Mit einer malerischen Handschrift, die sich jeder flüchtigen Mode widersetzt, steht Johannes Grützke als unbeirrbarer Chronist des Menschlichen im Raum der deutschen Nachkriegskunst. Die Kunsthalle Jesuitenkirche widmet ihm nun eine umfassende Werkschau, die rund 50 Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken versammelt und so den Blick auf einen Künstler öffnet, der mit unerschütterlicher Konsequenz den Menschen ins Zentrum seiner Bildwelt stellte.
Seine Figuren sind alles andere als heroische Ikonen. Mit grotesk betonter Muskulatur, scharf modellierter Physiognomie und einer Spur Übertreibung entzieht er sie jeder idealisierenden Glätte. Sie erscheinen als tragikomische Wesen, verletzlich, exzentrisch, zutiefst sozial – und gerade dadurch unendlich nahbar. Grützkes malerische Sprache verbindet intellektuelle Präzision mit einem Humor, der nicht auslässt, sondern entlarvt.
Der 1937 in Berlin geborene Maler formte seinen Stil in den Jahren an der Hochschule für Bildende Künste unter Hans Orlowski und Peter Janssen. Früh begegnete er dort dem Spannungsfeld zwischen akademischer Strenge und künstlerischer Freiheit. 1973 gehörte er zu den Mitbegründern der „Schule der neuen Prächtigkeit“, einer losen Verbindung Gleichgesinnter, die mit satirischem Realismus und ironischer Brechung gegen die Dominanz der abstrakten Malerei antraten. Ihr programmatischer Aufruf, sich „aus der Kläglichkeit zu retten“, war ebenso Kampfansage wie ästhetisches Manifest.
Auch sein Schaffen außerhalb der Staffelei zeugt von künstlerischer Vielgestaltigkeit. Ob als Musiker mit den „Erlebnisgeigern“ oder als Lehrer an renommierten Kunsthochschulen, Grützke verstand es, künstlerische Disziplin mit schöpferischer Unruhe zu verbinden. Sein Werk bleibt ein Zeugnis jener seltenen Fähigkeit, Geist, Humor und handwerkliche Meisterschaft zu vereinen.
Die Kunsthalle bietet mit dieser Schau nicht nur einen dichten Überblick über sein Œuvre, sondern zeigt auch selten gesehene Arbeiten aus privaten und öffentlichen Sammlungen. Der begleitende Katalog vertieft mit Beiträgen von namhaften Autoren wie Eduard Beaucamp die Auseinandersetzung mit einem Maler, der sich weder vom Zeitgeist vereinnahmen ließ noch vor der Lust an opulenter Bildsprache zurückschreckte. Eine Einladung, dem „Menschenmaler“ Grützke zu begegnen – in all seiner prächtigen Eigenwilligkeit.
