Peter Schneider kennt man als Schauspieler nicht nur aus unzähligen Fernsehserien wie Tatort oder Polizeiruf 110 und Kino-Blockbustern wie „Der Baader-Meinhof-Komplex“, sondern auch als renommierten und hochgelobten Bühnenmimen. Zudem ist er studierter Musiker und hat 2024 ein Programm auf die Bühne gebracht, bei dem er nicht nur seine beiden Professionen miteinander vereint, sondern auch einem seiner Helden Tribut zollt: dem charismatischen Ton-Steine-Scherben-Frontmann und erfolgreichen Solokünstler Rio Reiser.
Gemeinsam mit seiner Band, seiner Bühnenkollegin Julia Zabolitzki und seinem Publikum begibt sich Schneider mit „Der Traum ist aus aber …“ auf die Suche nach diesem legendären Revoluzzer, der irgendwo zwischen ehernem Heldendenkmal und buntem Bravostarschnitt lebte. Der nach dem finanziell desaströsen Ende der Scherben einen Major-Deal als Soloact einging, um die gemeinsamen Schulden zu tilgen und dafür viel Unmut abbekam. Der mal als Gründervater der deutschen Popmusik und bester Rocksänger der Republik und mal als Kunsthure, Hassprediger und Trinker betitelt wurde. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Mitte und Peter Schneider will sie finden.
Bei einem FRIZZ-Gespräch vorab verrät Peter Schneider ein wenig über seine Verbindung zu Rio Reiser, Details zum Programm und seine ganz am Anfang stehende Beziehung zu unserer kleinen Stadt.
FRIZZ Das Magazin: Lieber Peter, hast du eine Verbindung zu Aschaffenburg?
Peter Schneider: Nein, ich bin zum ersten Mal in Aschaffenburg. Aber wir freuen uns alle sehr und ganz besonders auch meine Bühnenpartnerin Julia Zabolitzki. Sie kommt aus der Nähe von Frankfurt und deshalb wird ihre ganze Familie da sein und sich den Abend anschauen.
Wie kam es zum Rio-Reiser-Stück?
Ich hatte 2013 am Schauspiel Leipzig schon Themenabende zu Rio Reiser gemacht. Seitdem trug ich die Idee in mir, dass noch mal als Bühnenstück komplett neu und besser zu kreieren. Im Frühjahr 2024 war es dann endlich so weit und wir konnten mit „Der Traum ist aus, aber …“ Premiere feiern. Seit Ende 2024 sind wir damit deutschlandweit unterwegs.
Und das sehr erfolgreich! Was reizt dich am Künstler und Menschen Rio Reiser, dass du ihm einen kompletten Abend widmest?
Zum einen begleiten mich seine Lieder und Texte eigentlich schon mein ganzes Leben und ich finde es berührend und beeindruckend, was er als Liedermacher, Sänger und Texter hinterlassen hat, nachdem er so wahnsinnig früh und tragisch verstorben ist. Zum anderen hat mich immer fasziniert, wie er mit dem Konflikt, dass er oft zu etwas gemacht wurde, was er gar nicht war, umgegangen ist und dabei trotzdem seiner eigenen Linie treu blieb. Auch das hat mich nicht nur ebenso sehr beeindruckt, sondern, was meinen eigenen künstlerischen Weg betrifft, auch sehr beeinflusst. Denn es gibt Fragen, die beim Leben und Überleben als Künstler immer wieder eine Rolle spielen, sobald man davon leben will und muss. Rio Reiser ist nicht nur einem Ideal als Künstler treu geblieben, sondern hat auch – gerade nach dem finanziell tragischen Aus von Ton Steine Scherben – Verantwortung übernommen. Das alles spiegelt sich neben seinen Liedern auch in seinen Texten wider. Deswegen ist unser Programm ja auch kein reiner Liederabend, sondern eine spannende Mischung aus Songs und Texten, sowohl von Rio als auch von Künstlern, die er bewundert und verehrt hat und die in ihrer Zeit vor den gleichen Fragen standen wie er.
© Wolfgang Eschenhagen
Peter Schneider
Du hast gerade von diesem Konflikt gesprochen und davon, dass du dich ein Stück weit selbst erkannt hast. Wie meinst du das genau?
Sich mit Konflikten auseinanderzusetzen und dabei selbst so treu wie möglich zu bleiben – das passiert einem doch relativ oft, im Kleinen wie im Großen. Im künstlerischen Bereich heißt das zum Beispiel: Will ich das machen? Komme ich menschlich und inhaltlich damit klar? Kann ich mir treu bleiben? Kann ich mich künstlerisch genug einbringen oder soll ich als Dienstleister nur irgendetwas runterspielen? Für ein selbstbestimmtes Arbeiten, wie ich es gerne mache, sind diese Fragen und Konflikte eben eine Art Ampel oder moralische Instanz.
Würdest du sagen, dass Rio ein polarisierender Mensch war?
Nee. Ich empfinde ihn als einen herzensguten Menschen und die Polarisierung, die ihm nachgesagt wurde, habe ich nie wirklich verstanden. Er hat einfach Verantwortung übernommen.
Konkret an diesem Abend: Wie viel Schneider steckt im Reiser oder Reiser im Schneider?
Ich kann mich natürlich nicht mit einem großartigen Künstler wie Rio Reiser vergleichen und es steht mir auch gar nicht zu, das irgendwie zu imitieren. Insofern ist die Antwort eigentlich ganz einfach: Es steckt da ganz viel Schneider im Programm, weil es meine ganz persönliche Sichtweise auf ihn ist. Quasi die Sichtweise von Schneider auf seinen eigenen Rio.
In der Ankündigung steht ein toller Satz: „An diesem Abend wollen wir ihn suchen und entweder finden wir ihn in seiner Musik oder nirgends.“ Ist dein Programm für die Besucher also ein Event mit offenem Ausgang?
Ja, ich glaube schon, gerade weil der Abend interaktiv ist. Rio Reiser ging es immer um die Verbindung mit seinem Publikum und das habe ich übernommen und versuche auch, etwas Verbindendes zu schaffen. Das erzeugt natürlich einen individuellen Interpretationsspielraum für jeden Einzelnen und somit auch irgendwie einen offenen Ausgang.
Wo liegt der Schwerpunkt musikalisch?
Es sind auch Solosachen Rio Reisers dabei, aber die Mehrheit der Songs kommen definitiv aus der Scherbenzeit.
Wie ist denn die Struktur des Publikums? Kommen überwiegend Leute, die Rio Reiser als König von Deutschland kennen oder Fans aus der Scherbenzeit?
Das ist das Schöne, das ist total verschieden. Es sind natürlich viele Ältere dabei und ich darf das so sagen, denn ich bin ja auch schon älter (lacht). Aber es gibt auch immer einen großen Anteil junger Menschen im Publikum und ich finde es total interessant, was Rio Reiser in dieser Altersgruppe für eine Aktualität behalten hat. Total gemischtes Publikum also, und die, die einen reinen Liederabend erwarten, sind dann immer überrascht, dass es irgendwo auch Theater ist und sie sich auf was völlig Neues einlassen können. Und es freut mich einfach, dass wir mit unserem Programm anscheinend einen gemeinsamen, verbindenden Nenner finden.
Was kann Aschaffenburg tun, damit der 27.8. euer schönster Sommerabend dieses Jahr wird?
Ja, also da ist ja die Tatsache, dass wir das bei euch zum ersten Mal Open Air spielen und insofern ist dieser Abend irgendwie eine Premiere für uns. Aber ich fand die Idee total charmant, das mal zu probieren. Es wäre also toll, wenn es ein regenfreier, warmer Sommerabend in toller Atmosphäre wird. Das würde mich wahnsinnig freuen.
Eine Frage, die wir abschließend allen Bühnenmenschen stellen: Was ist das Allerallerletzte, das du tust, bevor du auf die Bühne gehst?
Allein sein. Wir wünschen uns natürlich alle zusammen Toi Toi Toi, aber dann muss ich noch ein paar Minuten wirklich alleine und mit mir sein, bevor es losgeht.
