An diesem Mittwochabend im Juni ist es in der Frankfurter Innenstadt leichter, Kokain, Heroin oder Crack zu bekommen, als eine Packung Panini-Sammelbilder für die Fußball-WM 2026. Ganz sicher. Ich übertreibe nicht. Ich bin sieben Kioske angefahren, in den entlegensten Stadtteilen und nur ein einziger, sehr zwielichtiger Besitzer hatte welche. Und wollte dafür 4,99 Euro! Viereuroneunundneunzig. Runden wir auf: fünf Euro. Oder zehn Mark! Hätte meine Großmutter noch gerufen. Gott hab sie selig. Ich lachte zunächst und sagte „Guter Gag“. Bis er auch noch das selbstgeschriebene Preisschild hinter der Plexiglas-Scheibe hochhielt und dazu besonders dumm grinste.
Da fragte ich ihn, ob er mich verarschen will und radelte von dannen.
4,99 für sieben Klebebilder. Von Spielern aus Curaçao, Neuseeland, Bosnien oder was weiß ich. Es darf ja mittlerweile die ganze Welt mitspielen. Was im Grunde völlig in Ordnung ist. Es heißt schließlich auch Weltmeisterschaft. Da reg’ ich mich gar nicht drüber auf. Von der Rolle ist aber der Preis. Und ich frage mich, wie doll wollen wir es denn auf dem freien Markt noch treiben? Es sind verfluchte Panini-Klebebilder. Kein Klopapier. Und keine Nudeln. Falls sich noch jemand an diesen Notstand erinnert. Seit meiner Kindheit waren diese Bilder bislang immer bei den Turnieren an allen erdenklichen Buden im Land erhältlich. Stets zu normalen Preisen. Doch was erwarte ich eigentlich in Zeiten, in denen ein Elon Musk plötzlich nur dank eines einzigen Börsengangs seines Raketenvereins eine Art Trilliardär wurde. Oder sonst eine Kategorie, die wir bislang noch nicht kannten und auch nicht ermessen können. Also wir Normalverdiener, die wir noch treu und rührend Lohnsteuer auf die tägliche Arbeit zahlen und die sich in der Früh die Stulle schmieren. Komischerweise regt sich hier nur niemand wirklich auf, während sich die breite Masse vielmehr an den ganzen vermeintlichen Bürgergeldbetrügern abarbeitet. Letzteres ist natürlich auch nicht Ordnung, ganz im Gegenteil. Aber in der Liga der unmoralischen Vorgänge wüsste ich jetzt gar nicht, was ich schlimmer finde. Sage ich mal ganz diplomatisch.
Aber was ist sie schon wert, die Moral.
Wenn Menschen bei erwähnter Fußball-WM 380 Dollar fürs Parken oder wahlweise 100 Dollar für den ÖPNV ins New Yorker Umland zahlen müssen. Da hake ich doch einmal ganz seriös nach und rätsle, welche grundsätzlichen Koordinaten endgültig verrutscht sind und wohin wir den Karren noch steuern wollen. 380 Euro für einen Parkplatz für ein Fußballspiel, da bekomme ich ja 76 Packungen Panini-Bilder bei dem Halsabschneider-Händler auf der Bockenheimer Landstraße. Nur leider ist auch kein WG-Zimmer in einer deutschen Großstadt für diesen Kurs noch erhältlich. Na, klingelt es im Hirnkasten? Alles ohne Sinn und Verstand und jede Verhältnismäßigkeit ist über Bord gegangen. Leider stoppt nur niemand diesen Zug nach Santa Fiasko. 380 Euro für die Möglichkeit zu parken bei einem Turnier, das in seiner Konstellation ja kaum absurder sein kann: USA, Kanada und Mexiko. Was als nette Idee in die Bewerbung ging, ist 2026, als würden drei komplett verkrachte Nachbarn ein gemeinsames Gartenfest ins Leben rufen wollen. In Richtung Mexiko will Trump am liebsten eine 20 Meter hohe Mauer bauen und Kanada in gleichem Atemzug als 51. Bundesstaat annektieren. Gegen den Willen der Kanadier versteht sich. Aber Hauptsache ein gemeinsames Fußballturnier veranstalten. Da ist die Stimmung zwischen Frankfurt und Offenbach ja friedlicher. Während ich diese Kolumne schreibe, diskutierte sogar die Schweiz kurz darüber, ganz die Luken dichtmachen zu wollen. Obergrenze der Bevölkerung und so. Völlig egal, ob die halbe Nationalmannschaft aus Menschen mit Migrationshintergrund besteht. Sachen gibt es. Zwei Tage später hat sich dann übrigens der so kurzfristig überhitzte Panini-Markt beruhigt und alles war wieder erhältlich. Die freie Wirtschaft bleibt unberechenbar wie ein räudiger Straßenköter. Naja, wenigstens habe ich jetzt wieder genug Klebebilder.
