Bevor mein Vater verstarb, verbrachte er gut dreieinhalb Wochen mit sehr enger medizinischer Begleitung. Er lag fast ausschließlich auf einer Intensivstation und um ihn herum blinkte und ratterte es wie in einem Roboterzentrum. Es wurde ein ganzes Sortiment an medizinischen Spezialgerätschaften zum Einsatz gebracht, immer mit der Hoffnung, man könne ihn wieder zu alter Verfassung und Stärke zurückführen. Ich glaube lediglich das Projekt Anakin Skywalker in Darth Vader zu verwandeln, war ein aufwendigeres Vorhaben. Aber gut, die Medizin tut, was sie kann, sie soll ja Leben retten und keine Genesung verhindern. Mein Vater war 82 Jahre alt und im Zuge seiner plötzlichen Einlieferung schon einmal für einige Minuten klinisch tot.
„Pah, 82 ist doch heutzutage nur noch eine Zahl, da knattern manche Rentner ja noch munter durch junge Betten.“
Über das Alter streiten sich ja gerne die Geister. Manche sagen „Pah, 82 ist doch heutzutage nur noch eine Zahl, da knattern manche Rentner ja noch munter durch junge Betten.“ Andere sagen – zu denen zähle übrigens ich mich – „Wer bis zum 80. ein ordentliches Showprogramm ohne Leiden durchgezogen hat, ist ein Gewinner und darf ruhigen Gewissens von der Bühne abtreten.“ Ich für meinen Teil betone hier: Wenn ich einmal die achte Dekade bei guter Verfassung knacke, entkorke ich eine Flasche Lagavulin, öffne ein kellerkühles Bier aus dem Hause Giesinger und freue mich auf alle möglichen Bonusspiele, die mir fortan das Leben schenken mag. Ich will an dieser Stelle nicht über Sinn von medizinischem Aufwand streiten, denn wäre mein Vater mit Schwung an den Esstisch zurückgekehrt, hätte uns dies alle Tränen der Begeisterung in die Augen getrieben. Allein die Tatsache allerdings, dass er bereits auf der anderen Seite war, in Kombination mit seinem Alter samt Vorerkrankungen, sagten mir vom ersten Tag an, dass das ein enges Höschen werden wird. Ich glaube die Körner für ein fulminantes Comeback haben mit 82 nur noch die Wenigsten. Aber die Ärzte hatten Hoffnung und so wünschten auch wir ihm und uns viel Glück. Der Plan und all die Geräte halfen am Ende leider nichts. Der Versuch war es wert. Was mich allerdings in diesen dreieinhalb Wochen nervös werden ließ, war weniger der offene Ausgang des Vorhabens, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich mit insgesamt 13 verschiedenen Ärzten sprechen musste und meine Stiefmutter mit insgesamt 16 verschiedenen Medizinern in die Unterredung ging. Alle Überschneidungen und Einzelgespräche summiert, standen wir beide mit insgesamt 18 verschiedenen Doktoren und Professoren jeglichen Geschlechts in Kontakt. Und das in gerade einmal dreieinhalb Wochen. Und niemand davon hatte den Mut zu einer griffigen Prognose und Einschätzung, denn fast jede und jeder von Ihnen sah meinen Vater just das allererste Mal und eine Übergabe hatte dummerweise noch nicht stattgefunden. So beantworteten wir treu aufs Neue alle Fragen. Erklärten, dass mein Vater zwar mit der Lebensfreude von Jean Paul Belmondo ausgestattet war, aber durchaus die ein oder andere Begrenzung des Alters in den letzten Jahren gepflegt ignorierte. Wir verabschiedeten uns freundlich, nur um am Folgetag die nächste Fachkraft erneut in seine Lebensgeschichte und die möglichen letzten Wünsche einzuführen. Ich kann tatsächlich nicht beurteilen, wie hoch seine Chancen auf Genesung wirklich standen, aber bin restlos überzeugt, dass 18 verschiedene Ärzte im direkten Kontakt definitiv zu viel sind und der Sache keinen feuchten Furz weiterhelfen.
Aber 18 Ärzte sind keine Frage des Geldes, sondern der Strukturen, der Abstimmung, der Abläufe und letztendlich der Verantwortlichkeit.
Vor allem wenn niemand den roten Faden im Blick behält. Ich kann nicht einschätzen, ob sich all die multiresistenten Krankenhauskeime, die dreckigen Patientenbäder, die knappe Stationsbesetzung und die eingesetzten Subunternehmen aufgrund von notwendigen Sparzwängen, menschlichem Versagen oder aufgrund lediglich von Gewinnmaximierungen ergeben. Aber 18 Ärzte sind keine Frage des Geldes, sondern der Strukturen, der Abstimmung, der Abläufe und letztendlich der Verantwortlichkeit. Herr Professor, Geschäftsführung, irgendjemand muss hier bitte übernehmen. Das kann nicht allen Ernstes unser Standard sein.
