Nach dem tragischen Krebstod ihres Drummers Steffen hat die Band My Sleeping Karma nach mehreren Monaten Pause einen neuen Trommler in ihrem Inner-Circle gefunden. Seit kurzer Zeit wird auch wieder an neuer Musik für ihr achtes Album gearbeitet. Seit über 20 Jahren föhnen sie mit brachialen, instrumentalen Soundgewittern über die Bühnen Europas hinweg und begeistern ihr Publikum nicht nur im Rahmen ihrer regelmäßigen Headliner-Tourneen, sondern auch bei namhaften, großen Festivals. Sieben Alben hat der Psych-Groove-Rock-Vierer vom Untermain bisher veröffentlicht, der bislang jüngste Longplayer „Atma“ aus 2022 chartete in den deutschen Top 20. 2023 dann der große Schock: MSK-Drummer und Produzent Steffen Weigand erlag einer Krebserkrankung und lange war nicht klar, ob und wie es mit der Band weitergehen wird. Vor wenigen Monaten wurde dann mit André Stein, der die Truppe bereits seit vielen Jahren als Lichtdesigner auf Tour begleitete, der neue Mann am Schlagwerk vorgestellt und trommelte seinen Einstand bei einer restlos ausverkauften und höchst emotionalen Show im Colos-Saal. Seitdem arbeitet My Sleeping Karma wieder an neuer Musik und bereitet sich auf ausgesuchte Festivalshows im Sommer vor. Was gar nicht so einfach ist, wenn die Bandmitglieder aus der Schweiz, Frankreich, dem Bergischen Land und dem Untermain zusammenkommen müssen. Neulich war es mal wieder soweit, FRIZZ Das Magazin hat die Möglichkeit genutzt und sich nach einer Probesession mit ein paar entspannten Kaltgetränken im Anschlag zur Plauderei mit den Jungs getroffen.
FRIZZ Das Magazin: Ok, zum Einstieg ganz pauschal: Was geht ab?
Sepp: Wir sind gerade ganz versunken darin, neue Musik zu machen. Natürlich spielen wir auch ein paar Festivals, aber wir werden dieses Jahr keine Tour machen.
Matte: 2025 soll für uns so etwas wie eine erneute Findungsphase sein, da ja doch vieles gerade wieder relativ neu und frisch ist. Auf die Festivaltermine freuen wir uns sehr, eine Tour ist aber erst für 2026 geplant.
Also neues Album in progress?
S: Genau. Und es wird das erste mit André an den Drums sein. Wir sind aber gerade erst ganz am Anfang vom Songwriting, da André sich natürlich erstmal mit dem vorhandenen Material auseinandersetzen musste und sich auf die ersten drei Shows vorbereitet hat, die wir bislang zusammen gespielt haben. Jetzt haben wir wieder Luft, neue Ideen zu entwickeln und kommen ja auch gerade aus dem Proberaum. Und man kann sagen, wir waren heute sehr kreativ!
Gibt’s bei euch so etwas wie einen Hauptsongwriter oder passiert das alles im Kollektiv?
M: Es hat sich so herauskristallisiert, dass die meisten Ideen erstmal von Seppi in Form von Licks und Riffs kommen. Da spielen wir dann gemeinsam drauf rum und merken relativ schnell, ob das einen typischen Karma-Vibe entwickelt.
© Frank „Indy“ Wienand und Falk-Hagen Bernshausen
My Sleeping Karma
Mit euren Wohnorten seid ihr in alle Himmelsrichtungen verstreut. Wie läuft die normale Bandarbeit bei euch ab?
S: Gar nicht (lacht). Im Ernst, so was wie normale Bandarbeit geht bei unserer Konstellation nicht. Aber dafür gibt es ja glücklicherweise diverse Chat-Formate und Online-Tabellen in denen man sich organisieren kann.
Aber viele Bands nutzen ja auch zum gemeinsamen Songwriting entsprechende Online-Tools …
S: Ja, mag sein, aber das haben wir noch nie gemacht.
M: MSK ist in der Beziehung wirklich etwas ganz anderes. Wir sind jetzt 20 Jahre lang so zusammengewachsen, dass der persönliche Austausch beim Songwriting für uns einfach unerlässlich ist. Deswegen würde so etwas wie eine Taktung von außen bei uns auch nicht funktionieren.
Norman: Es ist schon so, dass es bei uns in Sachen Songwriting einfach matcht. Unser Sound ist von selbst entstanden und jeder hat immer eine eigene Vorstellung, wie das Endprodukt dann klingen könnte. Und genau das läuft dann immer super ineinander.
S: Zur Wahrheit gehört aber auch: Jeder einzelne von uns freut sich auch immer sehr auf die anderen, dass es durchaus auch mal vorkommt, dass wir uns erstmal verquatschen, lange über Fußball diskutieren, Bier trinken und private Anekdoten austauschen…
… aus eigener Erfahrung können wir FRIZZen aber sagen, dass der Schritt zum gezielten arbeiten von Minute zu Minute dann immer größer wird.
Allgemein großes Gelächter, alle sprechen durcheinander von „Nö, das klappt immer super“ bis hin zu „Ja, du hast vollkommen recht“.
Durch wen oder was lasst ihr euch im kreativen Prozess inspirieren? Oder seid ihr selbst eure eigene Inspirationsquelle?
S: Letzteres trifft es sehr gut, meiner Meinung nach.
M: Sehe ich genauso. Da wir diesen Signature-Grundsound haben, der automatisch immer da ist, merkst du dann auch relativ schnell, ob eine neue Idee flowt. Heute war zum Beispiel so ein Tag, an dem es bei uns vier brutal gut funktioniert hat.
© Frank „Indy“ Wienand und Falk-Hagen Bernshausen
André Stein
Stichwort „vier“. Mit André habt ihr einen neuen Drummer am Start, der ja aber eigentlich schon sehr lange Teil eurer Familie ist.
M: Das stimmt und genau das ist ein ganz wichtiger Faktor, dass es überhaupt weiterging. Wir vermissen Steffen total und es ist tatsächlich rückblickend, auch wenn es gar nicht forciert war, die einzig logische Möglichkeit, die Position überhaupt zu ersetzen. Und dann kommt noch dazu, dass André sowieso schon lange mit uns als Lichtdesigner auf Tour war und unseren Sound und unsere Strukturen in- und auswendig kennt.
War nach Steffens Tod offen, ob es überhaupt weitergeht?
N: Ja, definitiv. Unsere Gedanken und Überlegungen gingen in sämtliche Richtungen. In der ersten Zeit war die Musik, die wir gemeinsam gemacht haben, auch komplett nebensächlich, weil der menschliche Verlust für uns natürlich nur sehr schwer zu verkraften war und immer noch ist. Die aktuelle Situation ist dementsprechend auch das Ergebnis eines langen Prozesses. Aber wir sehen das auch als Möglichkeit, Steffens Vermächtnis hoch zu halten.
M: Wir hatten die ersten Monate nach Steffens Tod überhaupt keinen Kontakt zueinander, weil jeder für sich war und das erst mal verdauen musste. Irgendwann gab es dann mal ein gemeinsames Treffen von Band und Crew. Ganz spät an diesem Abend hat André uns angeboten, dass er trommeln könnte, sofern wir irgendwann mal wieder jammen wollen würden.
André: Mir ging es damals einzig und allein darum, den Jungs die Möglichkeit zu geben, wieder mal in den Proberaum zu gehen, wenn sie das möchten. Musik kann auf jeden Fall auch eine Art Trauerbewältigung sein und ob es beim Jammen dann um Karma-Musik oder was völlig anderes gegangen wäre, war mir absolut egal. Ich fand es einfach nur traurig, dass die Instrumente seit einem halben Jahr nicht angefasst wurden.
Ich denke die Reaktionen der Fans nach den ersten Shows mit André haben gezeigt, dass alle verstanden haben, wie das zustande gekommen ist.
M: Die Anzahl an Mails und auch unglaublich viel handgeschriebenen Briefen war wirklich irre, hat uns unglaublich berührt und am Ende auch Mut gemacht, mit MSK weiterzumachen.
S: Es ist auch seit dem ersten Jam mit André emotional so viel passiert, dass uns das komplett zerrissen hat. Das erste Mal ohne Steffen in unserem Proberaum war erdrückend und wir hatten zuerst das Gefühl, dass an diesem Ort nichts mehr Kreatives entstehen kann. Was uns in dieser Zeit wirklich sehr geholfen hat, waren die ganzen Nachrichten und Geschichten, die die Leute uns erzählt haben und die mit unserer Musik zu tun hatten.
M: Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir mit André zusammen den ureigenen Sound, den Steffen so maßgeblich mitgeprägt hat, weiter transportieren können. Wir hatten das Gefühl, keine Maske aufzusetzen um das Feeling irgendwie künstlich am Leben zu erhalten, sondern viel mehr, dass unser Vibe weiterleben kann.
© Frank „Indy“ Wienand und Falk-Hagen Bernshausen
My Sleeping Karma
Jetzt seid ihr also wieder mittendrin im kreativen Prozess. Ist die Entstehung neuer Musik eigentlich insgesamt schwieriger, wenn man rein instrumental unterwegs ist?
S: Ich denke schon, dass es ein Stück weit herausfordernder ist, weil du ja jede Sekunde im Song irgendwie mit Melodien, Gefühlen und Dynamik füllen musst und nicht die Möglichkeit hast, in einer Strophe beispielsweise in Anführungszeichen einfach nur mal die Akkorde beizusteuern. Also gibt es bei uns auch kein Schema bei der Entstehung der Songs. Es muss sich einfach am Ende als gesamtes Werk gut anfühlen.
Wie hat sich das eigentlich ergeben, dass ihr als rein instrumentale Band unterwegs seid?
S: Nach dem Ende von „The Great Escape“ wollten Matte und ich irgendwie weitermachen. Als große Anhänger der inzwischen aufgelösten Band 35007 (Anm. der Red.: gespr. „Loose“), die damals auch live rein instrumentale, brachiale Sounds mit visuellen Effekten und Videoinstallationen verbunden hat, gingen unsere ersten Schritte musikalisch irgendwie auch in diese Richtung.
M: Wir wollten auch aus der Stoner-Kyuss-Ecke raus und haben schnell gemerkt, wie toll es sein kann, dass die Hörer zu unserer Musik ihren eigenen Film oder ihre eigene Story fahren können. Das geht halt auch nur, wenn keine Vocals und kein Text die Richtung vorgeben. So kann jeder mit unserer Musik seine eigene Geschichte verbinden, ohne dass diese bereits vorgegeben ist.
Gibt’s fürs neue Album eigentlich eine Zeitschiene?
M: Nein, gar nicht. Wir schauen einfach, wie’s weitergeht und wann es soweit ist. Wir haben glücklicherweise auch von unserem Label schon sehr früh kommuniziert bekommen, dass wir alle Zeit der Welt haben. Da wir wissen, dass es im Musikbusiness auch ganz anders zugehen kann, sind wir da sehr, sehr dankbar. Aber wenn wir unsere persönliche Timeline diesbezüglich taxieren müssten, würden wir wahrscheinlich von der zweiten Hälfte 2026 sprechen.
Bevor wir euch wieder in den Kreativflow entlassen, müssen wir natürlich noch unsere traditionelle Abschlussfrage stellen: Was ist das allerletzte was ihr tut, bevor ihr auf die Bühne geht?
S: Schauen, dass Magen und Blase leer sind (alle lachen).
M: Das allerletzte Ritual passiert bei uns nicht hinter, sondern auf der Bühne. Wir bilden einen Kreis, bauen Energie auf und schwören uns auf unsere eigene Musik ein.
Wir wünschen weiterhin maximalen Erfolg und bedanken uns für das Gespräch!
