Wer glaubt, Hühner würden den ganzen Tag nur gackern und Körner picken, sollte sich unbedingt die griechische – äußerst ungewöhnliche – Produktion „Lebensansichten eines Huhns“ des ungarischen Regisseurs György Pálfi ansehen. Sicherlich ist „Kota“, so der originale Filmtitel (griechisch für Henne), eine der kuriosesten Kinoproduktionen dieses Jahres. Dieser ebenso charmante wie kluge Film verpasst dem Federvieh eine erstaunlich philosophische Stimme – und den Zuschauern gleich ein paar kritische Denkanstöße dazu.
Während wir die abenteuerliche Geschichte einer Henne verfolgen, die verzweifelt versucht, eine Familie zu gründen, entfaltet sich im Hintergrund eine schreckliche menschliche Tragödie. Mit viel Humor und liebevoll beobachteten Szenen erzählt György Pálfi vom schicksalhaften Alltag eines Huhns und hält den Zuschauern dabei ziemlich geschickt den Spiegel vor. Plötzlich geht es gar nicht mehr nur um Eier, Stall und Auslauf, sondern um die großen Fragen des Lebens: Freiheit, Zusammenhalt und die Frage, wie wir mit Tieren und unserer Umwelt umgehen. Die stärksten Momente hat das tierische Sozialdrama dort, wo der Blick des Tieres die menschliche Ordnung relativiert: Was für Menschen Alltag, Besitz oder Geschäft ist, bedeutet für das Huhn Gefahr, Verlust oder Zuflucht. Dadurch verschiebt sich die Perspektive auf überraschende Weise. Aus Federkleid, Fluchtinstinkt und menschlicher Hackordnung entsteht eine Geschichte über Ausbeutung, Nähe und Überleben. Und diese Blickwinkel sind für uns Menschen ziemlich verstörend.
Lebensansichten eines Huhns
Ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit Witz, Herz und einer guten Portion Selbstironie, regt der Film zum Nachdenken an. Möglicherweise betrachten wir Hühner und Tiere nach dem Kinoabend mit etwas mehr Respekt – und unser Frühstücksei mit einem kleinen schlechten Gewissen am Morgen. Aber Achtung: Trotz der niedlichen Aufmachung ist die Tragikomödie kein kitschiger Kinder- oder Familienfilm, daher auch die FSK12-Freigabe, da die angesprochenen Themen durchaus tiefsinnig und ernst behandelt werden.
„Lebensansichten eines Huhns“ ist sowohl die emanzipierte Autobiografie einer Körnerpickerin als auch eine sehr originelle Geschichte über das Abenteuer des Erzählens. Und während Protagonistin Henne sich schließlich in ihren Alltag einfügt, entdeckt sie etwas, das sie nie erwartet hätte: die Liebe. Insgesamt warmherzig, originell und überraschend tiefgründig – definitiv ein Film, der noch lange nachgackert.
