Mit „Good Boy“ legt der oscarnominierte polnische Regisseur und Drehbuchautor Jan Komasa seinen ersten englischsprachigen Film vor – und zugleich eine bitterböse Versuchsanordnung über Moral und Kontrolle.
Der Regisseur des viel beachteten Dramas „Corpus Christi“ (2019) greift hier eine Idee auf, die ihm sein Produzent Jerzy Skolimowski antrug: Ein polnisches Drehbuch schreiben und die Handlung später nach England verlegen, um seine universelle Dimension freizulegen. Im Zentrum steht die Entführung eines jugendlichen Gewalttäters, den ein bürgerliches Paar „umerziehen“ will – ein Setting, das zwischen schwarzer Komödie und psychologischem Kammerspiel oszilliert. Komasa interessiert weniger die begangene Tat als die Ideologie dahinter: Wer definiert, was ein „guter Mensch“ ist?
Die Filmkritik des britischen The Guardian vergleicht den „Gesellschafts-Thriller“ übrigens bereits mit Kubricks Meisterwerk „Clockwork Orange“. Thematisiert wird in „Good Boy“ das Leben des 19-jährigen Tommy (Anson Boon), der sein Leben als Krimineller genießt, seine Freunde immer wieder zu grausamen Gewalttaten antreibt und damit auf Social Media prahlt – bis er eines Nachts von einem Fremden entführt wird. Als Tommy erwacht, findet er sich angekettet im Keller eines abgelegenen Vorstadthauses wieder, in dem sein Entführer Chris (Stephen Graham) mit seiner Frau Kathryn (Andrea Riseborough) und ihrem jungen Sohn Jonathan lebt. Die Familie setzt alles daran, Tommys unkontrolliertes Verhalten zu „reformieren“, und unterzieht ihn zahlreichen psychologischen Spielchen, um aus ihm einen „braven Jungen“ zu machen. Während Tommy sich mit allen Mitteln dagegen wehrt, wird er immer tiefer in die Dysfunktionalität von Chris, Kathryn und Jonathan hineingezogen, aber auch mit seinen eigenen Sehnsüchten konfrontiert. In der klaustrophobischen Familiendynamik kippt der pädagogische Eifer schließlich ins Autoritäre; der Film entlarvt den Wunsch nach Kontrolle als Spiegel verdrängter Obsessionen. Formal kühl, inhaltlich provokant, erinnert „Good Boy“ an dystopische Moralfabeln wie die Filme von Michael Haneke, Yorgos Lanthimos oder Ulrich Seidl – ein Thriller, der seine Zuschauer nicht erlöst, sondern beunruhigt zurücklässt – und gerade durch dieses moralische Dilemma als sehr sehenswert zu empfehlen ist.
