„NAMI“ … „NAMI geht, ganz sicher.“ … „Das Wort NAMI existiert.“ Er lässt partout nicht locker. Aber das Wort NAMI gibt es nicht. Zumindest nicht unter seriösen Betrachtungen und nach ernsthaften Richtlinien von uns Erwachsenen. Da bin wiederum ich mir sehr sicher. Für alle Fälle google ich Nami jedoch, denn ich weiß, was jetzt gleich kommt. Mein Sohn lässt sich nämlich nicht beirren und behauptet weiterhin, dass Nami irgendein feststehender Begriff wäre. Eine gezielte Suche bei Google würde das gleich belegen. Er weiß aber selbst nicht, was ein oder eine Nami überhaupt sein soll. Also werfe ich die Recherchemaschine an, sonst verharren wir hier in einer Endlosdebatte.
„Nami ist ein vielseitiger Name mit verschiedenen Bedeutungen. Er kann sich auf eine Figur aus dem Manga One Piece, eine japanische Abkürzung für Namen wie Naomi oder Minami, oder eine Organisation für psychische Gesundheit, National Alliance on Mental Illness (NAMI), beziehen. Zudem ist Nami ein weiblicher Vorname, der im Japanischen „Welle“ bedeutet“. Soweit das Internet oder die KI. Was weiß ich in digitalen Zeiten. Ich lese laut vor und wir lassen NAMI nicht gelten. Natürlich nicht. Wo kämen wir denn dahin. Uns trifft eine Welle der Empörung und Wut. Es droht kurzzeitig sogar der Spielabbruch.
Ich glaube Scrabble-Spielen mit Neunjährigen bringt überall auf der ganzen Welt abstruse Begriffe aufs Parkett und damit auf den Familienesstisch. Worte, die ganz anders geschrieben werden. Bezeichnungen aus Kinderwelten. Namen, die es überhaupt nicht gibt. Nur: Diese Begriffe mit den sieben Buchstaben, die einem zur Verfügung stehen, auf Verdacht zu bilden ist eine Sache. Eine völlig andere Sache ist es, auf diesen Begriffen zu beharren und zu behaupten, der Rest der Welt läge falsch. Völlig irre ist das nämlich. Aber so geht es mit Bruno in jedem Spiel und jeder Phase von Scrabble, seit wir es spielen.
Kurzzeitig droht völlige Willkür. Wenn wir NAMI nicht gelten lassen, dann würde allerdings das Wort QUER – das von mir kurz vorher gelegt wurde - auch nicht stimmen. Könne er jetzt ja auch mal so sagen, wenn wir das bei NAMI und ihm so durchziehen würden. Meine Herren, ist das jetzt schon die Generation Fake News? Jeder bastelt sich seine eigene Wahrheit und Sprache? Ich dreh’ noch durch. Wir verständigen uns, dass er NANI legen darf. Dafür reichen die Buchstaben auch und das ist ein ehemaliger portugiesisch-kapverdischer Fußballspieler, der mit Portugal 2016 Europameister wurde. So viel Toleranz haben wir mittlerweile walten lassen.
Fußballer retten ihm permanent den Arsch. Es ist sein Spezialgebiet. Er kennt tatsächlich nahezu alle Fußballspieler der Bundesliga und in weiten Teilen auch die der Zweiten Liga. Sogar samt der zugehörigen Rückennummern. Seine Leidenschaft. Seine einzige wirkliche Passion. Puh. Das macht sogar mir manchmal Angst. Ich überlege, ob ich ihn damit einmal bei Kai Pflaume und „Klein gegen Groß“ anmelde. Dann hätte das alles wenigstens ein Ziel. Würden wir übrigens Fußballernamen grundsätzlich bei Scrabble verbieten, dann flögen uns die Buchstaben nur so um die Ohren. Da bin ich mir sicher. BESTE? Na klar, Niklas Beste. Geht klar. Wieviel Punkte bringt das?
Gleiches gilt für türkische und marokkanische oder afghanische Vornamen. Auch bei denen geben wir grünes Licht. Anan, Sinan, alles ok. Wir leben in einem sehr bunten Stadtteil von Frankfurt. Und wenn Horst gilt, dann hat Cinar allemal seine Berechtigung. Die Sinans, Anans, Merdis gehen alle mit ihm auf die Schule oder spielen in seiner Mannschaft. Bei Scrabble fängt die Integration an. Da hau’ ich uns mal selbst auf die Schulter. Ich glaube, Bruno kennt mehr türkische als deutsche Vornamen. Bei Betis – weil Betis Sevilla – hört der Spaß aber auf und er protestiert zu unser aller Überraschung auch nur kurz. Im Zweifel müsste eh Hanni verhandeln. In den heikelsten Phasen des Spiels ist sie die einzige Brücke zu ihm und in seine Sprachwelt. Wenn diese Brücke nicht gerade von ihr höchstselbst mit dem Arsch eingerissen wird, weil sie ihn in Anbetracht der neu geprägten Begrifflichkeiten hochnimmt. Dann ist die Kacke endgültig am Dampfen.
Gesellschaftsspiele gehören zu den Dingen, die erst umfassend Bestandteil meines Lebens wurden, seit ich Vater bin. Ähnlich wie Frischkäse. Ich komme aus einem weitestgehend brett- und kartenspielfreien Haushalt. Ähnlich wie rauchfreie Haushalte soll es das geben. Mit meinem Vater spielte ich zu Lebzeiten kein einziges Brettspiel. Und auch an ein gemeinsames Kartenspiel mit ihm kann ich mich nicht erinnern. Nur meine Großmutter und Mutter waren Partnerinnen in diesen Angelegenheiten. Als ich etwa in Brunos Alter war, stand hier aber ausschließlich Rommé und Mau-Mau auf der Spiele-Agenda. Das war’s. Ich bin also weitestgehend völlig jungfräulich in dieses Themengebiet eingestiegen. Entsprechend versuche ich es mit größtmöglicher Grandezza und Neugier zu ertragen. Auch meine Scrabble-Niederlagen gegen ihn mit Würde. Aber NAMI geht wirklich nicht. Wo kommen wir denn da hin.
Bruno und ich hören: Tindersticks „Curtains“ (Mercury/SPV)
