Es wird allerhöchste Zeit für ein Plädoyer. Und selbstredend keines für die Fußball-WM oder die FIFA. Sondern ein Loblied auf das gute alte Büro. Genauer: Den good old-fashioned friend, so called traditionell Büroarbeitsplatz. Oder „das Office“, wie es jetzt an vielen Stellen gerufen wird. „Hey, ich bin morgen im Office!“ oder „Du, brunchen um 11 Uhr bei Dir klappt doch nicht, da ist nämlich mein Officetag“. Geradewegs, als ob der deutsche Klassiker – das Büro – nichts mehr wert sei. Oder für etwas völlig Rückwärtsgewandtes steht. „Office“ klingt nach New York City und „Büro“ nach Bruchköbel. Ähnlich wie der Anruf. Die halbe Welt hat nämlich nur noch Calls und empfängt keine Telefonanrufe mehr. „Lass uns morgen einen kurzen Videocall machen“, „Ich schick dir eine Anfrage für einen Call“. Nur noch Calls, wohin das Ohr hört. Zum Mittagessen geht auch schon lange niemand mehr. Stattdessen heißt es „Wollen wir uns mal wieder zum Lunch treffen“. Leute, Leute, also ob die Rindswurst mit Kartoffelsalat oder die Bohnensuppe besser schmeckt, nur weil ich Lunch dazu sage. Aber auch hier gilt. Lunch ist London und weite Welt, Mittagessen deutscher Mief aus den 60ern. Doch ich hör schon auf und will mich auch nicht im Kleinklein und spitzfindigen Begrifflichen verlieren, das bringt am Ende niemandem was. So sind einfach die Zeiten. Aus Raider wurde Twix, das Mittagessen heißt jetzt Lunch und der Büroarbeitsplatz ist jetzt eben in deutschen Großstädten das Office.
Herr im Himmel, wir haben doch nicht mehr alle Tassen im Wandschrank, ich bekomme noch einen Föhn. Was ich ja gar nicht wollte.
Wenn es der Sache hilft, meinetwegen. Und so arbeitet eben jetzt der Kollege seit geraumer Zeit auch „Remote“, statt einfach zu sagen, dass er den Rest der Woche vom heimischen Esstisch aus das Notebook anwirft. „Remote“. Herr im Himmel, wir haben doch nicht mehr alle Tassen im Wandschrank, ich bekomme noch einen Föhn. Was ich ja gar nicht wollte. Also einen Föhn bekommen. Deshalb anyway. Langsam, aber sicher nähere ich mich dem eigentlichen Thema in diesem Monat. Denn völlig egal ob Office, Büro, Workspace oder was weiß ich, ich will einmal festhalten: Ich gehe sehr gerne ins Büro. Ich glaube nämlich, dass das „ins Büro gehen“ uns allen sehr guttut. Im Büro triffst du andere Menschen, Kollegen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen, Haltungen und Ausdrucksweisen. Du musst dich wohl oder übel mit ihnen abstimmen und arrangieren, kannst mit ihnen zum Mittagessen (wegen mir auch zum Lunch) gehen oder nur einen Kaffee im Stehen trinken. Im Büro erledigst du deine Arbeit, machst dann Feierabend und freust dich auf deine Freunde oder die Familie. Das Büro erlaubt es dir, ab einer bestimmten Uhrzeit komplett privat zu sein, wohingegen im Homeoffice alle Grenzen verschwimmen. Für das Büro ziehst du eine ordentliche Hose an, machst dich in der Früh frisch und kämmst dein Haar. Also die meisten, die ich kenne, machen das. Im Büro hältst du dich an Arbeitszeiten und an allgemeine Regeln im Miteinander oder für die Firma. Büros sind ein wichtiger Ort der Demokratie und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bingo!
Ich weiß, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Work-Life-Balance, die ganze Zeitgeistkacke obendrauf. Wichtig, wichtig. Irgendwie.
So sehr ich das Homeoffice für den Notfall schätze – Kinder krank, Schneesturm draußen, Fuß tut weh – so sehr bin im gleichen Atemzug der festen Überzeugung, dass uns Menschen das beharrliche Homeoffice oder dauernde Mobile Arbeiten genau aus entgegengesetzten Gründen und auf lange Sicht geradewegs schadet. Weil wir in den heimischen Wänden versacken, keine Resilienz mehr entfalten, im Video die Kamera ausschalten und nur noch in ausgeleierter Jogginghose gute Miene zu nachlässiger Bekleidung machen. Ich weiß, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Work-Life-Balance, die ganze Zeitgeistkacke obendrauf. Wichtig, wichtig. Irgendwie. Und irgendwie auch nicht. Reale Menschen treffen, debattieren in der Bahn, auf dem Flur, ihnen nach der Diskussion in der Kantine nicht aus dem Weg gehen, langes Beinkleid und festes Schuhwerk tragen, nicht dauernd privat und beruflich vermischen, Freunde, Hand aufs Herz, ich sage es seriös, das ist ein Schlüssel für das tragfähige Miteinander. Glaubt es mir. Oder macht wenigstens die Kamera an!
