Er. Ist. Wieder. Da. Und das mit voller Wucht. Dick Brave ist aus seiner zwölfjährigen Versenkung aufgetaucht und war, gemessen am sofort wieder einsetzenden Hype, den ausverkauften Konzerten und einem chartstürmenden Comebackalbum anscheinend gar nicht wirklich jemals weg.
Gerade wenn man sich anschaut, dass bei der zurückliegenden Clubtour durchweg das Sold-Out-Schildchen in der Eingangstür baumelte, weiß man, wie sehr die Musiklandschaft und die Konzertgänger hierzulande den legendären Rockabilly-Barden aus Übersee vermisst haben müssen. Medien sprachen vom „Comeback des Jahres“, Konzertveranstalter legten Zusatztermine nach und die sozialen Netzwerke füllten sich mit mal mehr, mal weniger verwackelten Handyvideos, auf denen das Publikum zu den alten und neuen Gassenhauern von Brave und Band steilgingen. Und wer seine Songs schon Anfang der 2000er feierte, als dieses Musikphänomen mit der frappierenden optischen Ähnlichkeit zum heimischen Popper Sasha hierzulande wie ein Komet einschlug, grölt die Hits jetzt nicht selten Arm in Arm mit dem eigenen Nachwuchs. Alles bereit also für einen lauen Sommerabend, randvoll gefüllt mit Superhits im Rockabillyformat auf dem Aschaffenburger TH-Campus, jede Menge Bock, Beats und Schalk im Nacken inklusive. Und wenn man weiß, dass der singende Südstaatler sogar eine gar nicht so laxe Verbindung in unsere kleine, feine Stadt hat, gewinnt die Sause zusätzlich an Bedeutung. Dazu später mehr.
Throwback: A Star with Haartolle was born
Als dieser Typ mit Schmalztolle, Lederjacke und breitem amerikanischen Akzent im Frühjahr 2003 auf einmal auf den deutschen Fernsehbildschirmen auftauchte, war man sich zunächst nicht ganz sicher, ob ein damals sehr erfolgreicher und talentierter Popsänger aus Soest einen ausgeklügelten Witz erzählt oder tatsächlich ein vergessener Rockabilly-Star mit kruder Vita, einem fetten Grinsen und jeder Menge Pomade im Haar jetzt auf Deutschlandtour gehen will. Heute wissen wir zweifellos: Letzteres war der Fall, denn auch wenn die beiden nach sieben Pils (getrunken durch den Betrachter, klar) durchaus etwas Zwillingshaftes haben könnten, ist inzwischen einwandfrei belegt, dass Dick Brave nicht nur jünger ist, sondern auch besser aussieht als dieser Sasha aus NRW.
Und dann hat der Herr Brave mal aufgeräumt in der guten Stube der deutschen Hitparaden, die zu diesem Zeitpunkt dank des damaligen Casting-Overflows und Acts wie Alexander Klaws, Overground und den Preluders so wirklich richtige Musik mit Gitarre, Bass, Drums und ordentlich Schmiss mehr als gut vertragen konnte. Mit Rockabilly-Versionen von Songs wie „Take Good Care Of My Baby!“ oder „Get The Party Started“ hämmerten sich Dick Brave & The Backbeats nicht nur regelmäßig in die obersten Gefilde der Single-Hitlisten, sondern gingen mit dem Album „Dick This!“ ebenso galant auf Eins. Und auch live lieferte das Rock ’n’ Roll-Großmaul mit musikalischem Können und einer dicken Schippe Selbstironie zuverlässig ab. Die Hallen wurden – vielleicht auch ein wenig zu seiner eigenen Überraschung – größer als geplant und die Presse war begeistert. Eine Konzertkritik ließ sich gar zur Prophezeiung hinreißen, dass Dick Brave „selbst einem Parkscheinautomaten das Tanzen beibringen“ könne. Kurzum, Dick Brave & The Backbeats machten den Rockabillysound im Rest der gesamten Republik auf einen Schlag massentauglich. Warum nur im Rest? Nuja, dank der Boppins wussten wir hier zu dieser Zeit bereits schon knapp 20 Jahre, wie gut diese Musik im Ohr und in den Beinen funktioniert. Folgerichtig kam es 2004 im Rahmen der Boppins-VÖ „Bop Around The Pop“ zu einer Studio-Collab unserer lieben „Scheißkapelle“ mit Dick Brave.
Ende 2004 verabschiedete sich die singende Haartolle mit einem Konzert vor 10.000 Menschen in der Dortmunder Westfalenhalle. Nach einem kurzen, aber sehr heftigen Sturm in der deutschen Musiklandschaft hieß es: „Dick Brave has left the Charts“.
© Marcel Brell
Dick Brave
Über sechs Jahre war er danach von der Bildfläche verschwunden, bis sich Klaas Heufer-Umlauf für seinen Haussender auf die Suche machte und ihn in der kanadischen Wildnis fand. Was war passiert? Genau wird man es nie erfahren, jedoch halten sich hartnäckige Gerüchte über wilde Partynächte zwischen Vegas und Peking, geheimnisvolle Abenteuer, verschollene Manager und ein verlorenes Vermögen. Er selbst gab an, zwischenzeitlich als Cowboy gearbeitet, Käse auf einer Alm hergestellt und Motorrad-Stuntman gewesen zu sein. Wahrscheinlich hat er aber einfach Kaffee getrunken.
2012 und 2013 gab es kurze Lebenszeichen in Form von Shows am Ring/Park und auf dem Deichbrand sowie einem weiteren Album namens „Rock ’n’ Roll Therapy“ – vielleicht war an dem Gerücht mit dem verlorenen Vermögen doch was dran …
Dick Brave ist „Back for good“!
Im September 2025 trauten die Passanten in der Hamburger Innenstadt ihren Augen kaum – mitten auf der Straße stand Dick Brave mitsamt seiner Band und spielte ein unangekündigtes Straßenkonzert. Innerhalb weniger Minuten bildeten sich Menschentrauben, Smartphones wurden aus Dokumentationsgründen gezückt und sofort ging der Groove in die Hüften und Beine der Zuschauer. Ein Comeback in Germany, wie es perfekt zu Dick Brave passt: laut, schelmisch und mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Es ist davon auszugehen, dass irgendeine Maschine aus den Staaten ihn erst wenige Minuten zuvor auf die Rollbahn gespuckt hat.
Von der Gasse ging’s direkt ins Studio, um Pop- und Rockklassiker für ein neues Doppelalbum durch den Rockabillywolf zu drehen. „Back For Good“ heißt das Ding und besteht auf der ersten Platte aus „Comebacks“ mit Songs wie „Sex Bomb“, „I’m still standing“, „Man Eater“ oder „Enjoy The Silence“, während sich auf der zweiten Platte die „Breakers“ wie „Shake It Off“, „Take On Me“ oder „Billie Jean“ wiederfinden. Und auf einmal klingen die ganzen Hymnen so, als wären sie schon immer für Kontrabass, Twang-Gitarre und stampfenden Rhythmus geschrieben worden. Ist es also wirklich etwas Besonderes zu erwähnen, dass das Album direkt in die Top 5 der Charts ging? Nee, weil eigentlich logisch.
Der ausverkauften Clubtour schließt sich also konsequenterweise aktuell ein mit 25 Terminen vollgeballerter Festival- und Open-Air-Sommer für Dick Brave an, aber genug Zeit, um Kraft zu tanken, hatten die Herren ja. Was man schon weiß: Megahits, Rockabilly, Rock ’n’ Roll, Pop, Country, Swing, Entertainment und Humor verschmelzen zu einer Show, die nicht nur musikalisch absolut virtuos, sondern auch schlichtweg unterhaltsam ist. Long Story short: Er kann’s noch, der Herr Brave. Welcome Back!
