Süßer die Glocken nie klingen! Na, ihr Schlawiner, schon ausreichend eingedeckt? Mit Spekulatius, Lebkuchen und Dominosteinen die Kellerregale gefüllt und schon die ersten Schokoladinchen verspachtelt? Nicht, dass jemand im Dezember mit halbvollem Magen vorm Adventskranz hocken muss. Deshalb stolpere ich seit gefühlt acht Wochen im lokalen Supermarkt über die mächtigen Auslagen der gängigen Süßwarenfabrikanten. Soll einer sagen, wir wären nicht zeitig genug dran. Früher Vogel fängt eben das Vanillekipferl. Das Christkind kann kommen.
Aber was mir kurz vor Jahresschluss wirklich am Herzen liegt, ist das mögliche Comeback des Jahrzehnts.
Doch darüber wollte ich diesen Monat gar nicht schreiben. Ich will mich nämlich im Dezember nur noch um schöne Dinge kümmern. Wenngleich Weihnachten ja ein ausgesprochen herrliches Fest ist, da beißt die Maus keinen Faden ab. Aber was mir kurz vor Jahresschluss wirklich am Herzen liegt, ist das mögliche Comeback des Jahrzehnts. Eine Rückkehr, an die ich kaum mehr glauben wollte. Ganz hinten winkt er verschmitzt, ein längst vergessener Klassiker und eine Instanz meines persönlichen Coming of Age. Startklar, sofort bereit und so mündet diese Jahresabschluss-Kolumne in eine Hommage und in ein Papier voll freudiger Erwartung. Und nicht auf den Heiland in der Krippe, sondern – alle Schlauberger aufgepasst –
auf den Zivildienst. Denn jetzt, wo der Wehrdienst 2.0 mit strammem Schritt in die Jugendzimmer marschiert, ist sein wunderbares Alter-Ego, sein Partner in Crime sozusagen, nicht weit. Die Kriegsdienstverweigerung samt dem Dienst für und an der Gemeinschaft. Und soll ich etwas verraten? Ich fände das ganz hervorragend, richtig dufte sogar. Denn ich glaube, was diesem Land und dem Nachwuchs guttun würde, wäre ein grundordentliches und für alle Geschlechter gleichermaßen übergreifend verpflichtendes Soziales Jahr.
Mir ist 1992 im Übrigen auch nichts Vernünftiges in den Sinn gerutscht. Da kam der Zivildienst genau recht.
Direkt nach der Schule, bevor sinnfrei Betriebswirtschaft oder sonstiger Nonsens studiert wird. Nur weil einem gerade nichts Besseres eingefallen ist. Mir ist 1992 im Übrigen auch nichts Vernünftiges in den Sinn gerutscht. Da kam der Zivildienst genau recht. Und er brachte mir Dinge fürs Leben bei und rückte so manche Koordinate in meinem Schädel voller jugendlicher Selbstüberschätzung gerade. Damit es dazu kommen konnte, musste ich nur noch vorher verweigern. Per Brief erklären, warum ich mir niemals vorstellen könnte, eine Waffe in die Hand zu nehmen. „Selbst wenn meine Freundin von einer Horde übler Spessarträuber umzingelt wäre, wäre ich – aus reinster Überzeugung selbstverständlich – niemals in der Lage, Gewalt auszuüben.“. Wir schrieben uns hanebüchenen Salmon von der Seele, nur um nicht in die Kaserne zu müssen. Und dann ging es los. Für das Rote Kreuz, die Caritas, die Diakonie oder was weiß ich. Der Zivildienst war bildungs- und schichtübergreifend und er brachte Menschen und Dienste zusammen, die an anderer Stelle niemals zusammengefunden hätten. Dann trennten wir uns, der eine studierte Medizin, der andere machte eine Lehre und der Kollege aus Marburg kiffte einfach weiter.
Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass der Zivildienst unsere demokratischen Strukturen und eine Solidargemeinschaft wieder von innen stärken würde.
Aber für diese Zeit waren wir eine Truppe. Wunderbar. I know und mir ist bewusst: Der Russe ist derzeit eine ernste Bedrohung und Verteidigung ist angesagt. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass der Zivildienst unsere demokratischen Strukturen und eine Solidargemeinschaft wieder von innen stärken würde. Denn bist du im Kern gesund, kann von außen einiges kommen. Deshalb wäre bei meinem Modell bundesweit auch der Soziale Dienst verpflichtend und nur wer den verweigert, geht zur Bundeswehr. Für diese Idee klopf’ ich mir geradewegs auf die Schulter und würde ich mich am liebsten selbst in der Paulskirche ehren. Weil ich diesen Twist so genial finde. Da hol’ ich sogar Reinhard Mey aus der Kiste. So ein bisschen Haftbefehl-mäßig. Denn wenn Mey 1986 sang „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“, pflichte ich ihm gerne bei, doch in Sachen Sozialer Dienst rufe ich meinen Kindern zu „Los geht’s!“ Legt das Smartphone weg und macht einmal wieder etwas mit Hand und Fuß.
