„Ausgaben für Kultur sind keine Subvention, sondern eine Investition!“ Diese wichtige und richtige Aussage traf der Aschaffenburger Kulturamtsleiter Jörg Fabig bei der Pressekonferenz zur Sommerbühne auf dem Campus, die 2026 erneut mit einem bunten Programm von (Kinder-)Theater bis hin zu Konzerten und Festivals zeigte, wie zielführende Kulturarbeit unter der Federführung des Amts in Kooperation mit privaten Kulturträgern, Kulturvereinen und engagierten Machern funktionieren kann.
Natürlich ist die Sommerbühne allein auch nur ein Puzzleteil im umfangreichen Kulturangebot unserer Stadt. Sprech- und Musiktheater, Konzerte, Kabarett, Kino, Feste, Jubiläen, Festivals – Kultur ist bunt, vielfältig, reicht vom Brauchtum bis in moderne subkulturelle Strömungen und ist ohne Zweifel der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält und Brücken baut. Das zeigte beispielsweise auch die Eröffnung der diesjährigen Aschaffenburger Kulturtage, die im Rahmen der ideenreich gestalteten Feierlichkeiten zu „125 Jahre Damm“ an der FOS/BOS stattfand. Und doch, bei aller Vielfalt und dem großen Angebot in Aschaffenburg – der Kulturbetrieb sieht sich sowohl bundesweit als auch regional mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert. Zeit also, einfach mal eine Bestandsaufnahme zu machen und ein FRIZZ-Gespräch anzuzetteln.
FRIZZ Das Magazin: Lieber Jörg, deine Kernaussage bei der Sommerbühnen-Pressekonferenz hatte wirklich Wucht und hallte nach, gerade wenn man sich die Diskussionen über Kultur im Lande aktuell anschaut.
Jörg Fabig: Gott sei Dank sind wir noch sehr weit davon entfernt, dass es uns wirklich an den Kragen geht. Auf der anderen Seite kann dir als Kulturschaffender schon angst und bange werden. Die Kultur ist neben den Medien immer der erste Gegner von totalitären Systemen, weil sie ja irgendwie eine geistige Beweglichkeit voraussetzt. Deswegen ist es meiner Meinung nach extrem wichtig, sich zu positionieren und darüber bewusst zu sein, dass Kultur immer auch mit Botschaften verbunden ist, und das übrigens seit Jahrhunderten. Moralisch sein, ehrenhaft handeln, würdig bleiben – das war schon bei Sophokles so, bei Schiller so, bei Brecht so.
© Till Benzin
Stadttheater
Mit „Theater setzt Themen“ habt ihr im Stadttheater seit 2022 jährlich wechselnde Spielzeit-Leitmotive. In der Saison 2026/27 heißt es bei euch „Was ist Wahrheit?“…
… und das Thema Wahrheit ist heute wichtiger denn je! Denn die Werkzeuge zur Wahrheitsfälschung sind viel subtiler geworden, siehe Bildbearbeitung oder Texte in Sozialen Medien. Ich finde es dringend notwendig, dass man auch in der Kultur die Wahrheit im wissenschaftlichen Sinne thematisiert und die Grauzonen zwischen Realität, Deutung und Auslegung in den Fokus nimmt. Zum aktuellen Thema kam der Impuls durch das Stück „Ellen Babić“ des Berliner Ensembles und wir konnten somit quasi einen Grundpfeiler zur Thematik „Was ist Warheit?“ setzen. Drum herum gelang es uns, weitere Stücke zum Thema zu platzieren, die wir dezidiert ausgewählt haben. „Prima Facie“ des Theater Hof ist da ein sehr gutes Beispiel.
Hilft hierbei auch deine Netzwerkarbeit mit anderen Kommunen?
Ja, weil man dann auch Transportwege und Tourneen effektiver machen kann. Der Austausch geht aber weiter, viele andere Themen liegen in der Luft, wie die Bedrohung der Kulturpolitik von rechts oder die Funktion des Theaters und der Kultur insgesamt in Sachen Niedrigschwelligkeit und inhaltlicher Breite. Ich sag es mal bewusst ein wenig überspitzt: Viele Menschen glauben immer noch, dass sie 15 Meter Buch gelesen haben müssen, bevor sie ins Theater gehen. Aber Theater als sinnliches Erlebnis ist stets so aufbereitet, dass man auch ohne Vorwissen etwas mitnehmen kann.
Aber das ist ja nicht nur beim Theater so. Egal ob Museum, Konzert, Kino, Ausstellung oder Lesung, als Kulturkonsument sammelt man ständig Impulse. Selbst wenn einem irgendetwas nicht zu 100 Prozent zusagt.
Ja, ganz genau! Und im besten Fall eröffnen sich neue Gesprächsräume, im Foyer, in der Pause, an der Bar. Allein das wirkt ja auch schon, damit Leute nicht verinseln und sich nur noch in ihrer Bubble bewegen, auch wenn ich diesen Begriff nicht mag. Und das gilt übrigens gleichermaßen am linken Rand, auch dort wird oft vereinfacht polemisiert. Aschaffenburg ist glücklicherweise klein genug, dass sich die Menschen irgendwann über den Weg laufen und miteinander ins Gespräch kommen können. Anlässe und Feste gibt es genug, bei denen Menschen auch mit unterschiedlichen Einstellungen die Gelegenheit haben, gemeinsam etwas zu erleben und hoffentlich darüber zu sprechen. Das ist eine wirkliche Chance.
© Till Benzin
Stadttheater
Das Stadttheater bietet vermehrt Raum für modernere und experimentelle Ideen. Produktionen des Colos-Saals gastieren wieder bei euch, der Hofgarten ist regelmäßig zu Grenzgängen im Theater, außerdem kommen Namen hinzu, die man aus Film, Funk und TV kennt: Angela Winkler, Ute Lemper, Ulrich Tukur – und mit Peter Schneider war dieses Jahr ein deutscher TV-Star auf dem Campus.
Stimmt, aber das gab es schon vor meiner Zeit. Bezüglich Colos-Saal: Claus Berninger pausierte auf eigenen Wunsch im Stadttheater. Nun bin ich sehr froh, dass er und sein Team wieder bei uns Programm machen. Er hat tolle Booker, das muss man einfach so sagen. Das sind natürlich alles Bausteine, die uns helfen, Besucher zu aktivieren, die ansonsten eine Hemmschwelle beim Wort Theater haben, weil sie sofort an Schlips und Kragen denken. Was ja nicht so ist. Sie kommen zu einem Konzert, sehen, wie schön unser Haus ist, und entdecken im Programm, dass es vielleicht auch andere Sachen gibt, die sie interessieren. Ein weiterer Baustein ist die Rücktransformationen kultiger Kinofilme, die uns auch neues Klientel ins Theater bringen. „In der aktuellen Spielzeit zum Beispiel „Casblanca“ und in der kommenden „Lola rennt“, da freue ich mich schon sehr drauf.
Jüngst schloss das SOL-Festival die Sommerbühne auf dem Campus ab, auch sonst war es ein kulturreicher Sommer in der Stadt. Dein bisheriges Fazit?
Die Museumsnacht, die Festivals und das Carillon & Percussion Festival haben wieder tolle Besucherzahlen gehabt. Auch das Stadtfest und das Fest der Vielfalt waren sehr gut, da hatten wir auch Glück mit dem Wetter, anders als beim Volksfest leider. Bezüglich der Sommerbühne muss ich zuerst sagen, dass der Campus als Ort fantastisch ist. Wir explorieren dort von Jahr zu Jahr und ich merke, wie toll die gegenseitige Unterstützung mit den Leuten vor Ort funktioniert. Ich erlebe immer noch oft, dass Besucher sagen „Hier war ich noch nie, ist das schön hier!“ Passend dazu hat auch das Kino dieses Jahr wieder deutlich mehr Besucher gehabt. Und ich glaube, wir brauchen Orte wie den Campus mehr denn je, weil die Sommer immer heißer werden und Indoor teilweise im Mai einbricht. Es ist natürlich eine Herausforderung, an solch einem Ort ein intelligentes, anspruchsvolles aber breit gefächertes Angebot zu entwickeln, aber da kommt das Partnerkonzept mit den Veranstaltern aus unterschiedlichsten Genres ins Spiel, die die vorhandene Infrastruktur gemeinsam nutzen. Es funktioniert und die Zusammenarbeit ist toll.
Wo liegen deiner Meinung die neu hinzugekommenen Herausforderungen für Kulturschaffende?
Wir haben natürlich ein finanzielles Thema, das muss man ganz klar sagen. Die Steuereinnahmen gehen überall zurück und die Kultur wird als erstes auf Einsparpotenzial geprüft. Meiner Meinung nach ist es aber wichtig, dass finanzielle Unterstützung der Kulturarbeit eben nicht als Subvention verstanden wird, sondern vielmehr eine Investition in die Gesundheit einer Gesellschaft ist. Wir brauchen ein funktionierendes Gesundheitssystem im Land, eine intakte Verkehrsinfrastruktur, ein gutes Bildungssystem und ein funktionierendes Kultursystem. Leider ist die Kultur von den Genannten der einzige Punkt, der vom Grundgesetz her als freiwillige Leistung eingestuft wird. Auch wenn Kulturpolitiker schon Jahrzehnte dagegen ankämpfen, ist die Position der Kultur in finanziell knappen Zeiten denkbar schlecht. Dabei produziert jeder eingesparte Euro in der Kultur ein Vielfaches an Kosten, wenn wir dadurch Teilhabe und Zusammenhalt verlieren und gesellschaftlich relevante Plattformen und Events eingestampft werden. Das später wieder aufzubauen, ist quasi unmöglich.
© Till Benzin
Jörg Fabig
Und dann wäre da noch die Kostenseite …
… absolut! Dass sich die externen Kosten radikal verändert haben, ist Fakt. Daneben sind natürlich auch die kostenintensiven Sicherheitsauflagen massiv erhöht worden, und das nicht unberechtigt. Genauso wie das aktuelle große Thema der Überfahrattentate. Das sind alles finanzielle Posten, die obendrauf kommen und die letztlich in irgendeiner Form auf den Veranstaltungsbesucher umgelegt werden müssen. Dann bist du schnell in einem Preisbereich, mit dem du auch wieder soziale Auslese betreibst. Das sollte aber unter keinen Umständen das Mittel der Wahl sein. So ist das Ganze also ein großes Spannungsfeld und eine Riesenherausforderung für alle Kulturschaffenden.
Bundesweit wurden in diesem Sommer Festivals, Konzerte und Tourneetermine aufgrund mangelnder Vorverkäufe, gestiegener Kosten und wegbrechender Planungssicherheit abgesagt. In der Kulturregion Aschaffenburg sind wir davon weitestgehend verschont geblieben. Hängt das neben einem breiten Angebot auch damit zusammen, weil die Kulturschaffenden hier besser zusammenarbeiten und wissen, wie man sich gegenseitig unterstützt? Sprich, weil wir Dinge besser machen als andere?
Da kommen mehrere Faktoren ins Spiel. Es ist schon so, dass die Stadt Aschaffenburg großzügig finanzielle Mittel zur Verfügung stellt. Lass es uns am Beispiel des grandiosen Buzz auf dem Campus betrachten: Das Festival war in diesem Jahr letztmalig eintrittsfrei, hatte über 1.000 Besucher und uns als Stadt vielleicht 10.000 Euro gekostet. Jetzt plakatiere ich das mal richtig krass: Diese 10.000 Euro sind hervorragend in wertige Jugendkultur investiert, denn wenn junge Leute stattdessen ohne kulturellen Anker durch die Gegend laufen, Autos zerkratzen, Mülleimer demolieren oder sonst wie Perspektivlosigkeit bekämpfen, kostet das uns als Gesellschaft schnell das Zehnfache. Sehr überspitzt, aber schnell Realität. Investition in Kultur ist also eine Investition in das Vertrauen einer nachwachsenden Generation. Die Buzz-Macher sind junge Menschen, die 2025 mit Unterstützung von der KOMMZ-Gruppe schon richtig viel geleistet haben. Dieses Jahr haben sie einen eigenen Verein gegründet, machen Selbstwirksamkeitserfahrungen, professionalisieren sich und werden zu wertvollen Trägern in einer kommenden Kulturgesellschaft. Und das ist doch das, was wir möchten und mein Ansatz, nachhaltig Kulturarbeit zu installieren.
Nach unserem Gefühl wird Kultur in der Gesellschaft immer noch separiert von Bildung gesehen. Ist es nicht eher so, dass Kultur ein Teilbereich von Bildung ist und diese Zusammengehörigkeit wieder verstärkt vom Elternhaus, von der Schule und der Gesellschaft vorgelebt werden sollte?
Ja, und das ist absolut richtig und auch wichtig für das Weiterentwickeln von privat und gemeinnützig organisierten Veranstaltungsformaten. Du kannst in der Kultur nicht alles professionalisieren. Es muss immer auch aus einem bürgerschaftlichen, gesellschaftlichen Engagement heraus wachsen.
© Till Benzin
Spielzeitprogramm
Wie blickst du auf die Zukunft? Optimistisch oder mit leicht erhöhtem Puls, weil uns eine spannende Zeit bevorsteht?
Ich bin von Haus aus einer, der immer versucht, positiv zu denken, aber spannend wird es auf jeden Fall. Es wird entscheidend sein, wie unser politischer Rahmengeber die Haushalte aufstellt. Wenn man uns mit anderen Kommunen ähnlicher Größe vergleicht, merkt man, dass wir in Aschaffenburg noch mit viel Geld in die Kultur gehen. Über die positiven Effekte hieraus haben wir gesprochen. Wir haben eine Stadt, die zusammenhält, die funktioniert. Von der KiTa bis zur Hochschule und vom Tanzsportverein bis zum Stadttheater haben wir eine vielschichtige Bildungs- und Kulturinfrastruktur und alle leisten einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität. Ja, wir geben viel Geld dafür aus, aber bitte seht auch die Effekte hieraus! Als ausführende Kraft in einem hierarchischen Betrieb muss ich mit den politischen Entscheidungen umgehen. Und wenn die Politik an der Kultur sparen möchte, muss sie auch genau definieren, wo das sein wird. Das kann nicht die Aufgabe des Kulturamts sein, alleine zu entscheiden, wo und was weggestrichen werden soll. Mein Appell an dieser Stelle ist einfach, dass wir einen enormen Planungsvorlauf und als verlässlicher Partner einen guten Ruf zu verlieren haben. Die ganze Diskussion ist sehr komplex und ich möchte ehrlich gesagt auch kein Stadtrat sein, der das dann final entscheiden muss.
Ein hochsensibles Thema …
… ist es. Und ich möchte noch etwas anmerken, was noch gar nicht ins Gespräch eingeflossen ist. Wer besucht Kulturveranstaltungen? Natürlich ist es uns immer sehr wichtig, Kultur so zu adressieren, dass niemand ausgeschlossen wird. Aber man muss auch konstatieren, dass der Großteil unserer Besucher über 50 Jahre alt ist, mit vielleicht etwas überdurchschnittlichem Einkommen und dadurch hoher Steuerlast und der kaum soziale Transferleistungen in Anspruch nimmt. Also Menschen, die unsere Gesellschaft wirtschaftlich am Laufen halten und durch ihr tägliches Arbeiten auch die unbestritten sehr wichtigen Transfers ermöglichen. Und die viel ihrer Kraft aus der Kultur schöpfen. Die Ticketpreise halten wir geringer als es wirtschaftlich erforderlich wäre – das ist eine lohnende Investition in die Zufriedenheit dieser Leistungsträger, finde ich. Und vergessen wir bitte die Senioren nicht! Ich habe jüngst wieder einen Brief in der Post gehabt von einer 90-jährigen Dame, die sich für die sonntäglichen, kostenlosen Schöntalkonzerte bedankt, bei denen sich immer um die 200 bis 250 Senioren und Mitmenschen versammeln. Daher auch hier wieder und abschließend mein Fazit: Ausgaben für die Kultur sind keine Subvention, sondern eine Investition!
