Das größte Problem: Mir ist bereits nach der ersten Fahrt übel. Noch nicht kotzübel, allerdings ziemlich übel. Auf der Speiübel-Skala von Eins bis Zehn mindestens eine Sechs. Das ging fix. Meine Frau fühlt sich nicht anders. Dabei sind wir erst gut eine Viertelstunde in diesem Freizeitpark. „Einer der ganz besonders blendenden und verschwendeten Art.“ Möchte ich geradewegs Nagel und Muff Potter zitieren. So Insider-mäßig. Stimmt aber auch nicht. Denn dieser hier ist wirklich gelungen. Sofern man das über Freizeitparks sagen kann.
Der Park, um den es sich hier dreht, ist nämlich recht hygge und gemütlich. Wir verbringen unseren Urlaub in Dänemark und den Dänen ist hygge so wichtig, wie uns Deutschen ein sorgfältig ausgefülltes Antragsformular. Zum dritten Mal in vier Jahren sind wir vor Ort und besuchen – wie sich das für am Kindeswohl interessierte Eltern gehört – auch zum dritten Mal das „FARUP Sommerland“. Nach der ersten Fahrt mit der ältesten Holzachterbahn des gesamten Angebots hier in Norddänemark raunt meine Frau mir leise zu, dass das jetzt aber wirklich der letzte Besuch in diesem Arrangement war. Für immer. Ich stimme sofort zu. Ohne Nachdenken und ohne mit der Wimper zucken zu müssen.
Noch haben wir aber einen ganzen Tag vor uns. Und das war, wie gesagt, erst die Premierenfahrt. Zum dritten Mal in vier Jahren in Dänemark und zum dritten Mal in vier Jahren in diesem Freizeitpark. Das hätte mir einmal jemand in der kinderlosen Zeit meines Lebens erzählen sollen. Einen ordentlichen Vogel hätte ich ihm gezeigt. Wenn ich in meinem letzten Beitrag „Nami“ erwähnt habe, dass erst in meinem späteren Leben als Vater jegliche Brett- und Kartenspiele sowie Frischkäse höhere Bedeutung und Präsenz bekamen, kann ich jetzt dieser Reihe getrost noch mit dem Themengebiet Freizeitparks einen draufsetzen.
Auch Freizeitparks spielten nie eine große Rolle in meiner Kindheit. Ich war einmal mit meiner Mutter im „Phantasialand,“ ein-, vielleicht auch zweimal in „Geiselwind“ und einmal im „Ponyhof Lochmühle“. An mehr kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. That’s wohl the magere Ausbeute meines Coming of Ages in Sachen Rummel, Schiffschaukel und Fahrgeschäfte. Für manche traurig, für mich weitestgehend ok. Sie waren mir nie wichtig, die Fahrgeschäfte und die Parks. Im Gegenteil. Sie überforderten mich auch gerne. Meine Kinder sind hier ganz anders. Versteh einer die Gene.
Letzteres, also der „Ponyhof Lochmühle“, ist mir allerdings noch gut in Erinnerung, denn dort biss eben eines der Ponys, die dem Park den Namen schenken, in die Hand der Tochter des evangelischen Pfarrers meiner Heimatgemeinde, was ein rechtes Tohuwabohu nach sich zog. Heute würde der Gaul wahrscheinlich erschossen werden, damals wurde nur der Tochter des Pastors die Hand verbunden und weiter ging der Trubel. Außerdem – was noch viel wichtiger ist – denke ich an diesen Tag besonders gerne, denn ich verbrachte ihn ausschließlich an der Seite von Kirsten L. Ich erwähnte es bereits in einem älteren Beitrag, denn es war mein erster Einstieg in eine noch völlig unbefleckte Form des frühen Verknalltseins. Es war unser erster und einziger gemeinsamer Tag. Ich weiß weder, wo sie heute lebt, noch was sie treibt und wen sie liebt.
Aber zurück zu dem dänischen Freizeitpark. Unseren Kindern zuliebe blieben wir stabil in den Schlangen und fuhren nacheinander die folgenden Attraktionen: „Falken“ – die eingangs erwähnte Holzachterbahn, dann „Orkanen“, hier hängt man frei in der Luft und wird – Achtung, als wäre man in einen Orkan geraten – durch die Luft und unter die Erde gewirbelt. An der „Flagermusen“, die dänische Variante der sogenannten „Wilden Maus“ standen wir über eine Stunde an, es folgten das „FARUP Rafting“ und als erster Höhepunkt „Fönix“. Eine Achterbahn und angeblich die Schnellste in ganz Dänemark. Spätestens nach dieser Fahrt wollte ich endgültig hinter die nächstbeste Bude kotzen. Nur eine große Portion Pommes frites mit allerlei obendrauf konnte meinen Magen halbwegs beruhigen. Es war eine 50/50-Chance, ob dieser Plan aufgehen würde. Es ging gut.
Wir zogen es eisern durch und nahmen sie fast alle. Aber eben nur fast. Beim „Hvirvelvinden“ hoben wir die Hand. Schluss jetzt. Die Sprachaffinen unter den Lesern und Leserinnen liegen goldrichtig: „Hvirvelvinden“ heißt auf Dänisch Wirbelwind. Eine Mischung aus Kettenkarussell, Schiffschaukel und Höllenrad. Ein Zusammenschluss der allerschlimmsten Fahrabläufe, die man sich nur vorstellen kann. Zumindest wenn man über 50 ist. Vor, zurück, hoch, runter und alles zusammen noch im Kreis. Schlichtweg furchtbar. Spätestens nach dieser Fahrt wären alle Pommes samt Toppings auf dem Dach der Imbissbude gelandet. Allein aus Respekt dem Gastgeberland gegenüber haben meine Frau und ich es nicht darauf ankommen lassen. Nach dieser Fahrt ging es geschlossen nach Hause. Schön wars, „FARUP Sommerland“, vielen Dank für die Gastfreundschaft und die vielen Attraktionen.
Meine Frau und ich legten diesen Besuch ganz bewusst auf die ersten Tage unseres Urlaubs. Allein weil uns sonst die ganze Zeit bewusst gewesen wäre, was uns noch bevorsteht. Unser Motto also: Das Schlimmste zuerst. Gedacht, getan! Just im Augenblick des Verlassens des Parkplatzes im Freizeitpark war zumindest uns beiden klar: Jetzt geht der Urlaub los!
Bruno und ich hören: The Hives „Veni Vidi Vicious“ (Burning Heart Records)
