Ich will in diesem Monat nicht lange mit beruflichem Kram nerven, aber ich arbeite in einer Branche, die sich derzeit mit einem hohen Finanzierungsdruck und gleichzeitig wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert sieht. So das Notwendigste für den Moment und in aller Kürze. Mehr muss nicht sein und langweilt am Ende nur die Treuen unter den Lesern oder lockt die Klugscheißer aus der Ecke. Auf Letztere kann ich besonders gut verzichten. Damit komme ich jetzt auch schnurstracks zum Thema.
Vor kurzem traf ich in der U-Bahn eine alte Bekannte. Wir hatten uns lange nicht gesehen und es war ein nettes Hallo. Ich mag die Bekannte. Wir kennen uns nicht besonders gut, aber sie ist eine sympathische Person und keine, bei der ich auf dem Gehsteig die Seite wechseln muss, wenn ich sie entdecke. Wir kamen ins Gespräch und ich erzählte ihr ein wenig von der Arbeit und dass gerade eine besondere Situation auf uns einwirkt. „Transformationsprozesse“ rufen da einige wie aus der Pistole geschossen. Und ich sage dann treu: „Ganz genau, Transformationsprozesse sind das wohl.“
Niemand hat Lust auf autoritäre Führung aus den 80ern.
Die Bekannte meinte, dass das ja ein richtiger „Change-Prozess“ sei, der gut und gerne ein bisschen externe Begleitung gebrauchen könne. Damit alles gut gesteuert ist und alle im Betrieb ordentlich mitgenommen und beteiligt werden. Ich spürte recht wenig Verlangen nach einer tieferen Debatte. Mitarbeitende mitzunehmen ist sicherlich wichtig. Niemand hat Lust auf autoritäre Führung aus den 80ern. Andererseits hilft oft genug auch etwas mehr klare Steuerung und Rahmensetzung. So weit, so gut.
In diesem Format will ich jedoch einmal etwas loswerden. Es gibt hierzulande drei Berufsgruppen, die mittlerweile bevorzugt als Arbeitsfeld gewählt werden. Die eine ist Verwaltung, die andere alles rund ums Prüfen und die dritte läuft allgemein unter Beratung. Manche Prüfer beraten auch noch. Das ist dann eine ganz besondere Mischung. Was diese Berufsgruppen eint, ist, dass sie – in den meisten Fällen – in ihrem Beruf keinerlei Mitarbeitende und auch kein Unternehmen im klassischen Sinne führen. Sie verwalten, prüfen und beraten gerne, ohne jedoch umfangreich Verantwortung für das Ganze zu tragen. Die tragen stattdessen die Betroffenen dieser drei Gruppen. Über die Verwaltung habe ich mich schon häufiger ausgelassen. Trotzdem will ich betonen, dass sie an vielen Stellen wichtig ist. Sie darf es nur nicht übertreiben und muss lernen, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Das Land wird nicht explodieren, wenn ein Haken im Formular falsch gesetzt ist. Nur als Tipp unter Freunden.
Geprüft werden muss ebenfalls ordentlich – sonst brennen Bars oder Autos fallen auf der Straße auseinander. Auch hier gilt der gesunde Menschenverstand als Maßstab: So viel wie nötig, aber nicht übertreiben. Sonst hat am Ende des Tages der Bäcker kein Brot gebacken, dafür aber sämtliche Gefährdungsbeurteilungen für die Backstube verfasst. Das kann nicht Ziel der Sache sein.
Ganz ohne Change, Prozessoptimierung und Beteiligung.
Wer mir allerdings zunehmend auf den Senkel geht, sind die ganzen Berater, Organisationsentwickler und Prozessbegleiter – mitsamt ihren Tipps, Tricks und ihren Moderationskoffern, randvoll mit Post-its, Buntstiften und Methoden-Potpourri. Die meisten von ihnen nur leidlich erfolgreich in realer Führung und selten mit der Erfahrung, ein Unternehmen mit kühlem Kopf durch eine Krise gelenkt zu haben. Sie tun aber so und wissen alles. Wie man Mitarbeitergespräche führt, wie Projekte aufgesetzt werden, wie Change gesteuert wird, wie modernes Leadership trotz leerer Kassen funktioniert, wie mehr Sustainability erzeugt wird und überhaupt: wie man agil durch schwere Zeiten kommt. So erklären sie die Welt. Wie TV-Bundestrainer. Ein Rudel aus Besserwissern und Theoretikern. Mit Tagessätzen, für die eine REWE-Verkäuferin einen Monat arbeiten muss. Herrje.
Ich erklärte der Bekannten, dass ich momentan keinen Bedarf an Beratung habe, wir uns aber gerne einmal auf ein Mittagessen treffen können. Ganz ohne Change, Prozessoptimierung und Beteiligung. Ich will nämlich keine Beratung, ich möchte nur ein Mittagessen.
