Beim inklusiven Stadtspaziergang versammeln sich – unter Anleitung des Stadtjugendrings und der Fachakademie für Sozialpädagogik – Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung beim Bewältigen alltäglicher Aufgaben – seien es Behördengänge, Geschäftsbesuche oder das Erklimmen einer Bordsteinkante – teils mit unüberwindbaren Herausforderungen konfrontiert werden. Sie fühlen sich von Politik, Ladenbetreibern und unachtsamen Passanten im Stich gelassen. Deswegen organisieren sie den regelmäßig stattfindenden Stadtspaziergang, an dem neben Auszubildenden zur Erzieherin der FakS, Betroffene selbst, auch immer Interessierte eingeladen sind, sich für die Problematik sensibilisieren zu lassen, sich kennenzulernen und Awareness zu schaffen. So wie wir FRIZZen. Es folgt ein Erlebnistagebuch des Spaziergangs vom 17.4. dieses Jahres …
Ablauf
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde vor dem Aschaffenburger Hauptbahnhof durch Andi Hefter – die Leiterin der Arbeitsgruppe – werden die Teilnehmer in kleine ausgewogene Gruppen aufgeteilt, mit Rollstühlen, Gehhilfen wie Rollatoren und speziellen Brillen, die bestimmte unterschiedlich stark ausgeprägte Sehbehinderungen simulieren, ausgestattet und auf eine mit Aufgaben gespickte Reise durch die Innenstadt geschickt. Das Equipment dafür wird, wie bei den Inklusionsspaziergängen üblich, vom Sanitätshaus Krüger zur Verfügung gestellt. Auf der Liste steht Alltägliches – Geldabheben, Brötchenkaufen, Busfahrplanlesen, Flyerholen. Eigentlich recht simple Aufgaben. Zumindest wenn man nicht körperlich eingeschränkt ist. Wir FRIZZen schließen uns als teilnehmende Beobachter einer kleinen Gruppe mit Günter Fries – Mitorganisator und Experte in eigener Sache – an und marschieren beziehungsweise rollen los.
© Till Benzin
Inklusionsspaziergang
Mal eben kurz?
Direkt bei der ersten Station wird klar, warum absolute Barrierefreiheit kaum bis gar nicht existiert. Um mit einem Rollstuhl in das Gebäude der Hauptpost zu gelangen, wurde bei der Treppe am Hintereingang ein elektronischer Lift installiert. Soweit so gut. In der Theorie zumindest. Wir gelangen zunächst in den hinteren Bereich des Gebäudes, der mit einer sich von dieser Seite nicht zu öffnen lassenden Tür vom Hauptraum abgetrennt ist. Um in die eigentliche Geschäftsstelle zu kommen, muss man eine aus dem Rollstuhl schlecht zu erreichende Klingel betätigen. Wir warten. Eine freundliche Mitarbeiterin öffnet die Tür. Die Aufgabe: Einen bestimmten Flyer holen. Das Problem: Der Aufsteller ist mit einer sperrigen Flipchart zugestellt, die man im Sitzen nur mit viel Kraft weggeschoben bekommt. Kraft, die vielen Behinderten fehlt. Wir wollen wieder aus der Post hinaus. Gleiches Spiel mit der Tür in die andere Richtung. Dann das böse Erwachen. Die Technik versagt. Der Lift bleibt auf halber Höhe stecken. Es dauert fast eine ganze Stunde bis das Problem gelöst werden kann. In der Zwischenzeit haben wir Kontakt mit technikungeschulten Mitarbeitern und wenig Verständnis. Ein Problem, das uns viele teilnehmende Betroffene über alle möglichen Lebenssituationen bei verschiedenen Einrichtungen an diesem Tag erzählen. Selbst Ärzte seien oftmals nicht in der Lage, sich in das Leben und die Probleme von Betroffenen hineinzuversetzen und verschreiben lebenserleichternde Hilfsmittel – wie zum Beispiel Rollstühle – nicht, die folglich mit großem finanziellem Aufwand aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, erklärt uns eine Teilnehmerin mit Gehbehinderung.
© Till Benzin
Inklusionsspaziergang
Ein holpriger Weg
Nach dem mittelgroßen Intermezzo bleibt bei Weitem nicht mehr so viel Zeit für die restlichen angedachten Aufgaben übrig, weswegen wir uns entscheiden, als nächstes einen Geldautomaten anzusteuern. Auf dem Weg dorthin fällt auf, dass viele Gehsteige entweder sehr abschüssig sind, die notwendige Instandhaltungmaßnahme bereits mehr als überfällig ist oder kaum Blindenleitsysteme bei der Orientierung helfen. Das Vorankommen erweist sich erneut als enormer Kraftaufwand. Wir müssen die Räder durchweg asymmetrisch antreiben, um auf Kurs zu bleiben. Beim Automaten angekommen, offenbaren sich die nächsten Hürden. Knöpfe sind schlecht bedienbar, das Display aus der Sitzposition nur mittelmäßig zu entziffern.
Wir treffen uns anschließend mit den restlichen Gruppen. Die meisten berichten von ähnlichen Problemen bei anderen Stationen. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit beschließen wir alle gemeinsam, über das holprige Kopfsteinpflaster des Schlossplatzes zu einer der immerhin doch ganzen zwei sich im Stadtgebiet befindenden öffentlichen Behindertentoiletten zu bewegen. Diese liegt in der Stadthalle. Auf dem Weg dorthin liegt die dazugehörige Bushaltestelle. Die ausgedruckten Pläne, die die im ganzen Stadtgebiet bis Ende 2024 ausfallenden Displays ersetzen sollen, hängen zu hoch und sind selbst mit gesunder Netzhaut kaum zu lesen. Die Vorlesehilfe ist zusammen mit der restlichen Technik platt. Der anschließende Rollstuhlritt über den Platz malträtiert die Wirbelsäule, der Komfortstreifen ist von angrenzendem Gastromobiliar zugestellt. Die Tür zur Tourist-Info lässt sich nur im Teamwork aufziehen. Ein Stadtplan in leichter Sprache ist zum Glück vorrätig. Das Erreichen der Katakombe als finaler Besprechungsort wird aufgrund der zu steil, zu kurz geratenen Rampe zur allesentscheidenden letzten Herkulesaufgabe. Günter Fries nimmt wegen seines elektrischen Rollsthuls den Haupteingang des Martinushauses und den Aufzug in den Keller.
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Geöffnete Augen & Emotionen
Beim gemeinsamen Abschlussgespräch teilen die Spazierroller und -gänger ihr Erlebtes mit der Gruppe. Vielen Unbetroffenen – darunter die Auszubildenden der FaKs und wir FRIZZen – wurde über den gesamten Stadtspaziergang klar, welche Hürden Menschen mit Behinderung tagtäglich ausgesetzt werden und wie stark Aschaffenburg im Vergleich zu anderen Städten beim Ausbau von barrierefreien Wegen und Zugängen hinterherhinkt. Die Betroffenen fühlen sich im Stich gelassen, sehen dahinter keine böse Absicht, viel mehr Unwissenheit und daraus resultierendes Unverständnis, weswegen sie die Öffentlichkeit mit dem inklusiven Stadtspaziergang und der Lego-Rampen-Aktion der SJR-AG Barrierefreie Stadt darauf aufmerksam machen und sämtliche Bürger für die Belange Aller sensibilisiert werden. Aschaffenburg, hier besteht dringender Handlungsbedarf und der sollte ganz oben auf der Tagesordnung stehen!
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