Schon bevor der erste Song erklingt, ist klar: Ein Lichterkinder-Konzert funktioniert nach anderen Regeln als ein klassisches Pop- oder Rockevent. Hier bleibt niemand einfach auf seinem Platz sitzen. Kinder springen auf, Eltern klatschen mit, Großeltern tanzen neben ihren Enkeln. Das soll so sein, ist ausdrücklich gewünscht.
Wenn „Der Körperteil Blues“, „Guck mal diese Biene da“ oder „Gehen wie ein Roboter“ angestimmt werden, verwandelt sich die Stage in eine einzige große Mitmachfläche. Genau darin liegt das Erfolgsgeheimnis des Hamburger Kinderlieder-Projekts Licherkinder: Die Bühne endet nicht an deren Rand – sie setzt sich mitten im Publikum fort. Das Konzept der Macher bringt es auf den Punkt: Nicht die Band ist der eigentliche Star, sondern die Menschen vor der Bühne.
Dass dieses Prinzip funktioniert, beweisen eindrucksvolle Zahlen. Seit der Gründung im Jahr 2015 sind mehr als zwei Dutzend Alben (25 an der Zahl!) erschienen, dazu Hörspiele, Tonie-Figuren und aufwendig produzierte Musikvideos. Mehrere Gold- und Platin-Auszeichnungen sowie inzwischen über 500 Millionen Aufrufe auf YouTube zeigen, dass Lichterkinder längst weit über das klassische Kita-Publikum hinausgewachsen ist und auch bei den Eltern, die die Songs allesamt auswendig mitsingen können, obendrein eine gewisse Nähe zur Band mitgewachsen ist.
Was ursprünglich als musikalische Begleitung einer einmaligen Laternen-Aktion in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Organisation „World Vision“ begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einer der erfolgreichsten deutschen Kindermusikmarken. Dabei war die Idee zunächst erstaunlich schlicht: moderne Kinderlieder, gesungen von Kindern für Kinder. Rolf Zuckowski oder Simone Sommerlad lassen grüßen. Also was war hier neu? Hinter dem Projekt stehen Produzent Achim Oppermann sowie Lars Jacobsen und Florian Bauer beziehungsweise Florian Mohr, die von Beginn an bewusst einen anderen Weg einschlugen als viele traditionelle Kinderlied-Produktionen. Statt pädagogischem Zeigefinger setzen die Songs direkt auf eingängige Pop-Arrangements, hochwertige Studioproduktion und Melodien, die auch die Eltern nicht langweilen und ihr Publikum ernstnehmen. Die Lerninhalte verstecken sich dabei fast beiläufig zwischen Tanzschritten, Reimen und eingängigen Refrains: Musik für die ganze Familie mit Themen, die für Groß und Klein wichtig sind: Freundschaft, Helfen, Teilen, Mut und Gefühle – aber auch Wertevermittlung wie Respekt, Toleranz und Verantwortung.
© Maissa Fall
Lichterkinder
Wer die Diskografie der Hamburger kennt, entdeckt schnell ein durchdachtes Konzept. Den Anfang machten erst „Spiel- und Bewegungslieder“, aus denen später Dauerbrenner wie der kultige „Körperteil Blues“ hervorgingen. Es folgten Alben für nahezu jede Lebenslage: Herbst- und Laternenlieder, Weihnachtsmusik, Weltreise-Songs, Schlaflieder, Lernlieder oder tierische Themenwelten. Statt jedes Jahr nur eine neue Platte zu veröffentlichen, entstand nach und nach ein ganzes musikalisches Universum, das Familien durch den gesamten Jahreslauf begleitet. Kleine Kinder wuchsen mit ihrer Lieblingsmusik auf. Maskottchen-Figuren wie Liki und Lumi erweitern dieses Konzept inzwischen um Hörspiele, Videos und Live-Produktionen. Besonders bemerkenswert ist dabei, wie konsequent Lichterkinder die musikalische Qualität in den Mittelpunkt stellt. In Interviews beschreibt das Team immer wieder, dass professionelle Musikproduktion und echte Kinderstimmen kein Widerspruch seien. Vielmehr sei genau diese Mischung entscheidend für die Glaubwürdigkeit des Projekts. Die Songs sollen Kinder ernst nehmen – musikalisch ebenso wie inhaltlich. Statt einfacher Klangkulissen entstehen aufwendig gearbeitete, zeitlose Popstücke, die auch Erwachsene gerne mitsingen. Produziert wird das gesamte Repertoire in Hamburg – unterstützt von einem eigenen Kinderchor, dessen Stimmen den Liedern ihre Authentizität verleihen.
Doch so erfolgreich Streaming, YouTube oder Tonie-Figuren auch sind – ihre eigentliche Kraft entfalten Lichterkinder live. Seit 2023 tourt eine siebenköpfige Liveband durch Deutschland und Österreich. Keine Distanz zwischen Mimen und Zuschauern, Bewegung ist ausdrücklich erwünscht. Kaum ein Lied vergeht, ohne dass Arme geschwenkt, Füße gestampft oder Tiere nachgeahmt werden. Selbst zurückhaltende Erwachsene finden sich plötzlich mitten in einer Choreografie wieder. Was zunächst wie ein Kinderkonzert wirkt, entwickelt sich schnell zu einem generationsübergreifenden Gemeinschaftshappening.
In Interviews beschreibt Produzent Benno Kupsa den Kern dieses Erfolgs sinngemäß so: Die Kinder konsumieren die Musik nicht nur, sie gestalten sie aktiv mit, haben keine Scham vor Tanz, blödeln und ulken herum. Genau dieses Aktive schaffe gemeinsame Erinnerungen, die weit über den Konzertbesuch hinausreichen. Aus Zuschauern werden Mitwirkende – und aus einem Konzert ein kollektives Erlebnis für die ganze Familie.
Diese Philosophie spiegelt sich inzwischen auch im Bühnenkonzept wider, bei den Kindern aus der jeweiligen Region teilweise sogar Teil des Finales werden können. Bemerkenswert ist außerdem, dass Lichterkinder trotz aller kommerziellen Erfolge den ursprünglichen sozialen Gedanken nicht völlig aus den Augen verloren haben. Die Verbindung zu gemeinnützigen Projekten besteht bis heute fort. Nach Angaben des Teams werden Konzerte regelmäßig mit regionalen Kinderhilfsorganisationen verbunden; außerdem engagiert sich das Projekt weiterhin für soziale Initiativen. Damit knüpft es an seine Wurzeln an, als Musik und Benefizgedanke untrennbar miteinander verbunden waren. Vielleicht erklärt auch genau das den nachhaltigen Erfolg. Während viele Kinderstars nach wenigen Jahren wieder verschwinden, haben Lichterkinder ihr Angebot kontinuierlich erweitert, ohne ihre Grundidee zu verändern. Musik bleibt hier kein Hintergrundrauschen, sondern Anlass zum gemeinsamen Erleben. In einer Zeit, in der plumpe Unterhaltung oft über Bildschirme stattfindet, schaffen die Konzerte der Lichterkinder etwas erstaunlich Analoges und Altbewährtes: gemeinsames Singen, Tanzen und Lachen. Und dieses Wir-Gefühl ist heutzutage wichtiger denn je!
Am Ende eines Lichterkinder-Konzerts verlässt deshalb kaum ein Kind den Saal, ohne wenigstens einen Ohrwurm mit nach Hause zu nehmen. Die eigentlichen Hits entstehen aber erst mit den freudestrahlenden Gesichtern der Kinder, die voller Begeisterung mitsingen – und mit den Eltern, die spätestens beim letzten Song merken, dass sie längst selbst Teil der Show geworden sind. Eine Erinnerung für immer – oder wie Liki sagen würde: „Am Anfang lernen wir zu staunen.“
