Die Bude sieht aus wie Sau und im Zimmer stapeln sich Tassen und Teller der letzten Tage, derweil im Papierkorb ein angebissenes Frischkäsebrötchen vor sich hin schimmelt. Gut, unter dem ganzen Papier und sonstigem Kram war es im Abfall auch schlichtweg nicht zu entdecken. Im Sportrucksack hat sich parallel und solidarisch die Brotbox von vergangenem Freitag damit abgefunden, nicht mehr aufgespürt zu werden und will von selbst auch nicht raus. Wahrscheinlich mag sie die Gesellschaft der benutzen Trainingsklamotten. Gemeinsam müffelt und gammelt es sich besser. Dafür ist wenigstens das Mobiltelefon um 22.30 Uhr noch im Dauereinsatz. Warum auch nicht. Es ist schließlich bald Wochenende.
Aus unserer Perspektive als Eltern ist dieser Zustand nicht tragbar. Die einzige Antwort, die wir allerdings auf unsere stetig lauter und bestimmender werdenden Aufforderungen entgegnet bekommen, ist so nonchalant wie in ihrer Einfachheit kaum zu überbieten. „Oh Mann, chill mal!“.
„Hanni, wir haben Dich jetzt fünfmal gerufen, das Essen steht seit zehn Minuten auf dem Tisch, die Restfamilie wartet und hat Hunger“. „Jetzt chill mal. Ich habe doch gerade noch etwas fertig gemacht“. „Hanni, ich räume jetzt zum dritten Mal am heutigen Tag die Spülmaschine aus, es würde zu zweit deutlich schneller gehen. Auf geht’s. Helfen!“ „Jetzt chill doch mal, ich war noch im Bad“. „Hanni, draußen hat es gerade einmal plus zwei Grad, Jacke zu, aber sofort“. „Was schreist Du denn so rum, chill doch mal“. Chill doch mal! Chill doch mal! Ich glaube, mein Schwein pfeift. Chill doch mal. Es gibt überhaupt keinen Grund für mich weiterhin noch zu chillen, denn ich war ja bislang völlig „grundgechillt“. Zumindest bei den ersten vier Aufforderungen. Geschrien habe ich aus diesem Grund und genau deshalb noch lange nicht. Nur leider hat meine – im Kern durchaus gechillte – Haltung zu keinerlei Erfolg geführt. Im Gegenteil. Also genug gechillt und Strategiewechsel.
Ich komme mir nämlich schlichtweg verarscht vor. Aber auf ganzer Linie. „Chill mal!“. Leute, Leute. Ich glaube, es geht los! Wo sind wir denn hingekommen? Stell sich mal einer vor, das Ministerium käme auf mich zu und würde freundlich nachfragen, wo denn unsere Nachweise für das sündhaft teure Projekt nur blieben, die jetzt seit zwei Wochen überfällig sind. Und ich hätte als Antwort lediglich ein einfach, aber bestechendes „Chill mal. Ich setz mich gleich noch dran, ich hatte noch etwas anderes zu tun“ auf den Lippen. Oder die Polizei würde mich anhalten, weil ich bei Rot über die Ampel gebrettert bin und ich würde schlichtweg nur ein „Oh Mann, jetzt chill doch mal“ dem Schutzmann als Erklärung anbieten. Na, dämmert es?
Ok, ok, ich will nicht gänzlich den Stab über „Chill mal“ brechen. Es gibt Situationen, in denen ist ein simples und erfrischendes „Chill mal“ möglicherweise wohltuend und Balsam für geschundene Seelen. Wenn beispielsweise ein junger Mitarbeiter sich die Haare verzweifelt rauft, weil er einen vermeintlichen Bock geschossen hat. Und ich würde ihm etwas altersmilde, aber im Jargon eines im Herzen jung gebliebenen Vorgesetzten zuraunen „Jetzt chill mal. Das ist halb so wild, kein Drama. Das kann passieren im jugendlichen Eifer“. Hier mag das „Chill mal“ durchaus gut ankommen. So ein bisschen „Lebbe geht weiter“-Stepanovic-mäßig. Oder wenn mein Sohn mir, nachdem ich seinen Lieblingsnachtisch beim Einkaufen vergessen habe, nachsichtig entgegnen würde: „Kein Problem Papa, chill mal. Du hast ja einiges um die Ohren, da kann der Lieblingsnachtisch schon einmal durchrutschen“. Da nehme ich das „Chill mal“ sofort. Eingecheckt!
In der gegebenen Konstellation aber ist das „Chill mal“ schlichtweg eine in Wort gegossene Ignoranz. „Chill mal“ ist hier nämlich überheblich und nimmt das Gegenüber nicht ernst. Also so gar nicht ernst. „Chill mal“ ist ein einziger ausgestreckter Mittelfinger. Aber mitten rein in die Visagen der Eltern. „Chill mal“ ist eine Art „Ronald-Koeman-ich-wisch-mir-mit-dem deutschen Trikot-den-Arsch-ab!“-Move. Oder so ähnlich. Respektlos. Noch nicht einmal Augenhöhe. Als hätte das Gegenüber alle Weltmeere befahren, drei Firmen erfolgreich aufgebaut und ich wäre ein kleiner Narr, der noch gar nicht verstanden hat, wie denn der Hase so läuft. Draußen in der großen weiten Welt. Leider besucht meine Tochter gerade einmal die achte Klasse und fährt noch nicht einmal Mofa.
Entsprechend ist „Chill mal“ mein Unwort des vergangenen Jahres und ich vermute, es hält die Spitze der Unwort-Charts noch lange. Ach, wie sehne ich mich nach „Kuckmal“ und „Unfair“ der vergangenen Jahre zurück. Seufz! Das waren noch Zeiten. Ach, ich wollte, ich könnte mal ein bisschen entspannter mit dem „Chill mal“ umgehen und mir selbst zurufen: „Chill doch einfach mal, Russmann!“ Oder noch besser, einfach die Energie aufnehmen und umkehren. Wie Karate Kid. Nur anders. „Hanni, ich weiß nicht, ob ich Deinen schwarzen Hoodie, den Du heute dringend anziehen musst, schon gewaschen habe. Chill doch einfach mal!“.
Bruno und ich hören: Fleetwood Mac „Rumours“ (Warner Bros. Records)
