Ich weiß nicht, was genau er getrieben hat, aber es muss sehr intensiv und heftig gewesen sein. Zumindest sieht alles danach aus. Als ich am Abend aus dem Büro nach Hause komme, liegt er nach Aussage meiner Frau bereits seit über drei Stunden schlafend und nicht mehr erreichbar auf der Couch. Völlig weggetreten. Und als er endlich aufwacht, wankt er durch unsere Bude, wie ein lebender Toter aus einem schlechten Zombie-Film. Oder als wäre er von einem dreiwöchigen Intensivtraining der deutschen Nachwuchstriathleten heimgekehrt. Oder – noch treffender – von einem Fünf-Tages-Sauf-Trip mit seinen besten Kumpels. So fünf Tage wach-mäßig und „Hey, was geht ab?“. Völlig durch die Mühlen des Nachtlebens gedreht.
Er war aber lediglich zwei Übernachtungen in Oberursel und dort im Haus Heliand. Abschlussfahrt der vierten Klassen der hiesigen Grundschule. Nicht mehr, nicht weniger. Montag Abfahrt, Mittwoch Heimkehr. Vielleicht 48, höchstens 54 Stunden in einem sehr geschützten Rahmen und alles sogar mit der S-Bahn erreichbar. Jesus. In solch einem Zustand war und bin ich bis heute höchstens nach zwei Wochen gepflegter Herrenfreizeit. Und die in Übersee mit Zeitverschiebung. Mit viel Schnaps, Bier und durchzechten Nächten. Auch dann bin ich nicht mehr von dieser Welt und weiß nicht mehr so recht, wo ich mich befinde. Doch hier liegen die Koordinaten anders. Wir sprechen von einem Freizeitzentrum des Evangelischen Jugendwerks Hessen nördlich von Frankfurt.
Es war partout nichts aus ihm rauszubekommen, was ihn in diese Verfassung gebracht hatte. Zwei Tage Oberursel, Freunde des gepflegten Kurztrips. Noch mal: nicht Ballermann. Kein Las Vegas. Noch nicht mal Zelten bei Wind und Wetter und Lagerfeuer. Stattdessen eben Haus Heliand. Wie konnte es denn so weit kommen mit ihm? Er schwieg weiterhin eisern und hartnäckig. Wurde gar mit zunehmender Dauer aufgrund unseres wiederholten Nachfragens unleidlich und verärgert. Nichts sei passiert, was wir denn von ihm nur wollen. Er hätte durchaus geschlafen, Fußball hätten sie gespielt, was denn sonst, es hätte keinen Streit gegeben. Und jetzt sei auch mal gut. Wir mögen jetzt doch bitte einmal aufhören mit dieser Fragerei, es nerve nur noch. Er will nicht über die Fahrt reden, es wäre sehr schön gewesen, mehr habe uns nicht zu interessieren und sonst gäbe es jetzt nichts mehr von ihm zu berichten.
Andere Eltern wussten ebenfalls nicht viel mehr als wir. Eine Mutter meinte, ihr Sohn wäre ebenfalls in keiner guten Verfassung und aus ihm wäre gleichermaßen nichts Zielführendes herauszulocken. What happens in Haus Heliand, stays in Haus Heliand. Das war wohl der Kodex der Reisetruppe aus Praunheim. Nur die Info, dass sie nach der verordneten Bettruhe einmal in die Nacht hinein ausgiebig UNO gespielt hätten, spuckte einer seiner Klassenkameraden auf Druck aus. Wir blieben einmal mehr irritiert. UNO nach 23 Uhr. Ordentlicher geht’s ja kaum. Kein Klingelstreich, kein Ausflug in andere Zimmer, kein Küchenüberfall. In welcher Verfassung kehrt er denn zurück, wenn er wirklich einmal auf Tour war. Ich mag es mir gar nicht ausmalen.
Am Folgemorgen gegen 7.15 Uhr meldete ich ihn krank. Schlussendlich. Es hatte keinen Wert und wir gefühlt keine andere Wahl. Er hob nur den Kopf aus den Kissen und klagte über umfassende Beinschmerzen. Ach was rede ich, alles tue sehr, sehr weh. Er hatte selbstverständlich kein Fieber, spielte aber auch nichts vor. Er war weiterhin fix und fertig. Übrigens, kleiner Exkurs: Zu diesem Zustand sagen manche Eltern immer noch und vermeintlich spaßig „fix und foxy“. Fällt mir gerade beim Schreiben ein. Manche dummen Sprüche geraten zu meinen Leidwesen leider nie in Vergessenheit. Das tut aber zur weiteren Story überhaupt nichts zur Sache. Fix und fertig lag er allerdings im Bett und verbrachte den Rest des Tages dort. Mit Schlafen, lautstark Husten, als habe er eine Packung Reval geraucht und ab und an für die Notdurft ins Bad wanken. Tag zwei der lebenden Leichen. Wir meldeten ihn auch noch am Folgetag krank. Es war kein Spiel mit ihm zu gewinnen. Erst Freitagabend kehrte er in einen halbwegs normalen Lebensrhythmus zurück. Damit konnte ein Haken an die Woche gesetzt werden.
Mal unter uns: Ich hatte in meinem Leben eine satte Reihe gepflegter Hangover. Nach tollen Trips in die Berge, nach Sevilla oder Amsterdam. Ich war und bin, was das betrifft, kein Kind von Traurigkeit. Ich kam oft völlig fertig, müde und ausgelaugt zurück. Beseelt und berauscht vom Erlebten, völlig entkräftet vom vergangenen Geschehen und den Abenteuern vor Ort. Ich will nicht ausschließen, dass ich am Folgetag nur mit halber Leistungsstärke durch den Alltag kam. Aber zwei Tage am Stück Totalausfall? Daran kann ich mich in meinen über 50 Lebensjahren nicht erinnern. Solch einen Hangover wie Bruno hatte ich meiner Erinnerung nach noch nie. Ich bezweifle, dass hier nur UNO im Spiel war. Das kann nicht sein. Aber gut. What happens in Haus Heliand, stays in Haus Heliand!
Bruno und ich hören: Poison Idea „Blank Blackout Vacant“ (Taang! Records!)
