Diesen Monat jetzt doch noch einmal zwei, drei Sätze zu Timmy. Oder haben den am Ende alle schon wieder vergessen? Timmy was? Timmy wer? Timmy Belafonte? Nein, ihr Deppen. Das war Harry Belafonte. Ich meine Timmy den Wal. Klingelt’s im Kasten? Ok, ich habe Nachsicht. Geht ja manchmal schnell mit den Tieren. Eben noch Eisbär Knut, dann der Problembär Bruno und jetzt eben Buckelwal Timmy. Der arme Buckelwal Timmy. Will ich aufrichtig ergänzen. Der Timmy, der über einen Monat lang das ganze Land in Atem hielt. Völlig durcheinander rein in die Ostsee-Bucht, rauf die Sandbank, runter von der Sandbank, wieder die Orientierung verloren und in der eigenen Verwirrung gleich die nächste Sandbank genommen. Drum herum ein Haufen ratloser Experten, Aktivisten, Helfer und mittendrin die BILD. Sozusagen als persönlicher Pressesprecher vom Wal. Der dann schnell auf den Namen „Timmy“ getauft wurde. Auch weil es sich personifizierter noch viel besser mitfühlen lässt. Den Namen und den Rettungsplan haben wir entsprechend schnell für ihn entschieden.
Den Wal konnte niemand fragen. Er konnte ja weder sprechen noch mit der Flosse „Help me“ schreiben.
Und augenscheinlich auch nicht mehr schwimmen. Stuck in the Sand. Vor unseren Augen. Ein Drama! Wie kam er nur hierher? Verwirrung, falsche Fährte, am Ende von uns und unserer Zivilisation angelockt? Wie die Waschbären auf einem Campingplatz? Vielleicht hatte er auch schlichtweg die Schnauze voll. Von dem ganzen Dreck und Müll, der ihm in den Weiten des Ozeans begegnet ist und dachte sich, ich nehme jetzt einmal Kurs auf den Timmendorfer Strand und mach dort Feierband. Eventuell kommt dann die Menschheit zu Sinnen, wenn ich vor ihrer Haustür verrecke. Wale sind ja schlaue Tiere. Das halten wir aber schlichtweg ganz schlecht aus – deshalb ist das mit der Sterbehilfe auch so ein kniffliges Thema - also alle Emotionen auf den Wal. Unseren Timmy. Der muss doch zu retten sein. Während wir parallel übrigens die radikale Abschiebung von Flüchtlingen fordern und uns über das Elend der Obdachlosen in Innenstädten aufregen, weil wir den Anblick kaum ertragen können, obwohl wir selbst gar nicht betroffen sind. Übrigens weitaus unbarmherziger und mit deutlich weniger Liebe versetzt. Das will ich nur einmal nüchtern festhalten.
Mir ist bewusst, dass der Sound dieser Kolumne den emotionalen Tierschützern und Aktivisten unter uns nicht so gefallen könnte.
Deshalb wie so häufig zu Klärung. Seit ich ein kleiner Junge bin, kann ich die Bedeutung von Walen durchaus einordnen. Mit fünf oder sechs Jahren pilgerte ich mit meinen Großeltern auf den Aschaffenburger Volksfestplatz und bewunderte die dortige Wal-Ausstellung, schaute staunend auf seine Größe und erkannte seine biblische Bedeutung und herausgehobene Stellung in der Evolution. Ich halte sie seit dieser Zeit – wie übrigens viele Tiere – für besonders schützenswert und würde allen Walfänger gerne die Harpune von hinten einführen. Ich war sogar einige Jahre Mitglied bei Greenpeace. Und trotzdem oder gerade deshalb irritiert mich die blinde Teilnahme am Schicksal eines Buckelwals, derweil um uns herum mit lautem Getöse die Welt den Bach heruntergeht, Solidarität und Nächstenliebe sich aus der Vordertür verabschieden. Was sagt uns das? Während in Torgau bei Leipzig acht Jugendliche einen obdachlosen und geistig beeinträchtigten Mann völlig sinnfrei zusammentreten, ist Timmy nicht völlig überraschend, im offenen Meer schneller als geplant gestorben. Die ganze Mühe also umsonst. Vielleicht war er bereits zu schwach oder doch krank, möglicherweise hat er sich in aller Ruhe erneut einen Sterbeplatz gesucht und wollte keinen mehr sehen. Und die Moral von der Geschichte? Das ist meine Bitte: Geht mit ein wenig mehr Liebe durch die Gassen, fragt euch, wie der eigene Beitrag zu einer coolen Gemeinschaft aussehen kann, statt den BILD-Livestream von seinem aufgeblähten Kadaver zu glotzen. Hört auf, Frust und Wut an den Schwachen auszulassen. Das ist der falsche Weg und wäre sicherlich auch in Timmys Sinne. Nun denn, mach’s gut, alter Knabe!
