Gerade mal Anfang 20 und schon schwer auf Tour: Der Kahler Luis Adam bringt im breitesten hessischen Dialekt seine Reime und Geschichten auf die Comedybühnen vom Schwarzwald bis nach Hannover. Dass Luis eine Behinderung hat, stört dabei weder ihn noch sein Publikum. Warum auch? Schließlich ist Humor einer der Grundpfeiler einer gelungenen Inklusion – meint auch Luis selbst, wie er im FRIZZ-Gespräch verraten hat.
Neben dem Umgang mit seinem Handicap ging es auch um seine Vorbilder, seine Lieblingsorte und Insta-Grüße von Hape Kerkeling. Aber lest selbst und kauft Tickets für die kommende Show in Großkrotzenburg, bei der übrigens alle Einnahmen von Luis und vom Veranstalter für die Anschaffung von inklusiven Therapie-Spielgeräten im öffentlichen Raum gespendet werden.
Luis Adam
FRIZZ Das Magazin: Lieber Luis, wann habt ihr gemerkt, dass ein großartiges humoristisches Talent in dir schlummert?
Luis Adam: Eine Rampensau war ich schon immer! Und eigentlich müsste ich das Wort ja erfunden haben, denn im Gegensatz zu „Treppensau“ ist der Begriff inklusiv (lacht). Bereits mit vier Jahren stand ich im Chor auf der Bühne und mit acht begann ich, ein eigenes Drehbuch zu „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ zu schreiben. Ungefähr zur selben Zeit entdeckte ich mein Reimtalent und verfasste zu Geburtstagen oder Weihnachten Gedichte. Im Alter von zehn Jahren der nächste „Aha-Moment“: Meine Oma zeigte mir den Königin-Beatrix-Sketch von Hape Kerkeling, woraufhin ich den niederländischen Akzent imitierte und zu Fasching entsprechend kostümiert wurde. Ein voller Erfolg, der die ersten großen Lacher erntete. Während Corona begann ich dann, YouTube-Videos mit eigenen Gedichten und Imitationen meines großen Vorbildes Heinz Erhard zu drehen. Genau mit diesem Mix hatte ich dann auch die ersten größeren Auftritte. Durch ein Praktikum beim Hanauer Stadtmarketing kam ich 2022 schließlich in Kontakt mit dem damaligen Leiter des Amphitheaters, dem durch meine Videos mein Talent auffiel, zahlreiche Dialekte nachahmen zu können. Er holte mich ins Vorprogramm der Livemusik-Reihe „Abendgold“ vor dem Hanauer Goldschmiedehaus, wo ich eine halbe Stunde Comedy in hessischer Mundart machen durfte. Aus diesen 30 Minuten ist dann nach und nach mein heutiges Soloprogramm „Kaddoffelsippsche“ entstanden.
Heinz Erhard hast du gerade schon als Vorbild genannt. Gibt es weitere Comedians, die dich inspirieren? Und wie viel ziehst du aus eigenen Beobachtungen im Alltag?
Stimmt, ich liebe Heinz Erhardt, besonders für seinen Wortwitz, seine Gedichte, sein schauspielerisches Talent und vor allem für sein Timing. Seine Versprecher klangen stets spontan, waren aber auf das genaueste einstudiert. Zudem war er ein herausragender Pianist. In Sachen Wortspiele, Reime und Musikalität bewundere ich auch Willy Astor und Bodo Wartke, genauso wie bei Hape Kerkeling die Fähigkeit, so viele Dialekte sprechen zu können. Das inspiriert mich immer wieder, genauso wie sein großartiges Rollenspiel. Kürzlich hat er sogar auf meine aktuelle Hitzewellen-Parodie „Stickischkeit kennt keine Grenzen“ mit „Das ist sooo lustig“ via Instagram-Kommentar reagiert (lacht). Bei Alltagsbeobachtungen konzentriere ich mich vor allem darauf, wie andere Menschen mit Behinderten umgehen und auf sie reagieren. Da fliegen einem viele komische Gegebenheiten zu! Ich habe zum Beispiel mal von der Bundeswehr eine Karte mit der Aufschrift: „Luis – dein Talent macht Deutschland sicher!“ bekommen. Daraufhin habe ich dann in einem Gedicht verarbeitet, was die Bundeswehr verändern müsste, wenn sie mich an die Front schicken wollte. Vom Panzer mit Haltegriffen bis zum höhenverstellbaren Stockbett. Aber wichtig ist mir, dass mein Programm nicht nur aus Witzen über meine Beeinträchtigung besteht, dazu bin ich ein zu großer Freund von Wortspielen. Da kommen Ideen über alle möglichen Themen einfach so aus mir rausgesprudelt.
Hast du eine Lieblingsbühne?
Jeder Ort hat etwas für sich und keine Show ist gleich. Sehr gerne spiele ich im Hofgarten Kabarett Aschaffenburg. Die Location ist toll, das Team unglaublich engagiert und die Zuschauer immer gut drauf. Meine „Heimatbühne“, die Kahler Festhalle, darf in dieser Liste ebenso wenig fehlen wie das Theatrium in Steinau an der Straße mit seinem wunderschönen Saal und der grandiosen Akustik. Sehr freue ich mich auch auf die Zehntscheuer in Amorbach, wo ich am 27.2.2027 mein Soloprogramm spielen darf. Auch wenn das Theater in Sachen Barrierefreiheit eine Herausforderung für mich ist.
Kaddoffelsippsche
Okan Seese – mit dem du schon aufgetreten bist –, Tan Caglar, Kai Bosch, Carl Josef, Timur Turga – es gibt weitere erfolgreiche Comedians mit Handicap. Wie wichtig ist Humor beim Abbau von Schranken im Kopf und gelebter Inklusion?
Humor spielt eine ganz zentrale Rolle. Wenn man das Thema Behinderung und Inklusion nicht mit erhobenem Zeigefinger behandelt, baut man viel erfolgreicher Berührungsängste ab und schafft es im Idealfall, dass das Publikum auch nach der Show weiter darüber nachdenkt. Ein Beispiel dafür ist das schon erwähnte Gedicht „Wenn ein Gehbehinderter zum Bund geht“, das teils sehr makaber wird. Ich beobachte immer wieder, dass einige Zuschauer sich nicht trauen zu lachen, bis ich sage: „Wenn ich darüber lachen kann, dürft ihr das auch!“ Ab diesem Zeitpunkt sind meistens alle Bedenken beseitigt.
Leidest du als Sprachliebhaber eher unter der allgemeinen Verstümmelung der Sprache oder siehst du das eher als natürliche Evolution über Generationen hinweg?
Teils teils. Einerseits beobachte ich, dass der Humor gerade bei den jüngeren Generationen immer anspruchsloser wird, auf Social Media haben die Videos kaum noch Gehalt. Das kommt auch daher, dass Content ohne langen Einstieg und Nachdenken funktionieren muss, sonst scrollt der Großteil direkt weiter. Da Gedichte für Instagram und Co. nicht unbedingt geeignet sind, erweitern die Plattformen andererseits meinen Horizont, da ich mir neue Wege überlege, um auch online viele zu erreichen. Hier stößt vor allem das Hochladen kurzer Musikparodien auf Erfolg. So bin ich auch dazu gekommen, Deutschrap aufs Korn zu nehmen, beispielsweise den Song RADW von Haftbefehl. Statt „Ich steh mit Rücken an der Wand“ lautet meine Version eben „Ich steh mit Krücken an der Wand“.
Unsere Standard-Abschlussfrage: Was ist das Allerletzte, das du tust, bevor du auf die Bühne gehst? Hast du ein Ritual?
Fürs Klischee, nachdem meine Parodie „Mein Rollator fährt mit Ebbelwoi“ mit weit über vier Millionen Aufrufen viral gegangen ist, müsste ich jetzt antworten: „En Schobbe petze“. Das stimmt aber nicht. Mit Ebbelwoi habe ich mich noch nie auf die Bühne getraut, sonst würde ich vielleicht alle Gedichte rückwärts erzählen. Ansonsten habe ich kein Ritual.
