50 Jahre Utopie passen nicht zwischen zwei Buchdeckel. Vor allem dann nicht, wenn es ums KOMMZ geht. So viele Menschen haben das Festival geprägt, zu viele Geschichten sind entstanden, zu viele Erinnerungen verbinden sich mit drei Tagen im August, die für viele Aschaffenburger längst zu einer eigenen Jahreszeit geworden sind. Genau deshalb versteht sich die Chronik zum Jubiläum nicht als abschließender Rückblick, sondern als Einladung, noch einmal einzutauchen – in fünf Jahrzehnte Kultur, Gemeinschaft und gelebtes Miteinander. Entstanden ist dabei kein klassisches Geschichtsbuch. Statt eines einzelnen Autors haben zahlreiche Menschen mitgeschrieben, die das KOMMZ über Jahrzehnte begleitet und geprägt haben. Historikerin und Stadtheimatpflegerin Dr. Anika Magath, die das Projekt wissenschaftlich begleitet hat, beschreibt das Ergebnis deshalb mit einem Satz, der passender kaum sein könnte: „Die Chronik ist komplett KOMMZig.“
In der Tat spiegelt schon die Entstehung das wider, wofür das Festival seit Tag eins steht: Wer etwas erzählen wollte, durfte erzählen. Wer Erinnerungen beisteuern konnte, schrieb sie auf. Andere führten Zeitzeugeninterviews, sichteten Zeitungsarchive oder durchforsteten alte Fotos. Aus vielen einzelnen Perspektiven entstand so ein gemeinsames Ganzes – genauso wie auch das Festival selbst jedes Jahr aufs Neue entsteht.
KOMMZ-Zeit
Die Chronik beginnt deshalb nicht einfach mit Jahreszahlen. Sie erzählt von den Anfängen in den 1970er-Jahren, vom Jugendhaus in der Treibgasse, aus dem das Festival hervorging, von politischen Auseinandersetzungen und den ersten Schritten einer Gruppe junger Menschen, die einen Ort schaffen wollte, an dem Kultur, Begegnung und Selbstorganisation selbstverständlich zusammengehören. Von dort aus entwickelt sich die Geschichte ganz natürlich über die Jahrzehnte weiter.
Doch genauso wichtig wie der historische Rückblick sind die Themen, die das KOMMZ bis heute ausmachen. Musik, Kunst, Ausdruck und Bühnen finden ebenso ihren Platz wie die Menschen hinter den Kulissen. Denn wer das Fest kennt, weiß, dass sich seine Besonderheit kaum über das Programm erklären lässt. Sie entsteht nicht nur im Miteinander und der einmaligen Stimmung am Wochenende selbst. Die Basis dafür wird von den KOMMZlern schon viel früher geschaffen: Irgendwo zwischen Aufbauwoche, langen Diskussionen, improvisierten Lösungen und dem gemeinsamen Ziel und der Sicherheit, dass am Freitag alles fertig ist. Gerade diese Arbeitsweise zieht sich wie ein roter Faden durch die Chronik. Basisdemokratie klingt oft nach einem abstrakten Begriff, hier bedeutet sie vor allem Aushandeln. Ideen treffen aufeinander, Meinungen unterscheiden sich und nicht jede Entscheidung fällt leicht. Dass sich dabei über Jahrzehnte auch feste Strukturen entwickelt haben, wird im Buch ebenso ehrlich thematisiert wie die Frage, wie Mitglieder in der Gruppe Verantwortung übernehmen können. „Es ist wahnsinnig schwer, sich das am Anfang zuzutrauen“, erzählt Birgit Karl, eines der langjährigen Mitglieder. „Wer neu dazukommt, beobachtet zunächst viel, hört zu und sucht seinen Platz. Gleichzeitig lebt das KOMMZ genau davon, dass sich immer wieder Menschen einbringen und das Festival weiterentwickeln. Die Chronik verschweigt diese Spannungsfelder nicht, sondern macht sie zu einem Teil der Geschichte“, so David Seelmann, der selbst vor einigen Jahren zur Gruppe dazugestoßen ist.
KOMMZ 1976
Das Buch verliert dabei, wie das Festival selbst, nie seinen Charme und Humor. Zwischen historischen Entwicklungen finden sich Anekdoten, die heute fast unglaublich wirken. Von Weintransporten, die an der österreichischen Grenze beinahe als Schmuggel endeten, über versehentlich doppelt belegte Festivalgelände bis hin zu Geschichten, die wohl nur beim KOMMZ passieren konnten. Es sind genau diese kleinen Erinnerungen, die zeigen, dass Geschichte nicht nur aus großen Ereignissen besteht, sondern vor allem aus den Menschen, die sie erleben, prägen und weitergeben.
Beim Lesen wird schnell deutlich, dass das KOMMZ nie nur ein Festival war. Über Jahrzehnte entstanden aus der Gruppe immer wieder neue Initiativen, kulturelle Projekte und politische Impulse für die Stadtgesellschaft. Viele Entwicklungen, die heute selbstverständlich wirken, wurden hier mitangestoßen oder begleitet. Gleichzeitig blieb der Kern stets derselbe: einen Ort zu schaffen, an dem Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder Lebensweise zusammenkommen können. Dass dieser Anspruch heute aktueller denn je ist, zieht sich ebenfalls durch die Gespräche für die Chronik. Gesellschaftlicher Zusammenhalt, demokratische Werte und kulturelle Vielfalt werden längst nicht mehr als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Umso wichtiger erscheint vielen Beteiligten ein Festival, das seit 50 Jahren zeigt, dass Gemeinschaft nicht einfach entsteht, sondern immer wieder neu gestaltet werden muss.
Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieser Chronik: Sie feiert das Jubiläum, ohne nostalgisch zu werden. Sie erzählt von Erfolgen und macht deutlich, dass Veränderung schon immer Teil des KOMMZ war. Das Festival ist heute nicht mehr dasselbe wie 1975 und genau darin liegt seine Beständigkeit. Wer dieses Buch liest, erfährt deshalb nicht nur, wie sich das Fest verändert hat. Man versteht auch, warum so viele Menschen Jahr für Jahr zurückkehren. Nicht wegen einer einzelnen Bühne oder eines bestimmten Konzerts. Sondern wegen eines Orts, der über Generationen hinweg gezeigt hat, dass Kultur mehr sein kann als Unterhaltung. Die KOMMZ-Chronik erscheint pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum und umfasst 176 Seiten voller Erinnerungen, Bilder und Geschichten. Sie ist damit weit mehr als ein Jubiläumsbuch. Sie ist das kollektive Gedächtnis eines Festivals, dessen Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist.
Kosmos KOMMZ
Jubiläumsausstellung: noch bis 13.9.; Stadt- & Stiftsarchiv, Aschaffenburg
Seit über fünf Jahrzehnten gehört das KOMMZ zur kulturellen Identität Aschaffenburgs. Das Stadt und Stiftsarchiv beleuchtet die Bedeutung des KOMMZ als Musikfestival, politischen Freiraum und gelebte Gegenkultur. Fotografien, Dokumente und Erinnerungsstücke zeigen, wie eng die Geschichte des KOMMZ mit der Stadt und ihrer Kulturszene verbunden ist. Dabei geht es nicht nur um Nostalgie, sondern auch um die Frage, warum das Festival bis heute Generationen prägt und weiterhin unzählige Menschen in den Nilkheimer Park zieht. Der „Kosmos KOMMZ“ wird beleuchtet. Auch für Besucher, die das KOMMZ bislang nur vom Hörensagen kennen, eröffnet die Schau spannende Einblicke in über 50 Jahre Aschaffenburger Kulturgeschichte.
ÖZ: Di.–Fr. 11–16 Uhr; 8./9.8., 22./23.8., 12./13.9., je 11–16 Uhr
www.stadtarchiv-aschaffenburg.de
50 Jahre KOMMZ – Die Chronik
ALIBRI Verlag | 176 Seiten | ISBN: 978-3-86569-458-4 | Preis: 25 Euro
Herausgeber: Dr. Anika Magath & David Seelmann mit Freundeskreis für Kultur e. V./KOMMZ
Satz & Gestaltung: Thomas Bannier, B, E & CK – Lisa Beck
