Ich bin einigermaßen von den angerührten Socken. Und an der Stelle ausnahmsweise nicht von Eintracht Frankfurt. Diesem wunderbaren Fußballverein, der seit 2018 erst Deutschland und dann ganz Europa den Glauben an den Fußball, die Macht der Fans und die Kraft des Teamgedankens heilend zurückbrachte. Nein. Meine ganze Rührung gilt Boris Becker. Dieser Beitrag ist eine Art traurige Hommage. Müsste ich mein ganzes Dasein als Sportfan auf drei Ereignisse reduzieren, dann wären das die erste Mannschaftsmeisterschaft im Ringen des AC Bavaria Goldbach 1987, als in zwei Finalkämpfen der VfK Schifferstadt bezwungen wurde, der Pokalsieg der Eintracht 2018 gegen den FC Bayern und Boris Beckers erster Wimbledonsieg 1985. Gegner war Kevin Curren, der Rest ist Geschichte. Die Becker-Faust, der Becker-Hecht, die Hartplatzschlacht gegen John McEnroe in Hartford, Davis-Cup Siege mit Michael Westphal, Hansjörg Schwaier oder Eric Jelen. Leute, das muss man sich mal geben. Mit Eric Jelen. Kackegal, wer als Nummer Zwei gemeldet wurde. An Boris’ Seite wuchsen sie alle über sich hinaus. Ich begann noch weit vor dem allgemeinen Boom mit dem Tennis. Wir waren die Generation Borg, Connors, McEnroe und Lendl. Mit dem Coup 1985 ging der Deckel in Deutschland auf. Wahrscheinlich war Boris Becker der erste deutsche Sportsuperstar seit Franz Beckenbauer. Und hatte alles, was ihn zur lebenden Legende hätte machen können. Ich meine - ganz ehrlich - alles. 2022 muss ich leider festhalten, dass ich wenige Sportstars kenne, die tatsächlich davon auch alles versenkt haben. Weitgehend ohne Not. Ich kenne zudem wenige, die sich zusätzlich so zum Deppen gemacht haben. Die sich auf schäbige Auseinandersetzungen mit einem am Ende ausschließlich zweitklassigen TV-Comedian wie Oliver Pocher eingelassen hätten. Becker hatte Phasen, da schreckte er vor nichts zurück, nur um den Kontostand zu retten. Das Drama um Boris. Er fehlinvestierte in nigerianische Ölquellen, spielte Poker und machte sich in unwürdigen Starduellen zum Affen. Alles half nichts und am Ende musste er sogar die Pokale versteigern. Da brach es mir endgültig das Herz. Und als er sich schwer zur entscheidenden Verhandlung in den Londoner Gerichtssaal schleppte, wurde ich endgültig ganz traurig. In einem letzten verzweifelten Akt knotete er sich dafür sogar eine Krawatte in den Farben Wimbledons um den Hals. Gerade so, als wolle er damit klarstellen: Heute kann vieles passieren, aber einen All-England-Champion schickt in London doch niemals jemand in den Knast. Ich befürchte tatsächlich, er dachte, dieser Kniff könnte aufgehen. Aber nix da. Jetzt sitzt er in Wandsworth ein und klingelt regelmäßig nach den Wärtern. Ach, Boris! Bei Uli Hoeneß rief ich lauthals „Sperrt ihn weg, diesen selbstgerechten Wurstfabrikanten. Das wird ihm eine Lehre sein. Elender Haderlump“. Aber bei Boris? Lieber Himmel. Da fühle ich fast ausschließlich Mitleid. Den Finanz-Laden hatte er wahrscheinlich niemals im Griff. Zumindest sportlich stabil war Becker immer, wenn er eine starke Frau im Rücken hatte. Meine erste Lieblingsfreundin von ihm war Karen Schultz. Die Beste von allen war Barbara. Aber Boris hielt das alles wohl nie aus. Vater Karl-Heinz liebte Elvira, Boris im Gegenzug alle Frauen. Ich vermute, er schnackselte einfach gerne. Um mal wieder an einen desolaten Auftritt von Gloria von Thurn und Taxis zu erinnern. Vielleicht brach ihm dies das Genick. Oft genug bekam er die Kurve. Als Coach von Novak Djokovic beispielsweise. Da war er plötzlich wieder da. Auf seinen Courts, den Orten, an denen er sicher und souverän agierte. Jetzt hoffe ich nur für ihn, dass er in drei Jahren nicht im Dschungel-Camp aufschlägt oder im Sommerhaus der Promi-Stars einzieht. Zuzutrauen wäre ihm leider auch das. Hoffentlich hat er eine Frau an der Seite, die ihn davon abhält. Ich mache zur Sicherheit mal die Becker-Faust!
Geht aufs Haus 6|2022
Ralph Rußmann macht nochmal die Becker-Faust.
