„Papa! Du und Henne könnt Euch doch nicht mit ‚Diggi‘ anreden! Das kann doch nicht euer Ernst sein. Du bist über 50!“. Die Empörung ist groß. Auf Seiten meiner Tochter. Ausgesprochen groß. Sie ist nahezu entsetzt.
Wo bei mir ausschließlich Freude herrscht. Zu meiner Überraschung hat mir nämlich mein Freund Henne aus Köln eine sehr schöne Kappe der Band Militarie Gun geschickt. Dazu war eine Karte mit unserem obligatorischen „Hey Diggi“ in der Anrede im Paket. Nicht mehr. Nicht weniger. Übrigens: Mein Freund Henne und ich begrüßen uns schon sehr lange mit „Hey Diggi“. Länger als meine Tochter auf der Welt ist. Nur um die Rahmung ausreichend zu setzen.
Das ist also kein anbiedernder Zeitgeist, das hat Tradition. Aus einer Zeit, in der wir noch einfach und ausschließlich Männer und keine Väter waren. Ich wüsste also nicht, warum wir diese Begrüßung ändern sollten. Zumal wir „Hey Diggi“ von Beginn der Nutzung an mit ordentlich Augenzwinkern eingeführt haben. So ein bisschen Persiflage-mäßig auf das „Hey Digga“ der - bereits damals schon weiter entfernten - Jugend. Mir fällt also partout nicht ein, was an einem gepflegten „Hey Diggi“ von zwei im Herzen jung gebliebenen Round-about-50ern verkehrt sein sollte.
Stop, stop! Daran ist alles verkehrt. Geht es zumindest nach meiner Tochter! Männer über 50 und vor allem Väter dürfen so nicht schreiben, sprechen, sich auf keinen Fall so begrüßen. Sie sagen „Hallo“, wegen mir „Servus“ oder „Grüße Dich, mein Freund“. Aber keinesfalls „Hey Diggi“. Oder noch schlimmer und absurder: „Hallo Bro“. „Mama! Papa und Stephan schreiben sich auf WhatsApp mit ,Hallo Bro‘ an. Stephan ist über 60! Das geht überhaupt nicht“. Hey Bro ist in dieser Freundschaft ein einwandfreier Running-Gag. Na Bro? Servus Bro! Alles klar Bro? Herrlich, wenn man im Alter sich einen feuchten Kehricht um bestimmte Dinge und manche vermeintliche Etikette scheren kann.
Eigentlich wunderbar. Findet Stephan, finde ich, findet nur leider Hanni für keine fünf Pfennig gut. Sie denkt vielmehr, wir hätten nicht mehr alle Latten am Zaun. Über 50 und über 60. Und „Hey Bro“. In ihrer Welt ein klarer Fall von nix da wunderbar und vielmehr an Peinlichkeit schwer zu überbieten! In meiner Welt leider mittlerweile auch eine ganz große Zumutung. Nur umgekehrt. Zum einen, weil sie ungefragt meine Nachrichten und Post liest, zum anderen aber – und das ist viel gravierender – ich mich zunehmend unter Druck fühle. Von wegen also einen Kehricht scheren. Stattdessen sehe ich alle Freiheiten, die einem das Alter schenkt, über Bord gehen.
Es engt mich nämlich mittlerweile in unangenehmem Maß ein, andauernd bestimmten Verhaltensvorstellungen, die eine 13-jährige Frankfurterin von einem Vater hat, entsprechen zu müssen. Auf der einen Seite gestern noch absurde Modetipps ungefragt erhalten zu haben, auf der anderen Seite urplötzlich nur noch reden zu dürfen wie ein Rentner. Ohne Witz, Esprit und Selbstironie. Herrgott, das ist doch kein Leben. So kann ich nicht alt werden. Am schlimmsten und fürchterlich ist es, wenn eine ihrer Freundinnen zu Besuch ist. Fast komplett egal welche. Im Vergleich dazu ist der heiße Stuhl ein Besuch in einem Freizeitpark. Sitzen mir ihre Schulkameradinnen gegenüber, fühle ich mich fast gestresster als bei jedem Vorstellungsgespräch in meiner bisherigen Vita.
Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt, jeder Satz kommentiert. Entweder direkt oder hinterher, wenn die Kernfamilie wieder beisammen ist. Dann wird die Rückmelderunde eingeläutet. Ungefragt. Warum ich das denn so und so gesagt habe, könne ich nicht einfach mal normal sein und überhaupt, ich möge bitte aufhören, die Franka solches Zeug zu fragen oder bitte keine blöden Gags mehr machen, einfach nur ernsthaft sein. Oft genug weiß ich überhaupt nicht, was sie meint. Ich bin lediglich interessiert an den Themen der kommenden Generation und wenn schon jemand Pizza, Nudeln oder sonst was von uns isst und hinterher das Familien-Klo benutzt, dann nehme ich mir auch raus, zu fragen, wie denn der Urlaub war oder ob die Eltern gesund sind. Geht es nach meiner Tochter, dann sind diese Fragen und das damit einhergehende Verhalten bereits an unangenehmen Peinlichkeiten nicht zu überbieten.
Mit ist völlig bewusst, dass Kinder sich abgrenzen wollen. Ich denke sogar, dass sie das müssen und die Pflicht dazu haben. Mir ist auch sonnenklar, dass keine Tochter und kein Sohn wirklich Bock haben, wenn der Vater den Schuss nicht gehört hat und rumläuft, als gelte es die nächstbeste Jugenddisco zu stürmen. Ein wenig altersgemäßes Verhalten, Seriosität und Zurückhaltung in den entscheidenden Momenten, kann jedes Kind von seinen Eltern erwarten. Und diesen Ansprüchen haben wir durchaus zu folgen. Aber ein gepflegtes „Liebster Diggi“ oder ein schlichtes „Servus Bro!“, Freunde des in Würde-Älter-Werdens, das wird doch erlaubt sein. Noch bin ich nicht im Rentnerclub.
Bruno und ich hören: Gringo Mayer „Ihr liewe Leit“ (Olwer Records)
