Mit dem eigenen kreativen Business erfolgreich zu sein, klingt für die meisten utopisch. Aber vielleicht liegt in Sachen Kreativität genau darin der Punkt, dass sie sich am ehesten zum Geschäftsmodell entwickelt, wenn sie gar nicht als solches gedacht war, sondern ganz natürlich wächst. Das Strick-Design-Business „lesfillesducoeur“ ist genau so entstanden: Durch Julias und Lillys Liebe zur Handarbeit. Worauf es sonst noch ankommt, was sie sich von der Vergangenheit gewünscht hätten und für die Zukunft erhoffen, haben uns die beiden Schwestern aus Aschaffenburg im Gespräch verraten.
FRIZZ Das Magazin: „lesfillesducoeur“ wächst und wächst, auf Instagram habt ihr fast 140k Abonnenten und euer erstes Buch mit Strickanleitungen habt ihr schon erfolgreich veröffentlicht. Wie seid ihr von der Idee zum Strick-Business gekommen?
Lilly & Julia: Wir haben nie geplant, Strick-Designerinnen zu werden. Unsere Uroma war eine begnadete Strickerin und unsere Eltern werkeln gerne. Kreativität hat uns zu Hause schon immer umgeben und so konnten wir uns dort früh ein Nähzimmer einrichten, mit dem alles angefangen hat – erst mit Scrunchies und gehäkelten Sachen, später sind wir dann auch zum Stricken gekommen.
Über YouTube und Instagram haben wir dann einfach, weil es uns Spaß gemacht hat, angefangen, unser Hobby zu teilen und weil wir gerne Freestyle stricken, haben sich daraus schnell Anleitungen für unsere Strick-Designs entwickelt.
Als die Nachfrage nach unserem „Cardiducoeur“-Cardigan so groß wurde, dass wir Anleitungen schreiben mussten, hat es Klick gemacht. Seitdem kreieren wir unsere eigenen Designs, die es auch in unserem Buch zu finden gibt und haben einfach Spaß daran, wenn andere unsere Muster nachstricken.
Das Wachstum hat sich dann durch mehr Reichweite ganz natürlich entwickelt. Es folgten Zeitungsartikel, Fernsehauftritte, der erste eigene Pop-up-Store am Dalberg und Live-Formate wie Stricktreffs.
Lilly und Julia
Einfach zu starten und Freude an der Sache zu haben, ist also der Grundstein, aber zum Erfolg braucht es sicherlich noch mehr, oder? Welche Rolle spielt dabei eure Community, der aktuelle Analog-Hype um Handgemachtes und die Ästhetik eurer Designs?
Es braucht definitiv mehr! Für uns ist der Schlüssel eine Kombination all dieser Faktoren. Stricken und Handarbeiten ist längst kein „Oma-Hobby“ mehr – es ist ein Ausdruck von individuellem Stil, Nachhaltigkeit und Selbstbestimmung.
Wir achten darauf, wo unsere Wolle herkommt und nutzen nur qualitativ hochwertige Garnsorten, weil es darum geht, etwas zu erschaffen, das lange hält. Gemeinsam mit Cathrin Walk von der Walk Collection aus Aschaffenburg haben wir deshalb eigene Garnfarben entwickelt, die wir in unserem Shop anbieten und uns so mit lokalen Kreativen gegenseitig unterstützen. In einer Welt, die von Fast-Fashion und Digitalisierung geprägt ist, spüren wir eine Sehnsucht nach Echtem, Handgemachtem und persönlichen Begegnungen.
Aus diesem Grund haben wir unseren wunderbaren Stricktreff ins Leben gerufen, der jeden letzten Freitag im Monat im Schwarzen Riesen stattfindet. Alle sind hier willkommen und zum gemeinsamen Stricken, Häkeln oder Sticken eingeladen, genauso wie im Strick-Kino im Casino Kino in Aschaffenburg, das der Wolltraum organisiert oder den Treffs, die wir jetzt auch in München haben.
Vom persönlichen Erfolg zu der Frage, auf die bestimmt viele gewartet haben: Kann man denn davon leben?
Aktuell beendet Lilly ihre Ausbildung zur Maßschneiderin, danach ist der Plan, dass sie Vollzeit für „lesfillesducoeur“ aktiv ist. Julia arbeitet noch in einer Social-Media-Agentur und ist aktuell auch froh um das zweite sichere Standbein.
Erfolg ist für uns, wenn wir uns treiben lassen, natürlich wachsen können und wenn unsere Kreativität bei den Leuten ankommt. Bei uns steht nicht die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund, sondern dass wir das tun, was uns erfüllt. Trotzdem wollen wir es mit „lesfillesducoeur“ als Business probieren.
Das braucht allerdings seine Zeit. In der Schule wurde uns leider selbstständig zu sein nie als wirkliche Option vermittelt, weshalb wir viele notwendige Skills bezüglich Steuern, Buchhaltung etc. erst mal von unseren Eltern, die selbstständig sind, lernen mussten und dementsprechend der Aufbau eines eigenen Geschäftsmodells viel Zeit und Kraft kostet.
lesfillesducoeur
Das können sicherlich einige Selbstständige bestätigen und ist bestimmt auch ein Grund dafür, dass sich viele nicht trauen zu gründen. Das Sicherheitsbedürfnis spielt diesbezüglich ja auch eine wichtige Rolle. Was würdet ihr Menschen mitgeben, die ein kreatives Business starten wollen?
Macht es, weil es euch erfüllt, seid sichtbar, postet kontinuierlich, erzählt von eurer Leidenschaft und steckt damit andere an. Es muss nicht innovativ sein, um erfolgreich zu sein. Das Rad muss man nicht neu erfinden, aber man kann es mit seiner eigenen Ästhetik neu drehen und gestalten. Bleibt bei euch und lasst euch nicht von Gegenwind entmutigen. Wir haben auch schon Kritik beispielsweise von manchen Wollläden bekommen, auch wenn wir keine Konkurrenz, sondern ein Marketingmotor für sie sind. Man kann eben nicht alle mitnehmen, aber das muss man auch gar nicht.
Wichtig ist, dass man mit Freude und ohne Druck rangeht und sich immer eine Offenheit für neue Wege behält. Mutig zu sein und die eigene Komfortzone zu verlassen, zahlt sich in der Regel aus und eröffnet Möglichkeiten, die einem sonst wahrscheinlich verwehrt geblieben wären.
