In Zeiten von Epstein-Akten und Andrew Tate gleichen Alpha Male Mindset Coaches auf TikTok drängt sich eine schreckliche Tatsache wieder ins Bewusstsein unserer scheinbar privilegierten Welt: Sexuelle Gewalt an Kindern war immer existent und leider nie weg, allerdings hat sich die Präsenz durch eine Veränderung nahezu lautlos verlagert und gesteigert – das Internet und soziale Netzwerke.
Auch der Aschaffenburger Lukas R. Pawlak beobachtet diese Entwicklung besorgt und will mit „Das Kind mit der roten Mütze“, einem provokanten Kinderbuch für Erwachsene, deshalb darauf aufmerksam machen, dass Missbrauch auch heute leider ein relevantes Thema ist, dem wir unbedingt Beachtung schenken müssen.
Grundlage seiner Bildergeschichte ist das altbekannte Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. In Lukas’ Adaption erscheint dieser als böser Herr Wolf, der sich an dem Kind mit der roten Mütze vergehen will und es mit Likes in den sozialen Medien lockt. Das Besondere am Comic ist, dass es nicht nur ein Ende, sondern verschiedene Verlaufsmöglichkeiten gibt, die mitunter auch drastische Maßnahmen wie beispielsweise Selbstjustiz enthalten. Es sind also starke Nerven gefragt, denn dieses Buch ist bewusst darauf ausgelegt, auf unbequeme Weise aufzurütteln. Aus diesem Grund veröffentlicht der Autor den Comic im eigenen Verlag Lurch Print, der ins Leben gerufen wurde, um literarischen Werken abseits der Norm eine Plattform zu geben.
Der Weg dorthin war nicht immer einfach, schon gar nicht linear. Lukas selbst istmit 16 Jahren laut eigener Aussage „erst spät“ über seinen Freundeskreis zur Begeisterung für Bücher und Literatur gekommen. Anschließend folgte dann auch das Schreiben. Vor allem Fantasy, weil er nicht mehr nur in fremde Welten eintauchen, sondern auch andere mit seinen Geschichten und Erzählungen bereichern möchte. Insbesondere in aktuellen Zeiten, die von Krisen, Kriegen und Unsicherheit geprägt sind, spielt der Eskapismus – die Flucht aus der realen Wirklichkeit und dem Alltag in eine Scheinwelt, Illusion oder Unterhaltung – für viele eine große Rolle. Der Autor will aber nicht nur unterhalten. Ganz im Gegenteil.
Nach einer Ausbildung hat er sein Abitur nachgeholt und anschließend Germanistik studiert. Über ein Seminar zum Thema Bilderbücher kam er schließlich ins Struwwelpeter-Museum und zu verschiedenen Adaptionen von Rotkäppchen, bei denen ihm allerdings immer wieder auffiel, dass ein wichtiges Thema noch nicht behandelt wurde: sexuelle Gewalt an Kindern. So entstand 2016 schließlich die Idee zum Comic.
Vom Grundkonzept zum fertigen Buch war es aber noch ein weiter Weg, der als unabhängiger Künstler mit wenigen finanziellen Mitteln und ohne personelle Unterstützung besonders beschwerlich ist. Mit Marco Serrao fand Lukas nach langem Suchen schließlich einen Zeichner, der bereit war, das Projekt ehrenamtlich zu unterstützen, genauso wie Lektorin Tamara Haschke.
Ende 2025 war es dann nach der Verlagsgründung endlich so weit: „Das Kind mit der roten Mütze” konnte in den Druck gehen und ist seit Dezember online im Lurch-Print-Shop und vor Ort in Aschaffenburg im Daniel’s american corner in der Treibgasse 9 erhältlich. Bei jeder Bestellung und jedem Kauf kommt mehr als ein Drittel des Gewinns dem „gegen-missbrauch e. V.“ (Verein für Opfer von sexuellem Missbrauch) zugute, um mit dem Werk auf mehreren Ebenen etwas für Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch zu bewirken. Diese Art der Unterstützung erweist sich mit solch einem sensiblen Thema allerdings als Herausforderung. Mit einem großen Erfolg hat Lukas dementsprechend nicht gerechnet – der steht für ihn aber auch nicht im Vordergrund: „Wenn nur einem Kind durch das Buch geholfen wird, bin ich schon glücklich. Rückblickend hätte ich das Werk, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren, noch provokanter gestalten können. Ich würde allerdings auch noch ein viertes mögliches Ende hinzufügen, in dem Herr Wolf therapeutische Angebote wahrnimmt, um erst garnicht zum Täter zu werden. Natürlich ist sexuelle Gewalt an Kindern ein unangenehmes Thema, aber es passiert jeden Tag und deshalb ist es wichtig, dass wir davor nicht die Augen verschließen.“
Dass wir uns kaum vorstellen können, wie viele Kinder und Jugendliche täglich sexuellen Missbrauch erfahren, ist mittlerweile vor allem dadurch bedingt, dass vieles unbemerkt online geschieht. Gaming-Plattformen wie Roblox werden von Tätern genutzt, um über die Chatfunktion Kontakt zu Minderjährigen herzustellen und diese zu sexuellen Handlungen wie dem Versenden von Nacktaufnahmen zu drängen oder zu manipulieren. Dies kann vielerlei schwerwiegende und weitreichende Folgen für Betroffene und ihr Umfeld haben. Deshalb warnt auch das Bundeskriminalamt alle Menschen davor, solche selbst gemachten Fotos oder Videos über soziale Medien oder Messenger-Dienste an andere Personen zu versenden. Mehr Infos dazu gibt’s im Netz (www.bka.de/dontsendit).
Auch in Lukas R. Pawlaks weiteren Veröffentlichungen wie „Episoden von Alatar und dem Tannhäuser Tor“, ein Fantasy-Buch, das erst kürzlich erschienen ist, werden immer wieder gesellschaftlich relevante Themen behandelt – weil das Leben und die Realität dann doch auch vor dem Eskapismus keinen Halt machen. Für die Zukunft wünscht sich der Autor deshalb eine Gesellschaft, die den Mut dazu hat, der unbequemen Wahrheit ins Gesicht zu blicken, sie zu thematisieren, darüber offen zu sprechen und sich füreinander einzusetzen. Auch wenn Provokation nicht immer der Schlüssel dazu sein mag, setzt Pawlak weiterhin alles daran, Wege zu finden, um durch Literatur auf heikle und sensible Themen aufmerksam zu machen. In seinem Verlag Lurch Print sollen deshalb Werke aller Art eine Plattform bekommen, um Sichtbarkeit für marginalisierte Gruppen und Missstände in der Gesellschaft zu schaffen.
Lukas R. Pawlak
Lurch Print
Lurch Print wurde 2025 aus der Entschlossenheit heraus gegründet, eine kreative Vision in die Welt zu tragen. Nachdem mehrere Verlage den Comic „Das Kind mit der roten Mütze“ abgelehnt haben, entschloss sich Lukas R. Pawlak dazu, den Schritt zu wagen und das Projekt selbst in die Hand zu nehmen. So entstand die Idee, Lurch Print zu gründen und den Comic in Eigenregie zu drucken und zu verkaufen.
Derzeit liegt der Fokus auf diesem Comic, doch weitere Werke sollen bei Bedarf ebenfalls über diese Plattform erscheinen. Lurch Print steht generell für eine flexible, direkte Veröffentlichung kreativer Inhalte.

