Deutschrap hat jahrelang so getan, als wäre Provokation männlich. Als dürften nur Typen mit Goldzähnen, Mutterkomplexen und Kastrationsängsten vulgär sein. Dann kam Ikkimel und hat das ganze räudige Wohnzimmer mit Lipgloss beschmiert. Sie inszeniert sich keineswegs als kalkulierte Kunstfigur, sondern als provokative Abrissbirne im Juicy-Couture-Trainingsanzug. Ihr neues Album „POPPSTAR“ ist ein feministischer Mittelfinger gegen die steife deutsche „Hochkultur“, die immer noch propagiert, Feminismus müsse sich geschniegelt ausdrücken, damit man ihn ernst nimmt. Was dabei aber eigentlich das Geniale ist, ist ihre völlige Verweigerung von Respektabilität. Während konservative Kulturkritiker immer noch fragen, ob Frauen im Rap „so reden müssen“, antwortet die Berlinerin mit einem glitzernden „Ja lol“. Fotzigkeit wird für die Atzin zur musikalischen Methode und ist gleichzeitig ihr politischer Dolchstoß, denn eigentlich ist das Thema ihres Albums Macht. Es geht um weibliche Selbstinszenierung, um Körper, die nicht mehr Konsumobjekte sein sollen, und vor allem darum, Begehren vom weiblichen Subjekt aus zu artikulieren, ohne den Einfluss patriarchaler Inanspruchnahmen. Die Kritik macht Ikkimel deswegen wahnsinnig, weil diese Weiblichkeit immer noch in zwei Kategorien sortieren will: ernst oder sexy. Doch Ikkimel ist beides gleichzeitig und sprengt die Opposition dabei, Theorie im Trashformat, Judith Butler auf Ketamin. Sie hat eben verstanden, dass Vulgarität eine Sprache der Befreiung sein kann, besonders in einem Land wie Deutschland, das weibliche Wut sofort pathologisiert, sobald sie laut wird. Natürlich wird „Skandal“ geschrien. Aber was genau ist eigentlich der Skandal? Dass eine Frau obszön rappt? Dass sie Spaß daran hat? Dass sie nicht um kulturelle Erlaubnis bittet? Deutschrap hat jahrzehntelang Gewaltfantasien, Frauenhass und egomanischen Müll gefeiert. Doch sobald eine Künstlerin ihre eigene sexuelle, sprachliche und ästhetische Eskalation kontrolliert, tun alle plötzlich so, als stünde der Untergang des westlichen Abendlandes in Plateaustiefeln vor der Tür. Alles Schwachsinn, denn feministische Kunst muss nicht brav sein, nicht lieb. Atzige One-Liner reichen aus, um patriarchale Vorstellungen effektiver zu zerlegen als drei Stunden Fernsehdiskussion bei Markus Lanz.
Musikalisch ist das Album ein Fiebertraum aus Eurodance, Hyperpop, Berlin-Clubtoilette um 5 Uhr morgens und pinkem Elektrosmog. Alles knallt, fetzt, glänzt und ist eben keine sterile Empowerment-Musik für LinkedIn-Feminismus. „POPPSTAR“ ist ein Album für Girls, Mäuse, Queers und alle anderen, die keinen Bock mehr haben, sich kulturell kleinzuregeln. Mausig, fotzig, atzig, aber vor allem: schlau. Und damit vielleicht die ehrlichste Form feministischer Rapmusik, die Deutschland gerade zu bieten hat.
Top-Lines
- „Kink-Shaming ist nicht, ich mach Schlagen feministisch“ (KINK)
- „Kindermord, Kindermord, ich nehm die Antibabypille / Männer sind der Grund, warum ich überhaupt verhüte (GIFTMORD)
- „Ein Text, und er springt wie ein Bunny“ (MAMI)
