Was macht den Sonntagabendkrimi oder den Stephen-King-Thriller neben Drehbuch und guten Mimen so richtig spannend? Richtig, die Klangwelten zu den Szenen, die Filmmusik, das akustische Gewand – wie auch immer man das nennen mag. Denn selbst die dramatischste Wendung und das nervenaufreibendste Finale wären nicht halb so aufregend ohne den passenden Sound im Hintergrund. Und das erklärt vielleicht auch, warum eine Krimilesung bislang noch nie wirklich rundum gekickt hat.
Doch die Rettung naht – und das sogar vor der Haustüre. Hier kommt „Das lebendige Hörbuch“, ein völlig neuartiges Lese-Event mit live gespielter Filmmusik. Alle Fans von packenden Storys, Hörbüchern und -spielen oder auch gut gemachten Podcasts werden an hoch fesselnden Plots, tollen Stimmen und abgefahrenen Live-Sound-Welten definitiv ihre Freude haben.
Der Urheber des Konzepts, der Frankfurter Rainer Simon, seines Zeichens Multiinstrumentalist und Entertainmentexperte, hat beim FRIZZ-Gespräch vorab mal genauer erklärt, wie das funktioniert.
FRIZZ Das Magazin: Lesungen mit musikalischer Begleitung gibt es viele. Worin genau liegt der Unterschied zum „Lebendigen Hörbuch?
Rainer Simon: Bei Lesungen mit Musik wird sehr oft nur mit Gitarre oder Klavier eine Geschichte dezent untermalt. Für „das lebendige Hörbuch“ aber nutze ich ein umfangreiches Set-up mit vielen unterschiedlichen Instrumenten und orientiere mich beim Sounddesign an sogenannter Score-Musik. Das ist die Musik, die während eines Films oder einer Serie die Szenen unterstützt. Ein Kollege beschrieb es einmal als Lesung im Live-Hörspiel Stil, quasi einen Tatort für die Ohren (lacht).
Das lebendige Hörbuch
Welches Schlüsselerlebnis brachte dich auf die Idee, gelesene Texte mit zahlreichen Instrumenten live zu untermalen?
Ich habe jahrelang mit Bands auf der Bühne gestanden und wollte irgendwann etwas völlig Neues machen. 2012 fragte mich ein Promoter, ob ich nicht mal bei einer Lesung „mit ’ner Klampfe etwas dazududeln“ könnte. Und meine Antwort war „ja, lass mal machen!“ Als ich an dem Abend mit dem halben Studio vorgefahren bin, bekam er Angst (lacht). Zu den Lesenden habe ich gesagt, dass sie einfach anfangen und sich nicht erschrecken sollen. Und so haben wir losgelegt, der Abend war für alle sehr inspirierend und obwohl das Publikum im Rahmen der offenen Kulturnacht hätte kommen und gehen können, wurde es immer voller und keiner ist mehr gegangen. Das war der Startschuss.
Du bedienst alle Instrumente während der Show alleine. Welche kommen zum Einsatz?
Ich verwende ein Piano-Masterkeyboard , zwei bis drei Synthesizer, drei Akustik- und E-Gitarren und einen
Bass. Dazu kommen noch ein oder zwei Percussion-Pads und ein Koyabu-Symmetric-Board. Letzteres ist sehr auffällig und inzwischen fast schon ein Markenzeichen der Show.
Das Koyabu-Board dürften die allerwenigsten kennen. Kannst du uns dieses beeindruckende Instrument kurz näherbringen?
Das Koyabu-Board ist ein sogenanntes Tap-String-Instrument und im Prinzip Gitarre und Bass in einem. Es wird aber nicht durch Zupfen gespielt, sondern durch direktes Tapping mit den Fingerkuppen. Ein verwandtes Instrument ist der Chapman-Stick, den einige vielleicht von der Blue Man Group oder Peter Gabriel kennen. Das Besondere am Koyabu ist der Ausbau mit speziellen Pick-ups, mit denen ich drei Gitarren-Synthesizer ansteuern kann. So kann ich nahezu alle nur erdenklichen Klänge eines Synthesizers mit einem Saiteninstrument kombinieren. Klingt ein wenig nerdig, ich weiß. Aber vielleicht ist es das auch. (lacht)
Das lebendige Hörbuch
Wie kam die Zusammenarbeit mit den lesenden Künstlern zustande?
Über drei Ecken bekam ich Kontakt zu Matthias Keller, einem sehr gefragten Synchronsprecher, den viele aber auch von den U-Bahn Kontrollören in tiefgefrorenen Frauenkleidern kennen. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und immer wenn er Zeit hat, ist er dabei. Zusammen mit Nicola Steines, einer Sprecherin und Schauspielerin aus Koblenz, bildet er so etwas wie das Basisensemble. Das Konzept sieht aber auch durchaus vor, mit wechselnden Sprechern und Schauspielern zu arbeiten. Und da „Das lebendige Hörbuch“ gerade richtig Wellen schlägt, bekomme ich viele Zuschriften und Angebote von interessierten Künstlern, was mich sehr freut.
Wie läuft dein Kreativprozess ab, wenn du dich auf die Begleitung der Texte vorbereitest? Schreibst du für die Texte eine individuelle Filmmusik oder orientierst du dich an anderen Quellen?
Die Sprecher schicken mir ihre Geschichten rough gelesen als Audiodatei. Ich höre das im Studio ab, spiele mit dem Live-Instrumentarium locker dazu und nehme das auf. Anschließend analysiere ich die Aufnahme und überlege, was passt und was nicht. Danach geht das detaillierte Sounddesign richtig los, was auch die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Wobei das live dann auch wieder variieren kann, denn im Endeffekt arbeite ich wie ein Maler, der eine große Palette an Farben hat. So sind auch die Performances nie gleich. Die Interaktion zwischen den Lesenden und mir ist jedes Mal aufs Neue eine echte Herausforderung und erfordert eine hohe Konzentration. Macht aber eben auch einen Riesenspaß!
Welche Texte gibt’s im Zeughaus zu hören?
Das will ich noch nicht final verraten, am Ende liest einer das dann schon daheim vor (lacht). Aber da Krimis und Grusel unsere Lieblinge sind, wird’s ein sehr spannender Abend. Autoren wie Stephen King, Edgar Allan Poe oder Ralf Kramp geben dabei die Richtung vor.
Was muss das Aschaffenburger Publikum tun, damit du deinen Enkeln noch von diesem Abend erzählen wirst?
Wenn es den Leuten gefällt und wir wiederkommen dürfen – oder noch viel besser „müssen“ (lacht) – wäre ich sehr glücklich. Außerdem kenne ich Aschaffenburg sehr gut, habe dort viele Musikerkollegen und Freunde und freue mich einfach sehr auf den Abend!
