätabends zu einer Freundin bringen muss. Bei diesen Transportfahrten lass ich sie ab und am Bein. Das war’s dann aber auch.
Ok. Ich kann mich noch an eine Sequenz erinnern, da trug ich einmal eine Jogginghose beim Einkauf. Es war unter der Woche und nach 20 Uhr und es ging lediglich in einen nahegelegenen Supermarkt, weil wir etwas vergessen hatten. Meine Frau wollte mich zurückhalten, ich ließ mich davon aber nicht abbringen. Auch weil ich davon ausging, dass ich nicht der Einzige im lokalen REWE bin, schließlich leben wir im Frankfurter Nordwesten. Da ist die Jogginghose in manchen Kreisen wichtiger als ein Paar polierte und gewichste Schuhe. Und siehe da, kaum stand ich vorm Obstregal, standen schon zwei weitere Kandidaten im lockerleichten Baumwollgummizug gekleidet. Na also.
Die Jogginghose findet bei mir ausschließlich in entsprechenden Koordinaten statt. Ich bin, was Jogginghosen betrifft, komplett im wertkonservativen Modus. Mit recht wenig Toleranz und damit eindeutig im Team Karl Lagerfeld. Der sich derweil im Grabe rumdrehen würde, täte er einen Blick in die heutigen Klassenräume werfen. „Jogginghose sind das Zeichen einer Niederlage. Man hat die Kontrolle über sein Leben verloren und dann geht man eben in Jogginghose auf die Straße“. Hat er wohl mal gesagt. Doch von wegen Kontrolle verloren, denkt sich da der Nachwuchs. Du alter weißer Mann! Mit einer Jogginghose gewinnst du erst die Kontrolle wieder. Zumindest den Style und die Haltung. Vermute ich.
Meine beiden Kinder und ihre Freunde kümmern nämlich meine und Karls Koordinaten einen feuchten Kehricht. Ihnen ist die Jogginghose so wichtig wie mir ein Gürtel an der Hose. Die Jogginghose – oder noch besser der geschlossene, abgestimmte Tracksuit – ist die inoffizielle Schuluniform, das Statement-Piece der Generationen, geboren ab – sagen wir mal 2010. Für meinen Sohn ging ein Traum in Erfüllung, als wir ihm endlich erlaubten, einmal mit Jogginghose in die Schule gehen zu dürfen. Dafür hat er sich bewusst eine Hose im Geschäft ausgesucht. Nicht jede Jogginghose taugt für so etwas. Es kostete uns sehr viel Überwindung. Am Ende war es unsere Schwäche auf Druck seines ständigen Nachbohrens. Eine Art klägliches „Auffi“.
Allerdings muss unterschieden werden. Es gibt Jogginghosen. Und daneben eben Jogginghosen. Dazu den bereits genannten Tracksuit. Das ist ein komplettes Ensemble, Ton in Ton. Für einen Tracksuit der Marke „6pm“ wollte sich meine Tochter schon einmal vor fast zwei Jahren – da war sie erst zwölf – bei einem Sonderverkauf irgendwo am Frankfurter Zoo anstellen. Wo besonders Hartgesottene bereits zwölf Stunden vor Eröffnung der Tore ihren Campground errichteten. Mit Zwölf! Irgendwo am Frankfurter Zoo! Ich muss es nochmals erwähnen. Ich fragte sie damals bereits, ob sie noch alle Tassen im Schrank hätte. Also so in etwa. Es war bestimmt pädagogisch etwas wertvoller. Ich sagte dazu auch klar und deutlich „Nein“. Natürlich dürfe sie sich nicht mit zwölf Jahren für einen Pop-up-Lagerverkauf einer Jogginghosenfirma eines Frankfurter Jungunternehmers anstellen. Lokalpatriotismus hin oder her. Weil sie eben erst zwölf Jahre alt ist und ich es ausnehmend schwachsinnig finde, sich stundenlang und mitten in der Nacht für eine einfarbige Jogginghose oder einen Hoodie bei Wind und Wetter auf einer Frankfurter Straße anzustellen.
Sie akzeptierte unser klares „No“. Wohl oder übel. Nur um sich ein paar Monate später endlich ein komplettes Ensemble der Alternativmarke „Cusbclo“ zu wünschen. Als ich das erste Mal den Namen „Cusbclo“ gehört habe, dachte ich, es sei ein neuer WC-Stein. Oder ein besonders starker Reiniger fürs Klosett. Mir war die Marke „Cusbclo“ kein Begriff. Jetzt ist mir klar: Willst du als Jugendlicher in der Track-Suit-Welt etwas gelten, dann geht das nur in „6PM“ und „Cusbclo“. Vom Scheitel bis zur Sohle, von der Hose bis zum Hoodie. Ton in Ton. Jetzt trägt Hanni „Cusbclo“ und mein Sohn ging das Herz auf, als ihm sein Patenonkel das Modell „Firebird“ von Adidas zum Geburtstag schenkte. Selbstverständlich Originals. Dem kann sogar ich noch etwas abgewinnen. Franz Beckenbauer lässt grüßen.
Bruno würde sich freuen, wenn ich es ihm einmal nachmachen würde. Ohne mich. Ich bin zu viel bereit, aber ein paar Regeln lasse ich mir nicht nehmen. Ich werde weiterhin nur in ganz bestimmten Alltagssituationen und ausschließlich unter spezifischen Rahmenbedingungen eine Jogginghose tragen. Zuhause am Samstag, inhäusig, nicht bei der Gartenarbeit. Und so weiter. You Remember? Aber Jogginghose in der Schule, Tracksuits, die klingen wie ein WC-Reiniger, tagelang für einen einfarbigen Hoodie anstehen … Leute, Leute, Sachen gibt es!
Bruno und ich hören: Boss Hog „Boss Hog“ (Geffen Records)
