Vor kurzem überkam mich überraschend das tiefe Bedürfnis zu klatschen. Ganz plötzlich. Ich wusste zunächst selbst nicht, woher das rührte. Wir befanden uns auf dem Rückflug von Portugal, die ganze Familie und als der Pilot den geschätzten 40-Tonner auf der Landebahn in Frankfurt aufsetzte, war ich tief berührt. Ich klatschte natürlich nicht. So viel antrainierte Disziplin hatte ich noch in petto. Schließlich steht das Klatschen bei erfolgreicher Landung eines Passagierflugzeugs landauf und landab für so etwas wie den perfektionierten deutschen Kleingeist. Es ist praktisch eine in Handlung gegossene 7/8-Hose, die Tennissocke in der Wandersandale oder die Acht-Tage-Vollpension in einem Hotelbunker am Mittelmeer. Viel provinzieller kann man am Ende nur schwer daherkommen. Vielleicht wurde in den 80ern noch geklatscht. Das mag sein. Spätestens aber als mit den Jahren Fliegen eine Normalität wie Zug- oder S-Bahnfahren bekommen hat, war selbst bei den meisten Deutschen diese Form der Anerkennung nicht mehr State-of-the-Art. Klatscht der Amerikaner bei Landung in Miami? No Way. Siehstemal. Fehlanzeige.
Denn schließlich applaudiere ich ja auch nicht, wenn der Stadtbus ordentlich an der Haltestelle stehen bleibt und mir die Tür aufgemacht wird.
Ist der Franzose gerührt, wenn die Boeing sicher auf dem Asphalt in Paris aufsetzt? Bien sûr que non. Na also. Und überhaupt: Warum sollte ich einem Piloten klatschen, der schlichtweg seinen Job macht. Nicht mehr und nicht weniger als beispielsweise ein Busfahrer. Denn schließlich applaudiere ich ja auch nicht, wenn der Stadtbus ordentlich an der Haltestelle stehen bleibt und mir die Tür aufgemacht wird. Und das, obwohl der Busfahrer vielleicht gerade mal im Bundesdurchschnitt ein Viertel des Gehalts eines Piloten verdient und sich dazu noch mit der täglichen Alltagsaggression konfrontiert sieht. Dem gehört, wenn überhaupt, ein kräftiges Dankeschön! Dazu pendelt er maximal von Hösbach-Bahnhof bis zur Aschaffenburger Innenstadt. Tag für Tag. Während der Pilot am Abend und nach getaner Pilotenarbeit in Kapstadt einen ordentlichen südafrikanischen Nudelsalat reinspachteln kann, bevor er am Folgeabend mit seiner Lieblingsstewardess in Rio noch einen Lambada tanzt. So sehen doch die Wirklichkeiten in unseren Köpfen aus, Freunde der Mobilität und der Fernreise! Genau aus diesen Gründen verzichtete ich jahrelang aufs Klatschen im Flugzeug. Sonst müsste ich ja den ganzen Tag lang klatschen. Im Zug, im Supermarkt, beim Arzt. Jeder macht seinen Job so gut er kann und vor allem bei den Großverdienern ist der Bankauszug Wertschätzung genug. Jetzt saß ich allerdings in diesem Flieger und schaute in die Augen meines zehnjährigen Sohnes, der maximal und tief beeindruckt war von dieser Landeleistung und der aus tiefster Überzeugung klatschen wollte. Übrigens ähnlich wie alle anderen Kinder in diesem Flugzeug auch. Diese Kinder scherten sich einen feuchten Kehricht um Kleingeist, Erwartungshaltung und den ganzen Erwachsenenkram und sie applaudierten aus tiefster Überzeugung und wollten gar nicht mehr aufhören.
Da wuchs in mir die Überzeugung, dass wir auf dem falschen Trichter sind. Herrschaftszeiten!
Spätestens jetzt überkam sogar mich das Bedürfnis zu einem gepflegten Applaus. Was in dieser Situation nur mein Über-Ich oder was auch immer zu verhindern wusste. Da wuchs in mir die Überzeugung, dass wir auf dem falschen Trichter sind. Herrschaftszeiten! Es muss vielleicht auf unserer Welt wieder viel mehr geklatscht werden. Im Alltag und nicht erst bei der Pandemie. Applaudieren wir der Müllabfuhr, dass sie jeden Tag den Schmodder wegbringt, den wir über die Woche verursacht haben, egal ob 40 Grad oder Hagelschauer. Danken wir dem Postboten, dass die Post immer im Kasten landet, Tag für Tag. Applaus für den Bäcker, für sein gutes Brot und der Arzthelferin, dass sie so schmerzfrei Blut abnimmt, der Lehrerin, dass sie der verzogenen Brut trotz Social Media und KI noch versucht, die Grundrechenarten und das politische System zu vermitteln. Applaus, Applaus! Ich ließ meinen Sohn klatschen und freute mich, dass er so zufrieden war mit der Leistung des Piloten. Beim Rausgehen bedankte ich mich gesondert und ausgesprochen herzlich bei ihm. Geklatscht habe ich zwar nicht. Aber im Supermarkt am Tag drauf war ich besonders freundlich zu allen.
