„Somos como las flores, en el jardin de la vida! Somos como las flores. Necesitamos la lluvia y el sol.“
So schallt es im Chor der Kindergarten- und Grundschulkinder während der Begrüßungsrunde in der „Casita“. Um uns herum ein Gewusel aus schwarzhaarigen Knirpsen, die mit sichtlicher Freude lauthals mitsingen und die eingeübten Bewegungen dazu machen. Dazu sind wir da – um diesen kleinen Blumen ein bisschen beim Wachsen zu helfen in diesem Garten, der sich Leben und Welt nennt.
Der tägliche Weg zur „Casita“ ist steil, mal staubig, mal schlammig, teils beschwerlich, aber wunderschön. Er führt vorbei an mannshohen Agaven mit baumhohen abgestorbenen Blüten, die wie gotische Torbögen anmuten, an Maisfeldern und Äckern und bringt immer viele Begegnungen mit sich: Auf unserem täglichen „Schulweg“ treffen wir Dorfbewohnerinnen in Tracht mit den hier typischen ausladenden Strohhüten, Bauern, die wie in alten Zeiten mit Ochsen und Pflug ihre Felder bestellen, Kinder in Schuluniformen auf dem Weg zum Unterricht, aber vor allem auch viele tierische Mitgeschöpfe. Esel grasen friedlich oder schleppen schwere Lasten, Kühe werden an Seilen zur Eile getrieben, Schafe trotten scheinbar herrenlos über die Lehmpiste, Hunde streunen herum, hier und da flattert ein Kolibiri und die allgegenwärtigen Hühner genießen ihren hiesigen Freiraum. Landleben in Pomabamba.
© Michael Seiterle
Post aus Peru
Wir sind auf dem Weg zur „Escuela Campesina Alternativa“ (kurz: ECA), wo wir für einige Monate ehrenamtlich mitarbeiten. ECA bedeutet so viel wie Alternative Schule im ländlichen Raum. Von den Einheimischen wird die Schule auch liebevoll „Casita“ – das kleine Häuschen – genannt. Das Dorf im Norden der Anden Perus liegt auf einer Höhe von etwa 2.800 Metern und ist etwa 15 Autostunden von der Hauptstadt Lima entfernt. Es ist eine der ärmsten Regionen des Landes.
Schule ist allerdings etwas zu kurz gesagt. Auf dem Grundstück sind die ECA, ein Kindergarten und ein Gemeindezentrum mit integriertem Mütterprojekt vereint. Ziel des Projekts ist es, die Lebenssituation und Perspektive sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher zu verbessern. Die Förderung erfolgt maßgeblich über den Verein „Nuevos Horizontes Peru“, der 2004 in Aschaffenburg gegründet wurde. Treibende Kräfte waren und sind das deutsch-peruanische Ehepaar Teodelinda Morales Aliaga und Jürgen Hochstadt aus Aschaffenburg. Teo stammt selbst aus der Region, der Stadt Cajamarca, und hat dort lange Zeit die staatliche (Grund-) Schule als Direktorin geleitet, lebt aber nun schon seit 2003 in Aschaffenburg.
© Michael Seiterle
Post aus Peru
Wir sind beim Kindergarten und bei der ECA mit dabei. Morgens kommen 26 Dorfkinder zum Kindergarten in die Casita und spielen, singen, lernen, basteln, lesen und essen gemeinsam. Nachmittags arbeiten hier ältere Kinder an gemeinsamen Projekten. Die Kinder stammen aus Familien, die fast alle von der Landwirtschaft leben. Ein beschwerliches Leben, denn außerhalb der zwei bis drei Monate anhaltenden Regenzeit regnet es kaum und somit bleiben die Felder karg und trocken. Das Resultat ist Armut. Der fast einzige Ausweg: Bildung.
Heimische Unterstützung für die Kinder gibt es dabei aber kaum, da die Eltern mit der Feldarbeit zu tun haben. Selbst wenn sie Zeit haben, so fehlen meist die Kompetenzen, um zu helfen. Mit der Schule konkurrieren die Ansprüche der eigenen Familie, denn jeder wird auf dem Feld gebraucht. Aus diesen Gründen brechen viele Kinder und Jugendliche die Schule ab. Viele gründen eigene Familien vor Ort – der Kreislauf beginnt von vorne.
Ziel ist es, den Kindern aus diesem Kreislauf herauszuhelfen. Dafür ist das Projekt da und dabei wollen wir einige Zeit mithelfen. Auf den ersten Blick ist alles ähnlich wie bei einem Kindergarten in Aschaffenburg. Samir, Erika, Yosimar, Liam, Yihan und alle die anderen versammeln sich zum Morgenkreis auf dem Asphaltboden und singen gemeinsam mit den Erzieherinnen. Trotzdem fällt auf, dass der Lebensstandard hier weit von dem in Deutschland entfernt ist. Die Kleidung einiger Kinder ist alt und abgetragen und vor allem ihre Zähne sind oft trotz der jungen Jahre in bedauernswertem Zustand. Aber trotzdem sind es fröhliche, aufgeschlossene, teils wilde und neugierige Menschen – Kinder eben, wie fast überall auf der Welt. Und so lassen sich Piero, Farid und Briana auch gerne und motiviert auf die Angebote ein, die wir und die Erzieherinnen mit ihnen zusammen umsetzen:
© Michael Seiterle
Post aus Peru
Die Kinder malen und zeichnen, lernen auch schon ab drei Jahren spielerisch-kreativ Zahlen und Buchstaben, bestellen Beete und säen heimisches Gemüse, tanzen in hiesiger Tracht zu traditioneller Folklore, machen Rollenspiele zu Traditionen und Festen der Region, singen Lieder über Tiere und Pflanzen oder gestalten Puppen mit Naturmaterialien aus dem Garten des Geländes, das hier seit zwei Jahrzehnten Schritt für Schritt entstanden ist. Für den Bau wurden Arbeitskräfte und Material aus der Region verwendet. So konnte auch die lokale Wirtschaft gestärkt werden. Neben den Gebäuden, die den Kindergarten und die alternative Schule beherbergen, finden sich heute auf der Anlage Wasserspeicher, um die extreme Trockenheit in der meisten Zeit des Jahres zu überbrücken. Auch einige Felder, ein Gartenhaus, Obstbäume und sogar ein Hühner- und Meerschweinchenstall zur Selbstversorgung, zum Erlernen neuer Anbaumethoden und zum Verkauf zur Selbstfinanzierung befinden sich auf dem Grundstück. Daneben gibt es eine Küche, um Mittagessen für Gemeinde und Kinder anbieten zu können.
Zentral bei der Arbeit mit den Kindern ist der alternative pädagogische Ansatz: Ziel ist es, ihnen auf einer Augenhöhe zu begegnen und bewusst Möglichkeiten zur Anwendung des Wissens im Alltag der jungen Menschen zu schaffen. Wichtig ist dabei, dass die Kinder auch eine Wertschätzung für die eigene Kultur und Umwelt entwickeln. Außerdem sollen möglichst viele junge Menschen auf dem Weg zum Erreichen eines Ausbildungsabschlusses unterstützt werden – was in Peru noch lange keine Selbstverständlichkeit darstellt.
Aber das Projekt leistet noch mehr: Impfungen, Infonachmittage mit einem Zahnarzt zur Verbesserung der Zahnhygiene, Unterstützung der Dorfgemeinschaft oder Aufklärung der Eltern zu Erziehungsfragen, für die es ebenfalls Angebote gibt. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich das Hilfsprojekt positiv auf die ganze Dorfgemeinschaft auswirkt und wann immer wir mit den Menschen von der „Casita“ sprechen, ernten wir wohlwollende, lächelnde Zustimmung.
Wir können leider nicht so lange bei den Kindern bleiben, um mitzuerleben, wie sie sich entwickeln, ob sie ihren Schulabschluss schaffen und ihren Weg gehen. Aber wir spüren beim gemeinsamen Singen, beim Entdecken der Umwelt, beim Lachen und Essen, dass hier eine gute Chance besteht, dass diese kleinen Blumen in diesem Garten des Lebens eines Tages zu voller Blüte aufgehen und die vielen Möglichkeiten, die dieser Garten bietet, ausschöpfen können.
„Wir sind wie die Blumen im Garten des Lebens. Wir sind wie die Blumen und brauchen Regen und Sonne.“
Spendenbox Peru
Der Autor ist mit seiner Familie seit August für einige Monate in Peru, um das Projekt „Nuevos Horizontes“ vor Ort zu unterstützen. Dabei helfen alle nicht nur in der „Casita“ mit, sondern lernen auch das dörfliche Leben und die Kultur, den (Schul-)Alltag und die Lebenssituation der Menschen in den Anden hautnah kennen.
