Das Fest der Liebe ist für viele Menschen schwierig, die einen können finanziell nicht mithalten, andere sind einsam oder vom Schicksal gebeutelt und sehen mit Angst den Festtagen entgegen, wenn viele Unterstützungsangebote geschlossen sind. Seit über vier Jahrzehnten lädt das Martinushaus daher zum besinnlichen Festessen ein. Eine wundervolle Tradition! Ein FRIZZ-Gespräch mit den Hauptverantwortlichen Dr. Ursula Silber, Anje Elsesser und Saskia Braun.
FRIZZ Das Magazin: Seit über 40 Jahren bieten Sie den besonderen Heiligabend an. Wie hat er sich über die Jahre entwickelt?
Die Geschichte des Weihnachtsessens begann vor über 40 Jahren im ganz kleinen Rahmen: Die Pallottiner-Patres, die damals unser Haus und die Pfarrei St. Agatha leiteten, luden einige „Durchreisende“ am Heiligabend zu Kartoffelsalat und Würstchen ein. In den folgenden Jahren wurden es immer mehr Gäste, die in den Saal des Martinushauses eingeladen wurden. Während der Corona-Jahre war ein gemeinsames Essen natürlich nicht möglich, aber wir haben nach einem Gottesdienst „mit Abstand“ den Gästen das Essen vorgekocht mit nach Hause gegeben. Gerade zu dieser Zeit gab es auch viele positive Rückmeldungen wie „Danke, dass ihr uns nicht vergessen habt!“. Seit einigen Jahren bieten wir zwei Feiern an. Eine am Samstag vor Weihnachten und die andere direkt am Heiligen Abend. So verteilen sich die insgesamt 400 Gäste auf beide Tage und jeder Gast darf entscheiden, wie es für ihn stimmiger ist.
Weihnachtsessen Martinushaus
Wie laufen die Events für Besucher und Team ab?
Am Tag selbst treffen sich alle Helfer ab 13 Uhr, um alles vorzubereiten und startklar zu machen. Nach dem Einlass beginnen wir gegen 15 Uhr mit einem besinnlichen Moment, der uns daran erinnert, was wir feiern: Jesus ist geboren, um uns zu zeigen, dass Gottes Liebe ganz nah bei uns ist. Wenn danach das Essen serviert wird, fühlen sich unsere Gäste wie in einem Restaurant, müssen sich um nichts kümmern und eine Band spielt Weihnachtslieder. Danach werden die Kinder zur Bescherung nach vorne gerufen, die Erwachsenen erhalten ihre Geschenke am Ausgang. Der Ablauf der Feier ist in jedem Jahr ähnlich, aber doch nie gleich. Es gab Jahre, da wurde den ganzen Abend über frische Kaffeespezialitäten für unsere Gäste zubereitet oder es gab eine Eisstation. In diesem Jahr konnten wir den Aschaffenburg Pianisten Yacine Khorchi für unser Projekt gewinnen. Nach dem Aufräumen gibt es auch für uns noch mal einen besinnlichen Moment, in dem wir uns über den Abend und besondere Augenblicke austauschen.
Können Sie noch mehr Gäste aufnehmen?
Wir möchten möglichst vielen Menschen, die in den Weihnachtstagen einsam sind, Sorgen und Probleme haben, die Gelegenheit geben, gemeinsam zu feiern. Daher sprechen wir uns mit weiteren weihnachtlichen „Gastgebern“ wie Grenzenlos oder Miteinander im Zentrum ab, damit möglichst alle einen Platz bekommen. In der Regel funktioniert das sehr gut.
Weihnachtsessen Martinushaus
Müssen sich die Teilnehmer vorab anmelden?
Unsere Gäste können sich an einem vorher bekannt gegebenen Termin anmelden und das ist für uns auch wirklich wichtig. Allein schon um zu wissen, wie viele Gäste an welchem Termin erwartet werden. Zudem erhalten die Gäste bei der Anmeldung eine Art Eintrittskarte, auf der Tag und die Uhrzeit sowie Kontaktdaten nochmals vermerkt sind. Eine Anmeldung ist also unbedingt erforderlich. Für Notfälle, die am Heiligabend spontan da sind, haben wir immer ein paar Plätze in Reserve. Wir brauchen aber die vorherige verbindliche Anmeldung, um für jeden Gast alles vorbereiten zu können.
Wie lange benötigen Sie mit ihrem Team für die Vorbereitungen und welche Herausforderungen haben Sie zu meistern?
Wir beginnen meist im Anfang Oktober mit ersten Planungen. Einkauf, Organisation, Absprachen, Anmeldeverwaltung, das Anschreiben der Sachspender und ein Infotreffen für die vielen ehrenamtlichen Helfer gehören dazu. Zeitgleich werden die Geschenke wie Hygiene-Artikel, haltbare Lebensmittel oder Nützliches für den Alltag für die 400 Tüten, davon 70 für Kinder, beschafft und die Geschenktüten durch Ehrenamtliche gepackt. Die Kinder erhalten altersgerechte Spielsachen, Puzzle, Malstifte oder Spiele. Weitere wichtige Termine sind die Anmeldetage für die Gäste. Hier entsteht oft eine lange Schlange, denn jede Eintrittskarte ist personalisiert und nicht übertragbar. Eine weitere logistische Herausforderung ist natürlich das Essen, wobei wir hierbei von der Metzgerei Freund aus Sommerkahl seit vielen Jahren tatkräftig bekocht werde, sie bringen zur Unterstützung die ganze Familie und sogar Verwandtschaft mit. Am Veranstaltungstag dann die Koordination der Helfer, die Dienstpläne und Einweisungen, das Tischdecken, die Tischdekoration und die Getränkelogistik. Aber wir haben ein super Team, das ganz genau weiß, wann etwas wo zu tun ist.
Weihnachtsessen Martinushaus
Unterstützen Sie weitere Partner aus der Region?
Mit den Mitarbeitern aus den verschiedensten Abteilungen des Martinushauses haben wir natürlich Unterstützer, die genauso wertvoll sind wie die Ehrenamtlichen. Dank des harmonischen Zusammenspiels aller Beteiligten lässt sich ein solches Projekt überhaupt erst realisieren. Mit großer Dankbarkeit blicken wir auch auf die vielen Unternehmen aus unserer Region, die uns oft schon über Jahre hinweg mit ihren Sachspenden zur Seite stehen. Ihnen allen gilt unser besonderer Dank. Ebenso freuen wir uns über jeden neuen Unterstützer, der künftig mit Sach- oder Geldspenden zum Gelingen des Events beitragen möchten.
Was ist Ihnen noch wichtig?
Einsame und bedürftige Menschen kommen zu uns, weil die Gemeinschaft ihnen guttut. Vielen sieht man nicht an, welche Probleme sie haben oder womit sie wirklich kämpfen. Wir fragen nicht nach, aber wir schauen hin, hören zu und begegnen jedem Menschen mit Achtung, Verständnis und einem offenen Ohr. Wir sind froh, dass wir dazu beitragen dürfen, dass einige Menschen an Weihnachten etwas fröhlicher sind. Wir wünschen uns, dass die Menschen in Aschaffenburg und im Landkreis nicht vergessen, dass es mitten unter uns Armut, Einsamkeit und viele Nöte gibt – und dass alle mit einem wachen Blick, mit Aufmerksamkeit, Respekt und Freundlichkeit aufeinander zugehen. Nicht nur an Weihnachten!
