Vom 28. Februar bis 26. März finden die 46. Aschaffenburger Gitarrentage statt, die erneut die facettenreiche Klangwelt der Gitarre auf künstlerisch höchstem Niveau präsentieren. Die Madrilenen Luis Gallo und La Jose verbindet zusammen mit dem Frankfurter Max Clouth die Liebe zur Gitarre und zu gutem Essen: „Musik machen, das ist wie Kochen, es geht um gute Zutaten, gutes Timing und guten Geschmack”, lacht Max Clouth. Die Lust an frischen musikalischen Rezepten hat das Trio angetrieben, in verschiedensten Konstellationen zu arbeiten. Beim Konzert im Rahmen der Gitarrentage präsentieren die Drei eine Begegnung der musikalisch spannenden Art, denn Max Clouth steuert dem Flamenco(gitarren)-Pop-Duo Gallo/La Jose indische Klänge mit deutschem Elektro bei und kreuzt Jazz mit Hippie-Spiritualität. FRIZZ Das Magazin hat im Vorfeld der Gitarrentage mit dem hessischen Saitenvirtuosen gesprochen.
FRIZZ Das Magazin: Wann hat deine Faszination für Gitarre begonnen und wann hast du entschieden, das Ganze professionell aufzuziehen?
Max Clouth: Meine Liebe zur Gitarre hat mit sieben Jahren begonnen und ist seitdem kontinuierlich gewachsen. Für mich ist die Gitarre das vollkommene Instrument und schön wie eine Skulptur. Wie die Gitarre sich anfühlt, riecht … der Klang ist für mich wirklich meine Stimme, mehr als meine „richtige“ Stimme. Ich kann mich mit der Gitarre besser und klarer artikulieren als durch die normale Sprache.
Im März bist du mit deinem musikalischen Partner Luis Gallo im Rahmen der Aschaffenburger Gitarrentage live zu sehen. Ihr seid schon mehrfach international zusammen getourt und habt diverse Kollaborationen. Wie ist diese musikalische Partnerschaft zustande gekommen?
Ganz unspektakulär. Ich habe Luis und seine Musik auf Instagram entdeckt und ihm direkt geschrieben. Er war zufällig gerade zu dieser Zeit in Deutschland, deshalb haben wir uns einfach getroffen und gespielt … und es hat sofort „gevibed“.
© Jan Peitzmeier
Max Clouth & Luis Gallo
Auf welche musikalische Performance dürfen wir uns im Rahmen eures Auftritts bei den Gitarrentagen freuen?
Luis und ich spielen mit unserer Kollegin, der Sängerin und Percussionistin La José aus Madrid als Gitarrenduo mit Stücken, die wir gemeinsam arrangiert haben. Seid gespannt auf Arrangements und Kompositionen zwischen Flamenco, Jazz und World-Music!
Woher stammt dein Faible für die indischen Einflüsse in der Musik?
Mich fasziniert die indische Raga-Musik, seitdem ich Teenager bin. Der Improvisationsaspekt ist wichtig sowie die Möglichkeit, innerhalb einer gesetzten künstlerischen Form frei zu spielen. Auch der modale Ansatz (Anm. d. Red.: Der modale Ansatz in der Musik basiert auf der Verwendung von Kirchentonarten statt der traditionellen Dur/Moll-Tonalität) der Raga-Musik ist meinem Jazz-Konzept sehr nah und passt super zur Gitarre.
Du hast lange Zeit in Mumbai gelebt und großes Interesse an indischer Kultur. Was begeistert dich zum einen musikalisch, zum anderen im privaten, also im spirituellen oder gar philosophischen Sinne?
Die indische Kultur ist die älteste menschliche nach-atlantische Zivilisation und deshalb finde ich darin – im esoterisch-spirituellen wie im musikalischen Sinn – viel Inspirierendes. In der indischen Kultur wird schon seit vielen Jahrtausenden jeder Aspekt des Mensch-Seins von allen möglichen Seiten durchgedacht, durchgearbeitet und ausgelebt.
Im vergangenen Jahr ist dein neues Album „Entelecheia“ erschienen. Welche Ansätze und Gedanken hast du bei der Komposition deiner Stücke hierfür verfolgt?
Entelechie ist ein Begriff aus der griechischen Antike, der besonders beim Philosophen Aristoteles zu finden ist. Es geht um die Vorstellung, dass in einem Nicht-Manifestierten alles, was sich später daraus entwickeln, manifestieren kann, schon keimartig vorhanden ist. Die Musik auf diesem Album ist so entstanden: Aus kleinen Kompositionszellen haben sich beim Improvisieren im Studio komplexe Stücke ganz natürlich entwickelt.
Was sind deine kommenden musikalischen Projekte und Ziele, die du als Musiker weiterhin erreichen möchtest?
Ich interessiere mich gerade sehr für vierteltönige, also mikrotonale Musik. Außerdem ist mir die Stille zunehmend wichtig – Stille als Raum zwischen den Noten, als Leinwand, auf der sich Musik entfalten kann. Ohne Stille keine Musik.
Luis Gallo, Max Clouth & La Jose
Wie würdest du Fusion Music anno 2026 definieren?
Ich empfinde die Einsortierung von Musik in Genres schwierig. Echte Kunst ist immer lebendig und lässt sich nicht in Schubladen ablegen, oder? Ich denke, es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und weniger gute. Am Begriff der Fusion gefällt mir aber, dass Musik hier sozusagen flüssig gedacht wird. Denn Fluidität – als Gegensatz zur Starre – ist auf jeden Fall ein Parameter, der gute Musik für mich ausmacht.
Aktuell klagen einige Musikschulen und auch Musikfachgeschäfte über das mangelnde Interesse jüngerer Menschen, Musikinstrumente zu erlernen. Wie können wir Kinder- und Jugendliche wieder verstärkt an handgemachte Musik heranführen?
Ich denke, das hat verschiedene Gründe. Zum einen, dass vor ein oder zwei Generationen aufgehört wurde, Hausmusik zu machen, weil Musikkonserven plötzlich überall verfügbar waren. Zum anderen gibt es bei uns einen riesigen „Generation Gap“: Ältere Leute verstehen „junge“ Musik nicht mehr und junge Leute verstehen oft die Musik der vorangegangenen Generation nicht. Da spielt mit hinein, dass Musik ein Identifikationsding für Sub- und Gegenkulturen, ein Mittel zur Abgrenzung ist. Das ist berechtigt, auf der anderen Seite führt Spaltung aber immer zu Negativität. Ein anderer Gesichtspunkt ist, dass im deutschsprachigen Raum die beiden wichtigen traditionellen Musikformen – nämlich die klassische Musik und die Volksmusik – schwer anschlussfähig für junge Menschen sind: Klassische Musik wird von den Akteuren oft in einer strengen, akademischen, überheblichen Weise präsentiert, und das, was heute „Volksmusik“ heißt, ist ja künstlerisch überhaupt nicht mehr ernst zu nehmen, sondern nur noch unter kommerziellen Gesichtspunkten hergestellt. Leider, denn die traditionelle Volksmusik war eine sehr reiche, diverse Kulturform. Musik ist durch Streaming und Dauerverfügbarkeit und jetzt noch mehr durch musikgenerierende KI als Kunstform entwertet worden, und das geht an jungen Menschen, die sowieso in einer Phase der Krisen und des extremen Kapitalismus aufwachsen, nicht unbemerkt vorbei.
Dein Rat?
Positivität, Optimismus, Liebe sowie die eigene Begeisterung für Musik ausstrahlen und dazu maximale Offenheit für die musikalischen Interessen der jungen Menschen haben, ist sicher wichtig, um so wieder auch an „traditionelle“ Musikinstrumente zu führen.
Die letzten Worte gebühren dir …
Ich denke, in unserer Gegenwart mit den vielen sich zuspitzenden Krisen, scheinbar unüberbrückbaren Differenzen und verhärteten Fronten ist jedes kleine Puzzleteilchen, das zum Verständnis zwischen Menschen beiträgt, viel wert. Ob es nun Musik, Kunst oder soziale Tätigkeiten sind, ganz egal, wir haben als Mensch grundsätzlich die Verantwortung, alles, was man kann und hat, jegliches Wissen und Können der Welt und den Mitmenschen zu Verfügung zu stellen. Zumindest lebe ich nach diesem persönlichen Standpunkt.
www.aschaffenburger-gitarrentage.de; www.maxclouth.com
Luis Gallo, Max Clouth & La Jose:
Fr., 20.3., 20 Uhr | Hofgarten Kabarett, Aschaffenburg
