Jeden Sommer juckt es in den Fingern. Einmal schön die Kolumne verbraten. Für ein blitzsauberes Sommerlochthema. In der es um nichts Relevantes geht. Nur belangloser Kram. Laugencroissants zum Beispiel. Die braucht meines Erachtens nämlich kein Schwein. Die hat sich irgendjemand ausgedacht und die Menschheit – in diesem Fall die deutsche Bevölkerung – ist leider so einfältig und kauft den Kram. Einfach, weil er da ist. Das ist der einzige Grund. Da bin ich mir sicher. Wären Laugencroissants morgen verboten, einen Tag später würde kein Hahn mehr nach ihnen krähen. Wetten? Wenn man Hunger auf süß hat, kauft man ein Croissant, wenn jemand Lust auf salzig hat, dann greift er bei der Laugenbrezel zu. Ein Laugencroissant ist Blended-Bockmist, ein Bullshit-Cuvee, etwas völlig Unnützes im Niemandsland. Ok?
So viel dazu und genug Sommerloch, denn ich muss mich leider doch etwas Wichtigerem zuwenden. So ein richtig heißes Eisen. Nämlich der bundesdeutschen Integrationspolitik. Die ist nämlich aus meiner Sicht völlig in die Hose gegangen. Und wer das Gegenteil behauptet, der lebt entweder in einer Blase und hat vom Tuten und eben dem Blasen keine Ahnung. Obwohl er in einer lebt. Oder die oder derjenige denkt, ein Dach über dem Kopf in einem ausrangierten Bürokomplex würde es doch tun, im Vierbettzimmer, der Rest wird mit etwas Gottvertrauen schon gut gehen.
Ist er aber leider nicht wirklich. Also der Rest und damit meine ich die Integration und gut gegangen. Und die AfD und das ganze rechte Pack reiben sich die Hände. Knappe zehn Jahre nach der ersten großen Flüchtlingswelle stellen wir nämlich heute ernüchternd fest, dass das mit dem Deutschlernen als Schlüssel für eine gelungene Integration für die Menschen aus vielen Ländern eine sinnvolle Sache gewesen wäre. In vielen Fällen aber doch nicht so gut gelungen ist, wie angenommen. Deshalb werden jetzt an allen Stellen dringend großes Einlenken und ordentlich Deutschstunden gefordert. Im Übrigen kurz nachdem der Großteil der Sprachkurse radikal reduziert oder gar eingestellt wurde. Das muss man erst einmal verstehen und vor allem so handhaben. Nochmal: Zehn Jahre später. Im Jahr 2015 und dem euphorischen „Wir schaffen das!“ war mein Sohn noch nicht geboren. Jetzt kommt er in die vierte Klasse. So lange hatten wir hierzulande Zeit, uns etwas Vernünftiges auszudenken. Zum Beispiel die Kindergärten und vor allem die Grundschulen in bestimmten Einzugsgebieten personell anders und vor allem üppiger auszustatten. Wir hatten 120 Monate Luft, neue Formen der Arbeitsintegration zu entwickeln oder überhaupt Konzepte, wie es gelingen kann, das Miteinander zu stärken, zu erfinden. Kulturelle Umgangsformen zu trainieren. Oder am allerbesten: Die betroffenen Menschen einfach gerechter zu verteilen, statt einzelne Klassen mit einem Flüchtlingsanteil von 70 Prozent zu überfrachten. Stattdessen überforderten wir die bestehenden Systeme bis zum Brechen und wünschten den handelnden Fachkräften viel Glück.
I know, rückblickend ist man immer schlauer. Da mache ich bei mir keine Ausnahme. Von daher glaube ich tatsächlich, dass wir recht gutgläubig und naiv waren. Wir dachten, dass das alles schon irgendwie gelingt. Integrieren ohne Veränderung der eigenen Gewohnheiten. Ohne Verlust an Wohlstand und Einschnitte im Alltag. Integration aus reinem Großmut und im Gegenzug gibt es ausreichend Dankbarkeit im Währungsaustausch der Herzen. Das muss reichen. Mal ehrlich: Mit wieviel geflüchteten Menschen hat jeder von uns im Alltag tatsächlich zu tun? Ah ja. Das alles ist keine Entschuldigung für Gewalt und Übergriffe. Aber wer simpel ruft „Alle raus“ und „Mauern hoch“, der ignoriert den demografischen Wandel. Wer sein Kind aus reiner Angst auf die Privatschule schickt und Türen schließt, macht den Offenbarungseid in einer Solidargemeinschaft.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jungs und Mädchen und alles dazwischen, puh, ich weiß, ein heißes Eisen! Ach ja. Ähnlich unnötig wie Laugencroissants ist übrigens auch Trockenshampoo. So viel doch noch zum Sommerloch.
