Ich weiß, ich weiß. Dieses Land ist seit geraumer Zeit in keiner guten Verfassung. Die Wirtschaft stottert vor sich hin, die Entbürokratisierung kommt nicht recht vom Fleck, die Digitalisierung ist so lahm wie der faule Hund vom Nachbarn Müller und so richtig gute Stimmung mag an keiner Stelle mehr aufkommen. Lauf ich durch die Straßen und Gassen, schau ich in trübe Gesichter, sehe ich hängende Schultern und entdecke ausreichend viel Ratlosigkeit und fiese AfD-Plakate. Trübsal, Schwermut und negative Vibes, wohin mein Auge reicht. Selbst der Kanzler schaut manchmal verloren durch die Brille. Schon lange kein Vorsprung mehr durch deutsche Automobiltechnik. Und German Gründlichkeit wird langsam, aber sicher mehr Last als hilfreiche Kerntugend. Was ist passiert? Wo ist sie hin, die Zuversicht? Das Sommermärchen 2006? Die Kraft, der Mut? Das „Wir schaffen das“ und das in den jungen 2000ern frisch gewonnene Selbstbewusstsein? Die Gastfreundschaft, die Freude an Solidarität? Verloren nach Corona und während des Ukrainekriegs? Irgendwo in der Zeitspanne von Corona-Testzentren und der Fußball-EM? Vielleicht zwischen Elbsandsteingebirge und dem Kölner Dom auf der Strecke geblieben? Ach, ach. Da mag man ja gar nicht mehr vor die Tür. Eben noch Motor von Europa, jetzt wieder der kranke Mann. Verflixt noch mal. Können wir denn wirklich gar nichts mehr? Außer verwalten und richtlinientreu prüfen und testen. Ist keine weitere Kompetenz mehr im Halfter? Einmal abgesehen davon, die komplexesten Datenschutzrichtlinien der westlichen Welt aufzustellen und möglichst komplizierte Antragsverfahren zu entwickeln. Ja, Herrgott, das darf doch nicht wahr sein. Im Land der Dichter und Denker und Raucher und Trinker. Nein, nein, ruf ich von hinten. Es gibt noch was. Etwas, das niemand so gut kann wie wir. Kein Italiener, kein Engländer. Kein Russe und so gut wie kein Amerikaner. Weder Donald Trump noch Mark Zuckerberg und schon gar nicht Peter Thiel. Und da können wir jetzt alle einmal stolz sein. Denn niemand auf der ganzen weiten Welt brettert so schnell durch alle nur denkbaren Eiskanäle. Kein Land der Erde fährt so gut Bob wie wir! Und ich wüsste nur wenige, die noch schneller rodeln als die deutschen Burschen und Frauen vom Bob- und Schlittenverband Deutschland. Na, ist das was? Natürlich ist das was! Alle vier Jahre räumt die deutsche Kufen-Truppe ab, wie weiland Mark Spitz im Schwimmbecken. Monobob, Zweierbob, Viererbob. Rodeln alleine, Rodeln zu zweit. Rodeln im Team, dazu noch die ganze Skeleton-Palette. Männer wie Frauen. Gold, Silber, Bronze. Früher Hackl Schorsch, dann Felix Loch und jetzt eben Max Langenhahn. Same, same, but different im Bob. Hört der eine auf oder schwächelt nur mal kurz, steht schon der oder die Nächste parat. „Wrrrrrummmm“ donnert es durch die Rinne. Mit blanken Kufen, angeschoben mit schnellem Schritt und von kräftigen Armen. Egal wo. Pyeongchang, Peking und jetzt eben Cortina d’Ampezzo. Diesem herrlichen Ort mitten in den Dolomiten. Ich weiß, ich weiß. Jetzt kommen wieder die Nörgler und Kritiker und lästern und schimpfen. Das kann doch nicht alles sein. Warum keine neue Gold-Rosi. Wieso keine Annie Friesinger 2.0? Wo ist nur der Wasi geblieben und früher kehrten doch die Biathleten so reich behangen wie Könige zurück aus fernen Ländern. Jetzt nur noch Bob, Rodeln und sonst fast blanke Kiste. Freunde, ruf’ ich da, haltet alle miteinander mal den Rand. Schaut Euch doch mal um. Die Niederländer können nur Eislaufen und sonst nichts. Wo sorgen denn die einstmals so starken Kanadier noch für Furore? Außer im Eishockey und Curling vielleicht. Trotz der hohen Berge, des vielen Schnees und der enormen Ressourcen. Und ob die Italiener ohne Heimvorteil in vier Jahren in Frankreich noch mal so auftrumpfen, mag ich einmal den Propheten überlassen. Also hören wir auf die Dinge schlechter zu reden als sie sind. Solange die Rodler und Bobfahrer noch liefern, ist in diesem Land und im Sport noch nicht alles verloren.
