Die Stücke der Alternative-Rocker handeln von Wäldern ohne Sonne, Gebirgen aus Glas und vom bedingungslosen Ablauf der Zeit – inspiriert von Fantasie, Natur und Chaos. Träume, Ungreifbares und Unterbewusstes und immer wieder das Spannungsfeld zwischen Ausbruch und Zurückkommen.
Drei der vier Musiker sind in den vergangenen Jahren Väter geworden, auch die ersten grauen Schläfen sind unter den einstigen Zottelmähnen sichtbar. Man wird eben älter, reflektierter, bodenständiger. Die Band, die in den 00er-Jahren sicherlich kommende Muckergenerationen in Aschaffenburg stark sozialisiert hat und zuletzt 2018 mit ihrem Zweitwerk „Odyssey“ ein viel beachtetes Album veröffentlicht hat, blickt im FRIZZ-Gespräch auf die „gute alte Jugendzeit“ zurück. Vor allem will man aber das geliebte Bandprojekt nach wie vor nicht aufgeben, auch wenn es in der letzten Zeit etwas ruhiger um die Jungs um Sänger und Gitarrist Paul Ritter geworden ist. Macht aber gar nichts. Laut wird es trotzdem, wenn Orange Amber ihre zeitlosen Kompositionen auf der Bühne des Colos-Saals wiederaufführen.
FRIZZ Das Magazin: Orange Amber gehören mittlerweile zu den „dienstältesten“ Bands von Aschaffenburg. Zwischenzeitlich stand eure Auflösung im Raum. Daher wird es doch mal wieder Zeit zu fragen: Was ist aktuell so los bei euch?
Paul Ritter: Ich muss das mit der „Auflösung“ ein bisschen geraderücken. Das stand nie zur Debatte. Durch die räumliche Trennung (zwei Mitglieder leben in Laufach, zwei von uns in Mainz), den Ausstieg unseres Keyboarders sowie die Corona-Pandemie wurde es zwischenzeitlich ruhiger um uns, sodass wir nur noch zwei Gigs pro Jahr gespielt haben. Der Colos-Saal-Auftritt ist noch immer ein Nachholtermin aus Corona-Zeiten. Fakt ist: Uns gibt es noch und es wird uns weiterhin geben. Im Mai werden wir exklusives neues Material spielen. Wann und ob ein neues Album erscheint, können wir zum jetzigen Stand aber noch nicht sagen.
Ihr entstammt einer Ära, in der die regionale Musikszene geboomt hat und es viele Gruppen auch außerhalb der Stadtgrenzen geschafft haben, erfolgreich zu sein und auf sich aufmerksam zu machen. Ihr gehört dazu. Wenn ihr die Zeit im Wandel Revue passieren lasst, was hat sich für euch persönlich am stärksten verändert?
Puuuh – wo soll ich beginnen? Vielleicht nostalgisch? Ich denke, dass es in den 90ern und 00ern einfacher war als Newcomerband Shows zu spielen als heute. Es gab mehr kleine Clubs und Jugendzentren, die nicht nur auf gewinnbringende Coveracts geschaut haben. Das allgemeine Kneipensterben betrifft mittlerweile leider auch Liveclubs. Ich möchte aber die Gegenwart nicht per se schlechtreden, da ich schlichtweg nicht weiß, wie es sich heute als junger Teenager anfühlt, in Aschaffenburg und Umland Musik zu machen. Man sieht aber nach wie vor, dass Subkulturen blühen. Mittendrin ist es vielleicht grau – was sicherlich auch an der allgemeinen gesellschaftlichen Lage liegt – aber dafür sind die Ränder schön bunt, und das stimmt mich zuversichtlich. Wenn ich sehe, wie viele Gigs beispielsweise Kant, Ritus, Lucid Void oder auch die Electric Jugs – mit denen wir am 15.5. im Colos-Saal auftreten – über ganz Deutschland verteilt spielen, stimmt mich das optimistisch. Da ich selbst auch Teil des Spessarttors in Hain bin, in dem auch regionale und überregionale Bands spielen – bin ich zuversichtlich, dass die „Inseln“ überdauern werden. Man muss halt eben was dafür tun, dass diese Kultur erhalten bleibt.
Electric Jugs
Wie entstehen Songs anno 2026 bei euch? Seid ihr immer noch die gute alte Jam-Band, die sich im Proberaum bei ein paar Bieren trifft oder komponiert jeder für sich und es hat sich zum digitalen Austausch entwickelt?
Das ist eigentlich wie eh und je. Einer bringt eine Idee oder ein Riff mit – oder schickt diese mal als Sprachmemo. Ganz simpel, paar Akkorde und eine Gesangslinie gepfiffen oder so. Dann wird das gejammt und im Proberaum zusammen weiterentwickelt. Das funktioniert mit den Jahren immer besser und einfacher. Dann findet das bestenfalls jeder gut und ich setz mich dann allein hin und schreibe über Tage oder manchmal Wochen die Texte dazu. Wir haben im gemeinsamen Proberaum mit der Band Hazey Shades die Möglichkeit, recht ordentlich Musik aufzunehmen. Aber auch da setzt sich keiner alleine hin und legt Spuren übereinander …
Wie steht ihr als Rockband dazu, dass Musikhörer mittlerweile gerne auch zu gleichartiger, komplett computergenerierter KI-Musik greifen? Ist das ein Thema, mit dem ihr euch musikalisch auseinandersetzt? Stichwort: modernes Hörverhalten.
Ich persönlich find das scheußlich – aber so ist halt der Lauf der Dinge. Ich bin nicht grundsätzlich gegen KI. Diese hat in Forschung, Medizin und Wissenschaft durchaus ihre Berechtigung. Aber innerhalb der Kunst finde ich den Gedanken befremdlich, dass etwas Emotionen hervorruft, was nicht aus Emotionen geboren wurde. Klar, der Neurologe sagt jetzt, dass im Hirn auch nichts anderes abläuft als im Supercomputer, aber Dichtung, Malerei, Musik, um nur ein paar Kunstformen zu nennen, sind zutiefst menschliche Bedürfnisse nach Ausdruck, nach Antworten auf Fragen, auf die es vielleicht keine Antworten gibt. Ich habe Angst vor dem Moment, wo mir das erste Lied richtig ans Herz geht, das von einem Computer generiert wurde. Man sollte zumindest klare KI-Richtlinien haben, die einem vorher sagen, was „handmade“ ist und was nicht.
Wo steht die gute alte handgemachte Rockmusik in diesen Tagen denn generell? Eine Zeitlang herrschte Stillstand, jetzt scheinen wieder immer mehr junge Menschen zu Instrumenten zu greifen und Lust zu haben, sich wieder kreativ auszudrücken.
Ich sehe es bei uns im Spessarttor in Hain, dass junge Leute immer noch Lust haben, Musik zu machen – habe aber generell den Eindruck, dass es weniger wird. Das passive Überangebot durch Smartphone/Videospiele/Chat-Portale, Social Media ist einfach zu groß. Für eine Band, die funktioniert müssen aber alle Leute ausnahmslos mindestens einmal pro Woche „in persona“ zusammenkommen und proben. Viele Kids wissen heute nicht einmal, was sie in zwei Stunden machen werden, wie dann auf eine Probe am Freitagabend festlegen? Es ist alles schnell und laut geworden. Eine Band hingegen braucht Zeit und Klausur.
In den 1990er- und 2000er-Jahren war Aschaffenburg eine blühende Szene alternativer Sub- und Gegenkultur. Die Zeiten haben sich verändert. Zwar gibt es sie immer noch: die Szenen, die Bands, die rebellischen Orte – aber alles hat sich im Wandel der Zeit verändert. Wo verortet ihr euch hier selbst? Mit welchen Bands und Künstlern hängt man rum, ist befreundet, kennt sich, schätzt sich, unterstützt sich?
Die „Generation Millennium“ kennt und schätzt sich natürlich und alle, die hier im Umkreis wohnen, sind untereinander befreundet oder zumindest gut bekannt. Durch unser Engagement im Rahmen der Kulturkneipe Spessarttor verstärkt sich das noch zusätzlich. Die Jungs von Ritus zum Beispiel –
also die Szene um die früheren Orcus Chylde, an Dejan (Anm. d. Red.: Dejan Zivkovic aka Demian Sky) kommt man in Aschaffenburg ohnehin nicht vorbei – sind hier zu nennen. Bei meiner andern Band Hazey Shades spielt ein Mitglied teilweise mit Chris Padera (früher The Fountains), einer mit Lateesha Halmen und mittlerweile ebenfalls bei Ritus. Der Gitarrist von Kant wiederum repariert meine Gitarre. Also man kennt und schätzt sich allerorts, auch wenn man sich nicht jede Woche sieht. Aber wenn man sich sieht, ist es immer schön.
Wenn ihr eure Musik heute mit einem Film oder Stück vergleichen würdet – welcher beziehungsweise welches wäre das?
Das ist eine spannende Frage, bei der wahrscheinlich bei allen von uns was anderes rauskäme. Ich selbst bin großer Filmfan und höre in unserer Musik oft eine gewisse Weite. Für mich sind unsere Songs grandiose Landschaften, keine Musik der Stadt. Im manchmal Lauten ist die Musik aber auch irgendwie ruhig und fließend. Da fällt mir von der Bildsprache Wim Wenders ein. Auch die Filmemacher Jim Jarmusch oder David Lynch sind für mich sicherlich Einflüsse, die sich sowohl in Musik als auch in Texten wiederfinden. Warum tun wir trotz aller Philosophen noch so viel Irrationales? Ud was davon ist gut und schlecht? Jetzt drifte ich aber ab …
