In jüngster Zeit werde ich wiederholt gefragt, was ich denn so grundsätzlich zur Thematik Rammstein sagen würde. Ich weiß gar nicht genau, warum Menschen aus meinem Umfeld ausgerechnet mich dazu so gezielt befragen. Vielleicht, weil ich einer derjenigen in meiner Altersklasse bin, der treu aktiver Musikhörer ist. Die Betonung liegt auf aktiv. Und aktiv meint hier, ich setze mich halbwegs beständig und bewusst mit aktueller Musik auseinander.
Das ist ausgewiesener und hanebüchener Bockmist.
Ich leide also noch nicht an dem Mittel-alter-weißer-Mann-Phänomen, das mir seit einigen Jahren plötzlich auch inmitten meiner Generation begegnet und sich im Übrigen darin zeigt, dass Freunde plötzlich behaupten, es gäbe keine interessanten jungen Bands mehr. Oder schlimmer, wenn sie rausposaunen, die heutigen Bands klängen alle ganz genau, wie die alten, und all das habe es ja musikalisch immer schon gegeben. Das ist ausgewiesener und hanebüchener Bockmist. So lange junge Menschen inmitten von Unverständnis und in Wohnsilos aufwachsen, es soziale Missstände, stockkonservative und fiese Eltern, Katastrophen und Kriege gibt und so lange gleichzeitig Musik und Schreiben als Ventil erlaubt bleiben, wird immer ausreichend Druck auf dem Kessel und Zunder im Musikbusiness herrschen. So viel dazu. Aber zurück zu Rammstein.
Die Sache ist Harvey-Weinstein-mäßig ziemlich erdrückend und offensichtlich scheiße.
Ich bin über die Frage zu Rammstein und den Anklagen immer irritiert, denn ich wüsste gar nicht, welche alternative Position zum Fall dieser Band und dem Sänger Till Lindemann derzeit eingenommen werden könnte. Also zumindest ich finde wenig Raum für ein Für und Wider oder These und Antithese. Die Sache ist Harvey-Weinstein-mäßig ziemlich erdrückend und offensichtlich scheiße. Außer man gehört zu der Sorte von Mensch, die grundsätzlich gerne mahnend den Finger hebt und vor Vorverurteilung warnt. Oder man ist Anhänger der Fake-News-Bewegung. Aber da ist eh Hopfen und Malz verloren. Bislang hatte ich gar nichts gegen Rammstein. Ich finde sogar ihre erste Platte auf ganz eigene Art recht beeindruckend. Wer da jetzt die Stirn runzelt, dem empfehle ich einfach mal wieder David Lynchs „Lost Highway“ als Filmtipp.
Zu viel Kokettieren mit Macho-Männlichkeit, Penis, Asche, Blut und sonstigem Tamtam.
Da hauen Rammstein mit zwei Songs von diesem Debüt so mächtig auf die Pauke, dass ich mich im Kino beinahe an meinem Eiskonfekt verschluckte. Dabei esse ich noch nicht mal Eiskonfekt. Nach dieser Platte verlor ich allerdings recht schnell das Interesse an ihnen. Zu viel Kokettieren mit Macho-Männlichkeit, Penis, Asche, Blut und sonstigem Tamtam. Ich nahm aber wohlwollend zur Kenntnis, dass sie mehrfach den Madison Square Garden rippelrappelvoll füllten und auch sonst auf der Welt mit viel Gedöns gefeiert wurden. Das kennen hierzulande in dieser Qualität ja nur noch Helene Fischer und früher die Scorpions. Doch so viel Erfolg kann mit den Jahren auch schnell zu Kopf steigen und ein paar Synapsen verbrennen. Entsprechend hat allen voran Lindemann wahrscheinlich den Bezug zur Welt, zu den Frauen und wohl am Ende auch zu sich selbst verloren. Wer anderes behauptet, hat aus meiner Sicht den Schuss nicht gehört. Ähnlich wie Lindemann. Von daher habe ich jetzt schon etwas gegen Rammstein. Sogar richtig. Und ich verstehe tatsächlich nicht, wie Menschen trotz laufender Anklagen treu in die Stadien wackeln. Und noch weniger, dass Rammstein weiterhin so tun können, als haben sie lediglich abgelaufene Coca-Cola an kleine Jungs verkauft. Was im Übrigen auch nicht schön wäre. Würden gegen mich solche Anklagen erhoben, dann gäbe es nur zwei Optionen: Entweder, es ist nur ein Fünkchen Wahrheit an der Sache, dann würde ich den Turnbeutel packen, meine Karriere beenden und mir mindestens den großen Zeh zur Strafe abschneiden. Oder alles wäre erstunken und erlogen. Vor lauter Intrigen wäre ich um den Schlaf gebracht und könnte nur noch zügig die Aufklärung zur eigenen Entlastung vorantreiben. Dass Rammstein statt zu pausieren, ihre Songs neu texten und ihr Programm erfolgreich durchziehen, ist schlichtweg bodenlos und beschämend. Ich wüsste jetzt wirklich nicht, welche andere Haltung hier bezogen werden könnte.
